So verarbeiten die Schweizer den Todessturz

In Lake Louise versuchen die Abfahrer, nach dem Tod von David Poisson zur Normalität zu finden.

Patrick Küng: «Das ging unglaublich unter die Haut». Foto: Ehrenzeller (Keystone)

Patrick Küng: «Das ging unglaublich unter die Haut». Foto: Ehrenzeller (Keystone)

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Der hektische Skizirkus steht still. ­Primär das Surren der Lüftungsanlage ist im ­Hotelraum zu hören, in dem sich Trainer und Betreuer zu ihrer ersten ­offiziellen Sitzung in Lake Louise eingefunden haben. Alle stehen sie. Ein leises Atmen hier. Ein Schlucken dort. Eine ­Minute lang denken sie an den Mann, der letzte Woche auf der Trainingspiste von Nakiska sein Leben liess.

35 wurde David Poisson, er hinterlässt eine Frau und einen kleinen Sohn. Keine Autostunde vom ­Nobelskiort in den kanadischen Rocky Mountains entfernt, wo am Wochenende die Abfahrer in ihre Saison starten, kam es zum verhängnisvollen Sturz. Ein Ski hatte sich gelöst, der Athlet schoss durch die ­Sicherheitsnetze, prallte gegen einen Baum, war sofort tot. So schildern es Augenzeugen. Die offiziellen Abklärungen laufen. Die Skiwelt ist geschockt. Und die Frage kommt unweigerlich: Hätte sein Tod verhindert werden können?

Es fällt das Wort «Restrisiko», es fallen Sätze wie «Es kamen viele dumme Umstände zusammen». An der Stelle, an der Poisson abflog, standen zwei ­B-Netze, zwei Meter hoch. Doppelt so hohe A-Netze, die fest im Boden verankert sind, gibt es auf Testpisten nur sehr vereinzelt. «Die braucht es auch nicht zwingend», sagt Markus Waldner, Renndirektor des Internationalen Ski-Verbandes. «Die grösste Sicherheit hat man dort, wo es keinen Wald gibt, wo viel Platz ist.» Der fehlte Poisson. Auf einer Weltcuppiste wären wohl noch mehr ­Sicherheitsvorkehrungen getroffen ­worden. Doch Standards zu verlangen, wie sie auf höchster Stufe üblich sind, ist utopisch.

«Auf keiner Strecke sicher»

Waldner rechnet vor: «Auf einer Weltcuppiste von 3 Kilometer Länge stehen 20 Kilometer Netze. 100 Leute sind über Wochen im Einsatz, um diese zu installieren, um nachzubessern, wenn Schnee fällt oder die Stangen durch die Bewegung am Berg verschoben werden.» Einen solchen Aufwand könnten Betreiber von Trainingsstrecken nicht stemmen, weder finanziell noch logistisch.

Patrick Küng, Abfahrtsweltmeister von 2015, sagt: «80 Prozent unserer Läufe absolvieren wir auf Trainingspisten. Wir wissen, dass die nicht so gut ­gesichert sind wie die im Weltcup. Aber: In unserem Sport können wir uns ohnehin nie sicher fühlen, auf keiner Strecke.» Die Abfahrer versuchen, das so gut wie möglich zu verdrängen. In diesen Tagen fällt das besonders schwer. ­Gerade Küng. Er fuhr für dieselbe ­Skimarke wie Poisson. «Er war ein sehr offener, herzlicher und positiver Mensch. Ein Draufgänger auch», sagt der Glarner.

Den Tod des Freundes im Kopf

Küng war wie die anderen Schweizer Speedfahrer auf der Nebenpiste von ­Nakiska, als der Unfall passierte. Gesehen hat diesen keiner, gemerkt, dass ­etwas nicht stimmt, haben sie alle. Als dann Gewissheit herrschte, «ging das unglaublich unter die Haut», sagt Küng. Ihm vor allem. Weil er Poisson nahestand. Und: weil er eine solche Situation schon einmal erlebt hatte.

2002, als 18-Jähriger, hatte er mit Werner Elmer einen guten Freund ­verloren, als dieser in einer Abfahrt mit einem Pistenhelfer zusammengeprallt war. Nun kommen die Erinnerungen hoch, an Elmer, an die schwierige Zeit danach. «Wir waren beide auf dem aufsteigenden Ast», sagt Küng, «es war eine ganz schlimme Erfahrung.»

Tage-, ­wochenlang konnte er nicht mehr auf die Ski, kreisten die Gedanken. Küng sagt: «Gleich nach dem Unfall war es schlimm. Aber danach, als ich es erst richtig begriffen hatte, war es noch viel schlimmer.» Jahrelang fuhr der Tod ­seines Freundes im Hinterkopf mit, «ich brauchte viel Zeit, bis ich mich wieder auf das Wesentliche konzentrieren konnte».

Auch jetzt brauchte Küng erst einmal Abstand. Wie Beat Feuz und Mauro ­Caviezel wollte er nicht mehr in Nakiska trainieren, sie reisten weiter ins nahe ­gelegene Panorama. Feuz sagt: «Ich brauchte einen Tag, um das so weit zu verdauen, dass ich wenigstens wieder auf die Ski stehen konnte. Jeder muss seinen eigenen Weg finden, wie er damit zurechtkommt.»

Andy Evers, der Abfahrtschef der Schweizer, liess seine Athleten untereinander diskutieren. «Ich wollte, dass ­jeder akzeptieren kann, was für den ­anderen wichtig und richtig ist. Alles hat seine Berechtigung. Ich fand es gut, dass Marc Gisin und Gilles Roulin wieder auf dieser Strecke fahren wollten, um das Geschehene zu überwinden. Ich fand aber auch gut, dass die anderen drei das nicht wollten.» Gisin sagt: «Ich musste so schnell wie möglich auf die Ski. Hätte ich eine Pause eingelegt, hätte das Hirn erst recht angefangen zu drehen.»

Die Franzosen haben sich derweil dazu entschlossen, am Wochenende zu starten. «Ein starkes Zeichen», nennt das Waldner, der Renndirektor. Ein ­Zeichen, dass es irgendwie weitergehen muss. Dass irgendwie in den Alltag zurück­gefunden werden muss. Oder wie es Fabien Saguez sagt, der Sportchef der Franzosen: «Wir sind hier, weil es der einzige Weg ist, unser Leben fortzusetzen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.11.2017, 22:32 Uhr

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Die Abfahrer müssen sich gedulden, bis sie in ihre Saison starten können. Das gestrige Training in Lake Louise wurde abgesagt. Plustemperaturen, leichter Regen in der Nacht und somit eine sehr weiche Piste verhinderten die erste Fahrt in Kanada. Die Prognosen für heute sind ähnlich. Somit ­dürften die Speed-Spezialisten wohl erst morgen erstmals auf der Strecke trainieren, die die Verantwortlichen des internationalen ­Verbandes (FIS) ursprünglich «etwas ­knackiger» hatten gestalten wollen, wie es Renndirektor Markus Waldner nennt. «Denn eigentlich ist das ja eher eine Frauenpiste.» Nach dem tödlichen Unfall von David Poisson wird aber auf anspruchsvollere Sprünge und Kurven verzichtet. «Wir wollten in dieser Atmosphäre keine schwierige Aufgabe stellen. Alle sollen das Vertrauen erst wieder gewinnen und die Konzentration wieder finden können», sagt Waldner. (rha)

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