Die Österreicher hüpfen nur

Erst hatten sie kein Glück, dann kam auch noch Pech dazu: Österreichs Skispringer sind ausgerechnet jetzt krank, da die Vierschanzentournee in die Heimat kommt.

Schwere Enttäuschungen: Die Chancen, dass das österreichische Team um Stefan Kraft an der Vierschanzentournee noch in den Kampf um den Gesamtsieg eingreift, sind verschwindend klein.

Schwere Enttäuschungen: Die Chancen, dass das österreichische Team um Stefan Kraft an der Vierschanzentournee noch in den Kampf um den Gesamtsieg eingreift, sind verschwindend klein.

(Bild: Keystone)

Ein ideales Neujahrserwachen für einen Skispringer dürfte so aussehen: Der blaue Himmel leuchtet, und sofort rückt die Olympiaschanze von Garmisch-Partenkirchen ins Bewusstsein. Der Athlet atmet die frische Luft ein und ist, wie zum Beispiel Stefan Kraft aus Österreich, kaum noch zu bändigen. Am liebsten spielt der nach dem Frühstück ein bisschen Fussball und albert anderweitig herum, während er sich aufs Fliegen freut. «Ich bin einer, der vor dem Wettkampf gerne voll aktiviert ist», sagt er.

Doch als Stefan Kraft diesen Mittwoch aufwachte, da war der Himmel zwar blau, aber seine Nase verstopft, die Lider lasteten schwer, die Beine waren müde. Kraft ist einer der beständigsten Skispringer dieser Zeit. Er war schon Weltmeister 2017 und Tourneesieger 2015, und von allen Zeitgenossen in diesem Sport am öftesten unter den Top drei im Weltcup. Er scheint keine langen Krisen zu kennen, kommt aus Formtiefs schneller raus als andere, und er ist auch ein Team-Player, weil er den Schmäh liebt. Es wirkt zurzeit, als grinse Kraft immer und überall. Nur nicht in Garmisch-Partenkirchen.

Am Neujahrstag verlor Österreichs Topspringer abermals den Anschluss an die Tourneespitze, und mit ihm erlebte das ganze Sprungteam zum dritten Mal nacheinander eine schwere Enttäuschung. Wieder einmal wich für Österreich genau dann die Spannung aus der Tournee, wenn sie nach Österreich hinüberwechselt. Die Chancen, dass einer doch noch im Kampf um den Gesamtsieg eingreifen könnte, sind verschwindend klein.

Schon 2017 überkam diese Mannschaft auf der Reise nach Innsbruck eine Magen-Darm-Attacke, die vor allem im Doppelzimmer Michael Hayböck/Kraft zuschlug. 2018 und 2019 hatte Kraft an Neujahr mangels Form alle Tournee-Aussichten verloren, und nun lag es wieder an einem Infekt, der sich langsam in alle Zimmer vorgearbeitet hatte. Kraft sagt, er habe ein Schmerzmittel genommen, aber: «Da haut es dir den Schweiss raus, und alles ist anstrengend.»

Bald wieder schlagkräftig?

So stellt sich nach der Jahreswende abermals die Frage, wann die Österreicher wieder eine schlagkräftige Mannschaft aufstellen, die bei der Tournee auch in Innsbruck und Bischofshofen Stimmung entfacht. Jene Stimmung, die nicht nur Partyfröhlichkeit darstellt, sondern Vorfreude und Spannung und die Lust am Diskutieren über die Chancen der eigenen Mitfavoriten. Mit dem Trainerwechsel von Heinz Kuttin zu Andreas Felder vor zwei Jahren wurde ein wichtiger Schritt getan, aber von den Jüngsten hat es bislang nur der 21-jährige Jan Hörl ins Weltcupteam geschafft. Sonst hängt noch alles an Kraft.

Immerhin, der ist beständig, auch deshalb, weil er die Dinge mit Leichtigkeit zu nehmen weiss. Krisen kann er recht schnell verarbeiten, selbst wenn der nächste Tag grau und verhangen ist. Ausserdem scheint Kraft seine Sportart auch immer ein bisschen zu karikieren, wenn er statt «Springen» «Hupfen» sagt. Bei der Neujahrs-Krise vor einem Jahr hatte er sich schnell wieder gefangen, beim Bergiselspringen in Innsbruck mit Platz zwei gekontert und somit zumindest einen Tageserfolg für Österreich erzielt.

Ja, die Hymne

Und auch nun, am ersten Tag nach Neujahr des Jahres 2020, da wirkte er wieder gelöst und beantwortete sämtliche Fragen ausführlich, auch manche, die Radiokollegen eben stellen müssen, etwa die nach dem Singen der Nationalhymne: «Ja», sagte Kraft ganz ohne Routine in der Stimme, «ich bin ein Patriot und singe schon gerne die Hymne, ich weiss, wie gut es uns geht, und das schätze ich.»

Die Hymne kann er aber nur mitsingen, wenn er auch gewinnt am Bergisel oder vielleicht am Dreikönigstag in Bischofshofen, beim vierten Springen. Auch das wird nicht ganz einfach, weil im Japaner Ryoyu Kobayashi, dem Deutschen Karl Geiger und dem Polen Dawid Kubacki drei Springer um den Gesamtsieg streiten, die in Bestform sind und bereit, heute Samstag schon in Innsbruck voll zu attackieren. Die drei haben sich nicht umsonst schon um zehn Punkte vom Rest des Feldes abgesetzt.

Andererseits hatte das Trio in Garmisch-Partenkirchen ja auch schon dominiert, und trotzdem, so könnte sich der wieder erholte Stefan Kraft nun sagen, trotzdem kam der 21-jährige Norweger Marius Lindvik aus dem Nichts daher – und ist vor den dreien auf Platz eins g’hupft.


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