So stark war das Schweizer Slalom-Team noch nie

Daniel Yule und Ramon Zenhäusern werden beim Slalom-Auftakt in Levi Dritter und Vierter. Sie sind bereit für die Ära nach Marcel Hirscher.

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René Hauri@tagesanzeiger

Er lächelt in die Kamera, zuckt mit den Schultern, neigt den Kopf leicht zur Seite. Mimik und Gestik von Ramon Zenhäusern an diesem Sonntag im Zielraum von Levi können als Sinnbild herhalten. Es braucht viel, um seine Ambitionen zu erfüllen. Rang 4 gab es für den Walliser, ein Glanzresultat in einer Disziplin, in der über ein Dutzend Fahrer gut sind für einen Platz unter den ersten drei. Doch damit gibt sich Zenhäusern nicht mehr zufrieden – es spricht für ihn. Und das Slalomteam überhaupt.

Dass Daniel Yule in diesem ersten Kräftemessen des Winters Dritter wurde, entsprach schon eher den Erwartungen. Diese sind stetig gestiegen, das weiss auch der Walliser. «Ich war die letzten Tage sehr angespannt», sagt Yule. «Dass ich mit einem Podestplatz starten kann, ist genial. Das erste Rennen war damit schon ein Erfolg. Alles, was jetzt kommt, ist Bonus.» Der 26-Jährige setzt einiges daran, die Hoffnungen in ihn nicht ins Unermessliche steigen zu lassen. So zumindest könnten seine Worte gedeutet werden. Nach den Speed-Rennen in Nordamerika geht es ab Mitte Dezember in Val-d’Isère weiter für die Slalomspezialisten.

2 Jahre, 10 Podestplätze

Die Schweizer haben mit den Rängen 3 und 4 hinter dem routinierten Henrik Kristoffersen und dem Ausnahmetalent Clément Noël schon früh ein Ausrufezeichen gesetzt – es ist eines von vielen in der Ära der derzeitigen Generation.

Eingeläutet hatte sie Luca Aerni im Dezember 2017 mit dem 2. Rang in Madonna di Campiglio. Es war der erste Schweizer Top-3-Platz nach fast acht Jahren und Silvan Zurbriggens 2. Platz in Schladming. Seither haben Zenhäusern, Yule und Loïc Meillard neun weitere folgen lassen.

Unter Trainer Matteo Joris ist eine Dynamik entstanden, die zum Selbstläufer werden kann. Die Athleten bezeichnen sich als gute Kollegen, auf der Piste aber fordern sie sich aufs Äusserste. Hinzu kommt, dass sie eine individuelle Betreuung erfahren, die derjenigen eines Privatteams ähnelt.

So hat sich Zenhäusern wie stets in den letzten Jahren mit Didier Plaschy vorbereitet, der ein oft unkonventionelles und auf den gross gewachsenen Athleten zugeschnittenes Training austüftelt. Währenddessen feilte Yule in einer Skihalle in Frankreich an seinen Defiziten in flachen Streckenabschnitten. Davon profitierte er gestern, ist es in Levi doch vor und nach dem Steilhang sehr eben. Er habe sich in der Skihalle abgeplagt, «mich geärgert mit den Trainern und allem. Das ist nun die Belohnung für die harte Arbeit», sagt Yule, bekannt für seine Stärken in steilem Gelände.

Individuell im Team

Zenhäusern, diesbezüglich das Gegenstück zu Yule, sagt: «Wir sind wenige Athleten mit vielen Betreuern. Jeder hat sein individuelles Programm, das ist genial. Alles ist noch einmal professioneller geworden. Jeder kann seine Sache machen, und trotzdem sind wir ein Team, das sich ab Oktober gegenseitig antreibt.»

Ein solches Niveau in dieser Breite, ein solches Klima gab es in einem Schweizer Slalomteam seit der Einführung des Weltcups 1967 überhaupt noch nie. Davon profitieren nun die Fahrer, die nachrücken. Etwa Sandro Simonet (24) oder Tanguy Nef (23), gestern auf den Rängen 13 und 22 klassiert. Hinzu kommen Fahrer, die schon bewiesen haben, dass sie zu Grossem fähig sind, derzeit ihrer Bestform aber hinterherhinken. Luca Aerni sucht schon länger nach dem Erfolgsrezept von einst, Loïc Meillard fehlt die Konstanz – er ist aber auch erst 23. In Levi waren Aerni und Meillard zeitgleich 17. Damit landeten sechs Schweizer in den Punkten – noch vor einigen Jahren wäre ein solches Resultat unvorstellbar gewesen.

Yule und Zenhäusern zeigten, dass sie bereit sind, in der Zeitrechnung nach Überfigur Marcel Hirscher eine Hauptrolle einzunehmen. Yule fehlten nur gerade 18 Hundertstel zum Sieg, Zenhäusern 27. Wie sagte Zenhäusern nach Hirschers Rücktritt so schön? «Das Podest hat jetzt wieder drei Plätze.» Ihren Anspruch darauf haben die Schweizer gestern nicht nur angemeldet.

Levi (FIN). Weltcup-Slalom der Männer: 1. Kristoffersen (NOR) 1:48,55. 2. Noël (FRA) 0,09 zurück. 3. Yule (SUI) 0,18. 4. Zenhäusern (SUI) 0,27. 5. Myhrer (SWE) 0,34. 6. Jakobsen (SWE) 0,53. 7. Hirschbühl (AUT) 0,74. 8. Strasser (GER) 0,89. 9. Foss-Solevaag (NOR) 0,92. 10. Mölgg (ITA) 0,98. – Ferner: 13. Simonet (SUI) 1,12. 15. Feller (AUT) 1,21. 17. Aerni (SUI) und Meillard (SUI), je 1,34. 22. Nef (SUI) 1,69. – 28 der 30 Finalisten klassiert. – Ausgeschieden u.a.: Dave Ryding (GBR).


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