Für die Abfahrer ist der Weltcup unfair

Warum die Abfahrer nicht nur am Lauberhorn die Leidtragenden sind, sondern schon den ganzen Winter.

Für die Abfahrer gilt in dieser Saison das Motto «runter kommen sie immer» nur bedingt. Häufig dürfen sie gar nicht erst rauf an den Start.

Für die Abfahrer gilt in dieser Saison das Motto «runter kommen sie immer» nur bedingt. Häufig dürfen sie gar nicht erst rauf an den Start. Bild: Keystone

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Es ist Mitte Januar. Fast drei Monate ist es her, seit die Skifahrer den Weltcupwinter in Sölden eröffneten. Schon über die Hälfte der Rennen sind gefahren, 19 an der Zahl, manch eine Entscheidung naht. Die Athleten haben sich eingefahren für den Höhepunkt, die WM in St. Moritz in drei Wochen.

Die Slalomfahrer mit ihren sechs Rennen, die Riesenslalomspezialisten mit ihren fünf Wettbewerben und dem Parallelwettkampf. Zwölfmal standen die Techniker also schon am Start, manch einer zusätzlich noch in der Kombination, der Randdisziplin, bei vielen Fahrern und Funktionären unbeliebt. Zwei Rennen in der Kombination gab es – und damit gleich viele wie, ja, wie in der Abfahrt, dem vermeintlichen König des Skizirkus.

Am Samstag zogen die Speedspezialisten einmal mehr unverrichteter Dinge ab. Wie in Lake Louise, Beaver Creek und Santa Caterina war auch am Lauberhorn keine Abfahrt möglich. Inklusive Super-G gab es bis jetzt fünf Rennen in den schnellen Disziplinen. Wären Val-d’Isère (Super-G und Abfahrt) und Santa Caterina (Super-G) nicht eingesprungen, wären es ganze zwei.

Reichelt nennt es «Skandal»

Für die Athleten ist es auch so ein riesiger Frust, im Gesamtweltcup führt Marcel Hirscher vor Henrik Kristoffersen und Alexis Pinturault – allesamt Techniker. Für die Tempobolzer geht es aber nicht nur um sportliche Ehren, sondern um Existenzielles, hatten sie doch bislang auch nur fünf Chancen auf Preisgeld in ihren Hauptdisziplinen.

Hannes Reichelt, der 36-jähriger Routinier, bei den letzten fünf Abfahrten in Wengen immer auf dem Podest, sprach vor diesem Wochenende von «Wahnsinn», von «Skandal» gar, «das Verhältnis passt nicht mehr». Schon oft habe er das bei Kongressen des internationalen Skiverbandes FIS angesprochen, geändert hat sich nichts.

Das hat viele Gründe. Zum einen ist es für einen Veranstalter um ein Viel­faches einfacher, einen Slalom- oder Riesenslalomhang zu präparieren als eine Abfahrtspiste – zumal sich bei weitem nicht jeder Hang für eine Tempostrecke eignet. Zudem können die Techniker auch fahren, wenn das Wetter nicht optimal ist.

Warum keine Abfahrt am Sonntag?

Gerade deshalb aber ist unverständlich, wieso sogar im ursprünglichen Kalender die Speedfahrer gegenüber den Technikern benachteiligt waren, was Anzahl Rennen betrifft. 15 Abfahrten und Super-G waren geplant – dagegen 18 Slaloms und Riesenslaloms.

Mit dieser Ausgangslage und nun diesem Wetter, das den Abfahrern übel mitspielt, müsste die FIS alles daran­setzen, wenn immer möglich eine Abfahrt durchzuführen. Hätte in Wengen nach der Absage am Samstag nicht versucht werden können, am Sonntag zum Rennen zu starten und dafür den Slalom zu opfern?

Nicht nur manch ein Abfahrer schüttelte den Kopf, weil das nicht getan wurde – zumal das Wetter am Sonntag dann deutlich besser war. Sowohl für den Veranstalter als auch für Markus Waldner, den Renndirektor der FIS, war das aber nie eine Option.

Die Abfahrer sind Bettler

Die Organisatoren sprachen von der «gleichen Wertigkeit» der beiden Rennen am Lauberhorn. Davon, dass das gegenüber den Slalomspezialisten unfair gewesen wäre. Doch unfair ist in erster Linie, wie es derzeit den Abfahrern ergeht. Sie sind in diesem Winter keine Könige, sondern Bettler.

Die Organisatoren hätten auch diese Möglichkeit gehabt: Sie hätten bereits am Donnerstag festlegen können, dass die Abfahrt auf Sonntag und der Slalom auf Samstag verschoben wird, wie sie das 2015 getan hatten. Weil die Prognosen für Sonntag nicht deutlich besser waren, beliessen sie es beim Programm. Eine Rochade wäre sehr umständlich gewesen – und das ohne die Sicherheit, dass am Sonntag auch ­wirklich (ab-)gefahren werden kann.

Die Versicherung bezahlt so oder so

Doch aus sportlicher Sicht, und gerade auch aus Gründen der Fairness, hätten sie es riskieren müssen, auch wenn die Aussichten nur minim besser waren für Sonntag. Es hätte ja auch finanziell keine Konsequenzen gehabt. Das Schweizer Fernsehen hätte mitgemacht. Und: Die Abfahrt wäre auch am Sonntag versichert gewesen. Bei einer Absage wäre also ebenso ein Grossteil des 7-Millionen-Budgets gedeckt gewesen, wie das nun der Fall war.

An anderen Weltcuporten ist das deutlich komplizierter. Hannes ­Reichelt hätte es zum Beispiel begrüsst, wenn die Abfahrt in Santa Caterina zwei Tage später, nach der Kombination, nachgeholt worden wäre, «aber wahrscheinlich ging das aus politischen und wirtschaftlichen Überlegungen nicht».

Unflexibel – dafür gibts Gründe

Das bestätigt FIS-Renndirektor ­Waldner. In Italien hält die Sport­marketingfirma Infront die TV-Rechte an den Skirennen, ein Unternehmen, das primär gewinnorientiert arbeitet. Wäre die Abfahrt statt am Samstag am Sonntag (anstelle der Kombination) oder am Montag durchgeführt worden, hätte der Veranstalter von Infront nur 50 Prozent des ursprünglichen Betrags erhalten, weil es als «Ersatzrennen» gegolten hätte. Der Organisator konnte sich diese Einbusse nicht leisten.

Die mangelnde Flexibilität kann also durchaus ihre Gründe haben. Auch in diesem Fall: Waldner verhandelt derzeit mit Garmisch darüber, ob nächste Woche eine zweite Abfahrt durchgeführt werden könnte. Der Deutsche Skiverband und der Organisator haben bereits zugesagt, doch es braucht auch noch die Zustimmung des ZDF. Auch mit Beaver Creek ist Waldner derzeit in Verhandlungen.

Die FIS tut jetzt alles für die Abfahrer. Das tat man in Wengen nicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.01.2017, 21:18 Uhr

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