Die lahme Langlauf-Familie

Wenn heute die 13. Tour de Ski beginnt, zeigt sich, woran der Traditionssport krankt: Ihm fehlt es an Innovationen.

Wo Langlauf trotz allem die Massen begeistert: Jubel am Holmenkollen in Oslo. Foto: Trond Tandberg (Getty Images)

Wo Langlauf trotz allem die Massen begeistert: Jubel am Holmenkollen in Oslo. Foto: Trond Tandberg (Getty Images)

Christian Brüngger@tagesanzeiger

Im Gründen von Komitees sind die Langläufer top. Allein im Internationalen Skiverband haben sie neben der Exekutive eines für die Frauen, die Wettbewerbe, die Regeln, die ­Jugend, die Entwicklung, den Sommer – und zur Popularisierung des Langlaufs. Nur: Wer als Zuschauer wie jüngst an den Weltcuprennen in Davos vor Ort war, fragt sich: Was tun die eigentlich?

Die Distanzrennen plätscherten dahin, weil man die Athleten auf ihren Runden durch die Wälder bloss kurz beim Durchlauf im Stadion erblickte. Der Speaker war lau, dafür chauvinistisch, das Rahmenprogramm inexistent. Davos aber ist keine Ausnahme, sondern die Regel. Man muss als Zuschauer bei Weltcuprennen also eher masochistisch veranlagt sein, damit man sich solche Wettbewerbe antut (zumal das kulinarische Angebot stets sehr bescheiden ist).

Die Konsequenz: Wenn heute mit der Tour de Ski die Prestigeserie der Langläufer in Toblach (ITA) beginnt, kann man die Fans mit Handschlag begrüssen, derart wenige werden sich im Stadion verlieren. Stimmung? Eher nein.

Die grossen Fragen werden gemieden

Natürlich wissen diese Langlauf-Komitees bzw. ihre Funktionäre um die Misere. Bewegt aber haben sie ihren Sport zuletzt im Schneckentempo. Denn alle Innovationen, die man auch als solche bezeichnen kann, liegen weit zurück. Sie fanden um die Jahrtausendwende statt und scheinen die Langlauf-Familie so ermüdet zu haben, dass man sich seither erholen muss.

Denn die Einführung des Sprints, des Massenstarts und des Skiathlons (also dem Wechsel von den Skating- auf die Klassisch-Ski) waren neben der Lancierung der Tour de Ski (06/07) die grossen Änderungen. Seither debattiert man in den Gremien lang und hitzig darüber, ob die Klassischstöcke nun 85 oder 83 Prozent der Körperlänge betragen dürfen – oder wie man die Kostenspirale im Servicebereich in den Griff bekommen könnte.

Die grossen Fragen des eigenen Sports aber scheinen die Langläufer eher zu meiden – selbst die Athleten. Zumindest ist keiner von ihnen aufgefallen mit Kritik am Zustand seines Sports oder Ideen, wie man ihn popularisieren könnte.

Mehr von anderen Sportarten lernen

Dabei hätten bescheidene Änderungen bereits substanzielle Auswirkungen. Denn selbst in diesem Winter läuft die Mehrheit der Weltcuprennen via Einzelstart ab, was gar bei manchem treuen Langlauf-Fan einen Einschlafreiz auslöst und dazu führen könnte, dass der Sport dereinst bloss noch in der warmen Stube am Fernsehen verfolgt wird. Dort kann man die Athleten viel genauer beobachten und ist erst noch besser informiert.

Reduzierte man nur schon die Zahl an Einzelstarts und verkürzte die Rundenlängen, damit das Publikum vor Ort die Athleten vermehrt sähe, erhöhte sich der Spass am Zuschauen. Daneben täte das Langlaufen gut daran, mehr von anderen, weitaus reformfreudigeren Sportarten zu lernen.

Mehr Können zeigen

Hier ein paar Beispiele, die nun wahrlich keine Geistesblitze bedingen: 1. Teamwettbewerbe, in denen Männer und Frauen zusammen laufen (wie beim Biathlon oder Skifahren). 2. Teamzeitrennen, wie sie die Radfahrer in ihren Equipen-Zeitfahren kennen. 3. Einsätze mit einem «Einheitsski», um das Wettrüsten im Service zu minimieren. Alle Athleten müssten mit derselben Marke und derselben Präparierung der Ski antreten (der Hersteller würde wechseln, um alle Produzenten zufriedenzustellen). 4. Skiathlon ohne Vorgabe der Stilabfolge, damit der taktische Spielraum grösser würde (zurzeit muss erst mit Klassisch-, dann mit Skating-Ski gelaufen werden). 5. Ein Ski- und Stilwechsel jede Runde mit kurzen Runden, damit die Zuschauer vor Ort mehr erleben.

Die Liste liesse sich verlängern. Natürlich wären einige dieser Ideen schwierig umzusetzen. Entscheidender ist: Will das Langlaufen auffallen, muss es dafür Geschichten kreieren, die haften bleiben. Im Langlaufen jedoch erhalten die Athleten solche Chancen fast nur über die epischen 50 km – und ausser am legendären Holmenkollen auch nur alle zwei Jahre am Grossanlass. Sie hätten es verdient, mehr von ihrem Können zeigen zu dürfen – auch zur Freude der Zuschauer.

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