Lara Guts tiefe Erkenntnis

In Val-d’Isère zeigte die Schweizerin wieder, dass ihr Weg der richtige ist. Wie sie auf die Mini-Baisse mit einem Sieg reagieren konnte.

Sie habe sich nach ihren Ausfällen wiedergefunden, sagt Lara Gut zum Erfolg im Super-G. Foto: Christophe Pallot (Getty Images)

Sie habe sich nach ihren Ausfällen wiedergefunden, sagt Lara Gut zum Erfolg im Super-G. Foto: Christophe Pallot (Getty Images)

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Plötzlich meinte es Val-d’Isère schlecht mit ihr. Der Ort, an dem sie stets auf einer Wolke zu schweben schien, an dem sie fast machen konnte, was sie wollte – und es gut kam. Nirgends war Lara Gut erfolgreicher als hier in Savoyen. Immer war es ein Heim­kommen für die Tessinerin, die im Nobelort als Mädchen manche Winterferien verbrachte. So war das auch in der letzten Woche, als sie gerade angereist war und von der Liebe zu diesem Tourismusdörfchen erzählte, von der Energie, die sie hier spüre.

Es kam das erste Training zur ­Abfahrt auf der Piste Oreiller-Killy – und alles war so wie immer. Gut liess die Konkurrenz um eine Sekunde und mehr hinter sich. Es bahnte sich das grosse Wochenende an für die 25-Jährige. Von 300 Punkten wurde geredet, die sie hier holen könne, mit Siegen in der Kombination, der Abfahrt, im Super-G. Vom angenehmen Vorsprung auf Mikaela Shiffrin in der Gesamtwertung, den sie mitnehmen würde nach Courchevel, wo morgen ein Riesenslalom ansteht, während die US-Amerikanerin nach einer einwöchigen Pause, eingelegt wegen Müdigkeit, zurückkehren würde.

Es kam das zweite Training, Gut war noch Dritte, in der Kombinations­abfahrt dann Siebte, im Slalom schied sie aus. Das gute Gefühl, all die positive Energie – wie weggeblasen. Gut kauerte im Zielraum, weinte, ihr Vater und Trainer Pauli Gut stand daneben, versuchte sie zu trösten.

Das Materialproblem

Dass sie ausgeschieden war, damit hätte Gut umgehen können. Dass sie aber «den Ski nicht spürte», wie sie es sagt, das setzte ihr zu. «Ich bin eine Skirennfahrerin, die das gute Gefühl braucht. Wenn ich meine Ski nicht fühle, kann ich nicht angreifen. Es wird zum Albtraum.» So war das auch am Samstag, als sie in der Abfahrt ebenfalls ein Tor verpasste. Darauf reagierte Gut allerdings ruhiger, sie wusste mittlerweile, dass es nicht primär an ihr lag, dass sie in Form ist, trotz des enormen Programms. Dass es eben – neben dem persönlichen Gespür für das Material und den Schnee – auch einen ganz technischen Grund dafür gab, weshalb sie den Ski nicht spürte. «Es gibt Tage, an denen man nicht alles zusammenbringt», so sagte sie das. Sollte auch heissen: Das Material war nicht optimal. Pauli Gut bestätigte gestern: «Der Ski war zu aggressiv, wir mussten die Kanten etwas runder machen, damit sie mehr spielen kann mit dem Ski.» Auf die durch die tiefen Temperaturen härter gewordene Piste war nicht ideal reagiert worden.

Im Super-G ging dann aber alles auf. Gut beendete die Mini-Baisse mit einem Sieg und verlässt Val-d’Isère einmal mehr mit einem Lächeln, wie sie es selber sagt.

Die Erkenntnis von diesem Wochenende liegt für sie viel tiefer als darin, dass sie Probleme mit dem Material zu beheben weiss, die seit dem Wechsel zu Head im Vorjahr rar geworden sind. Das gehört zur Selbstverständlichkeit für eine Gesamtweltcupsiegerin. Auch viel tiefer als darin, dass sie es versteht, auf einen Rückschlag zu reagieren – das hat sie schon zur Genüge bewiesen. Die Art aber, wie sie das schaffte, zeigte Gut gerade in diesen fordernden Tagen in den französischen Alpen, wie richtig ihr etwas eigener Weg doch ist. Wie wichtig es ist, dass sie in ihrem Privatteam die Leute um sich hat, die sie verstehen, «ohne dass ich viel reden müsste. Sie kennen mich eigentlich besser, als ich mich selber kenne.» Leute wie ihr Vater, die sich auf sie einlassen, sich Zeit nehmen nur für sie.

Versöhnung mit dem Kraftort

Sie habe ihr Herz geöffnet, sagt Lara Gut an diesem Sonntagmittag, an dem sie ihre spirituelle Seite zeigt. Sie habe beschrieben, dass ihr dieses gewisse Gefühl eben fehle, diese Energie, die sie sonst so stark macht, gerade hier in Savoyen. «Ich glaube an Energien. Manchmal kämpfe ich gegen mich selber, manchmal aber auch gegen Dinge, von denen ich gar nicht wusste, dass es sie gibt. Mein Team konnte mir zeigen, dass nichts falsch war an dem, was ich machte.»

Am Morgen vor dem Start zum Super-G habe sie dann nicht mehr darüber nachgedacht, was schlecht gelaufen war, was sie besser hätte machen sollen in den Tagen zuvor. «Ich ging nur raus und sagte: ‹Das bin ich. Das ist, was ich heute habe.› Und vom ersten Tor weg ging es so, wie ich es wollte», sagt Gut. «Ich hatte wieder­gefunden, was ich gesucht hatte. Ich hatte mich selber wiedergefunden.» Dank ihrem Team.

Es kam so zur Versöhnung mit Val-d’Isère, Lara Guts Kraftort. «Normalerweise komme ich hierher, alles ist grossartig, und ich muss nicht viel nachdenken, es funktioniert einfach. Nun hatten wir ein grosses Missverständnis.» Das ist ausgeräumt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.12.2016, 21:25 Uhr

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