«Cuche ist Skirennsport in Perfektion»

Männerchef Martin Rufener zieht nach der ersten Woche der Ski-WM in Garmisch-Partenkirchen Bilanz und verspürt allmählich Wehmut.

Leistungs- und Sympathieträger: Didier Cuche.

Leistungs- und Sympathieträger: Didier Cuche.

(Bild: Keystone)

Christian Andiel@tagesanzeiger

Martin Rufener, sind Sie am Samstag nach dem Silber von Didier Cuche gar nicht zum Feiern gekommen? Doch, doch. Warum fragen Sie?

Weil Sie am Sonntag früh nach Oberjoch gefahren sind, wo Marc Berthod und Sandro Viletta trainierten. Ich bin erst morgens gegen 10 Uhr losgefahren, das war nicht so dramatisch. Es war nämlich eine sehr schöne Party.

Fällt Ihnen zum Phänomen Cuche eigentlich noch etwas ein? Tja, man muss halt immer wieder das Gleiche sagen: Mit seinen Resultaten ist er eine extrem wichtige Teamstütze. Und es sind ja nicht die Resultate allein, es ist auch Didier als Mensch, der die Leute begeistert. Er schaffte auf der zunehmend weichen Piste diese Leistung noch, andere nicht. Auf einen solchen Athleten kann man schon stolz sein.

Keiner wurde so gefeiert wie Cuche. Warum jubeln ihm alle zu? Didier hat als Athlet ein derart souveränes Auftreten, denken Sie an die Rennen in Kitzbühel und Chamonix: Diese Bündelung der Kräfte, diese Kompaktheit bei den Sprüngen, Präzision und Dynamik bei den Kurven, das ist Skirennsport in Perfektion. Da zieht jeder den Hut.

Cuche beschwert sich darüber, dass die besten Abfahrer seit Jahren bei der Verlosung der Startnummern benachteiligt werden. Es gibt eine Arbeitsgruppe der Weltcuptrainer. Wird das aktuell angewandte Prozedere dort diskutiert? Auf jeden Fall, und zwar schon länger. Darüber müssen wir im Frühjahr unbedingt reden. Wir werden sicher den Vorschlag machen, dass die besten sieben Fahrer ihre Nummern wählen können.

Sandro Viletta verzichtet auf die Super-Kombi. Damit steht nur ein Miniteam mit Silvan Zurbriggen und Beat Feuz am Start. Das müssen wir in Kauf nehmen. Viletta hat Rückenprobleme, bei ihm müssen wir die Belastung genau dosieren. Beim Training in Oberjoch musste er nach drei Läufen aufhören. Er konzentriert sich auf den Riesenslalom.

Die Schweizer Gruppe ist zwar klein. Aber nach dem Verzicht von Ivica Kostelic scheint die Medaille für Zurbriggen bereitzuliegen. Moment, Moment. Natürlich ist der Slalomhang hier in Garmisch sehr schwierig, das heisst, die Techniker sind eher im Vorteil als etwa in Chamonix. Nur muss Zurbriggen für eine Medaille eine bessere Abfahrt zeigen als am Samstag. Und es hat genügend starke Konkurrenz: Svindal, Miller, Baumann, Innerhofer.

Was lief am Samstag falsch bei Zurbriggen? Er haderte schon im oberen Teil der Piste, im Tröglhang fuhr er mit zu wenig Überzeugung. Dort muss man alles riskieren, hoffen, dass es in der lang gezogenen Linkskurve aufgeht, denn es folgen 40 Sekunden, in denen es ausschliesslich geradeaus geht. Zurbriggen muss bereit sein, das Risiko zu nehmen, selbst wenn es in die Hose geht.

Nach dem Teamevent folgt der Riesenslalom am Freitag. Wie gross sind Ihre Sorgen um Titelverteidiger Carlo Janka und seine Probleme mit dem Puls? Wir kennen dieses Problem den ganzen Winter, schon der Hype vor einem wichtigen Ereignis treibt seine Herzfrequenz in die Höhe, dann kommt die Belastung selbst, und hinterher bleibt der Puls hoch. Die Ärzte haben immer grünes Licht gegeben. Auch in Speedrennen bestand nie die Gefahr, dass er einen Kollaps erleidet. Aber es ist schwierig, weil die Belastung präzise abgewogen werden muss. Ich habe ein gutes Gefühl für Freitag, Janka kann eine Medaille gewinnen, das hat er beim Riesenslalom in Hinterstoder als Dritter bewiesen.

Sie werden am Ende der Saison Swiss-Ski verlassen. Denken Sie manchmal daran, dass diese Zeit mit Athleten wie Cuche und Janka bald vorbei ist? Auf jeden Fall. Man plant immer schon für die nächsten Rennen, für den Weltcup nach der WM – und mit jedem Anlass rückt der Abschied näher. Aber ich kann mit guten Gefühlen zurückschauen, möchte keine Minute missen, und es kommt ja auch wieder etwas Neues. Jetzt noch ein, zwei Medaillen hier in Garmisch, dann eine Kristallkugel, und es ist ein guter Abschluss. Dennoch, es bleiben ein paar ungute Gefühle, wenn ich an die Art und Weise meines Abschieds denke. Es gibt schon Aussagen von Leuten, die nicht das mitteilen, was eigentlich gesagt werden müsste. Die Sache wurde schon sehr einseitig dargestellt.

Sie meinen das Zerwürfnis mit Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann wegen Fragen zu Ihrem Vertrag?

Nicht nur, mittlerweile weiss ich, dass das ganze Präsidium beteiligt war. Einzelne Mitglieder sind allerdings erst dazugekommen, als der Erfolg schon da war. Die wissen gar nicht, wo wir 2003 angefangen und was wir aufgebaut haben. Sie können nicht nachvollziehen, dass man gerade dann einen Schritt nach vorne machen muss, wenn es gut läuft.

Tages-Anzeiger

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