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Der Boom hält an

Der Skimarathon profitierte von der ersten goldenen Langläufergeneration, wurde zum Klassiker – und ist es geblieben.

Wie Ameisen aus der Vogelperspektive: Läufer am Engadiner, so weit das Auge reicht.
Wie Ameisen aus der Vogelperspektive: Läufer am Engadiner, so weit das Auge reicht.
Keystone

Irgendwann kurz vor halb 9 am Sonntagmorgen beginnt es bei jedem zu kribbeln. Egal, ob er den Engadin Skimarathon zum ersten, zum zehnten oder gar zum 49. Mal in Angriff nimmt. Routine hin oder her – im Startgelände am Ufer des Silsersees verbreitet sich eine Abenteuerstimmung wie an nur wenigen Sportwettkämpfen. Spätestens wenn dann die bedeutungsschwangere Titelmelodie aus dem Kolumbus-Film «Conquest of Paradise» aus den Lautsprechern dröhnt, wird auch der Coolste noch hibbelig.

Diese so besondereAtmosphäre ist nur ein Grund, warum Langläufer Jahr für Jahr Anfang März für diese 42 Kilometer von Maloja nach S-chanf ins Engadin zurückkehren. Da ist die Jubiläumsausgabe keine Ausnahme. Auch heuer sind rund drei Viertel aller Teilnehmer Wiederholungstäter.

Erstmals mussten die Organisatoren in diesem Jahr einen Anmeldestopp verhängen, bei 14 200 Personen, 1000 mehr als beim bisherigen Teilnehmerrekord vor einem Jahr. Glaubt man den Meteorologen, werden sie sich dieses Jubiläumsvergnügen teurer verdienen müssen als in anderen Jahren. Nach einer Woche in Stahlblau soll das Wetter heute schlechter werden, für Sonntagvormittag sind Niederschläge angesagt. Ob Schnee oder Regen, darüber werden ein paar Grade entscheiden.

Eine Absage beim Debüt

Ganz so schlimm wie bei Albert Gigers Debüt wird es aber nicht werden. 1991 war das, als der einstige Spitzenlangläufer seine Premiere als Rennleiter erlebte. 48 Stunden hatte es damals ununterbrochen geregnet, als Giger am Sonntagmorgen zusammen mit dem OK in Maloja stand und einsehen musste, dass an einen Start nicht zu denken war. Es sollte die einzige Rennabsage in der Geschichte des Engadiners bleiben. Vor allem ein Kommentar, den ein Bekannter ernsthaft zu ihm machte, ist Giger in Erinnerung geblieben: «Er fragte mich, warum wir denn nicht Löcher in den See gebohrt hätten, damit das Wasser hätte ablaufen können.» Giger muss laut lachen, als er sich an die Episode zurückerinnert.

Kaum eine Biografie ist so eng mit dem Skimarathon verbunden wie jene Gigers. Darauf deutete bei der Premiere 1969 noch nichts hin – er verpasste sie, ganz bewusst. «Was sollten wir Profis an einem Volkslauf?», erzählt Giger. Stattdessen startete er an jenem Wochenende an den schwedischen Skispielen in Falun.

Nach seiner Heimkehr musste er jedoch feststellen, dass der Marathon in der Öffentlichkeit und den Medien eine viel grössere Beachtung erhalten hatte als viele seiner Rennen. So stand im Jahr darauf auch er am Start. «Warum ich da nicht gewann, daran kann ich mich nicht mehr erinnern», sagt er in seiner trockenen, humorvollen Art. Beim zweiten Versuch klappte es dann mit dem Sieg, dem ersten von fünf – Rekord. Meldeten sich bei der Erstausgabe 945 Langläufer an, verzehnfachte sich die Zahl innert zehn Jahren. In der Schweiz herrschte ein Langlaufboom, ausgelöst auch durch Giger, der mit der Staffel 1972 Olympiabronze gewonnen hatte.

Nach fünf Stunden nicht alleine

«Die TV-Übertragung aus Sapporo, das gab dem Volk einen Kick. Alle wollten danach langlaufen, auch völlig Talentfreie. Leute kauften sich eine Ausrüstung, bevor sie wussten, was sie erwartete. Dann merkten sie, dass es ihnen viel zu anstrengend war. Trotzdem wurde der Sport populär – weil er gesund ist», sagt Giger.

Vom Boom profitierte auch der Engadiner. Für Giger, der 25 Jahre lang die sportlichen Geschicke des Skimarathons lenkte, waren drei Aspekte entscheidend: Der Lauf ist nicht allzu anspruchsvoll. An ihm treffen sich alle Niveaus in einem Rennen. Und selbst jene, die fünf Stunden unterwegs sind, müssen sich nicht schlecht fühlen, weil sie bei weitem nicht alleine unterwegs sind.

Der Langlauf boomte, dabei hatte er seine grösste Entwicklung noch vor sich. 1985 kam die Skatingtechnik auf, sie veränderte den Sport grundlegend. Heute läuft die überwiegende Mehrheit in dieser Technik, Klassischläufer sind am Engadiner Exoten. Teilnehmer in Albert Gigers Alter nicht. Der 71-Jährige selbst aber hat das Wettkampfbedürfnis schon lange nicht mehr. Vor einigen Jahren gab er das Amt des Rennleiters ab, zog sich auch aus der Langlaufschule zurück, in der er 37 Jahre gewirkt hatte. Auf den Ski steht er aber noch heute fünf Tage die Woche. «Solange du laufen kannst, kannst du auch langlaufen», sagt er.

Die Entwicklung des Skimarathons ­beobachtet er interessiert, durchaus ­kritisch, aber zurückhaltend. Dass die ­rekordhohe Teilnehmerzahl künftig zum Standard wird, glaubt er nicht. «Auch nach dem 30. gab es einen Rückgang», sagt er. Einige Läufer dürften das Jubiläum als Schlusspunkt anvisiert haben.

Das heutige OK versucht derweil, mit neuen Angeboten Leute anzulocken. Am Donnerstag fand der zweite Nachtlauf statt, von Sils nach Pontresina, jeder startete mit Stirnlampe. «Geil», entfährt es Giger. Das finden offensichtlich auch die Langläufer. 740 waren dabei – 310 mehr als bei der Premiere. Keine schlechte Tendenz.

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