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Brust raus – wie die italienischen Machos

Nach jahrelanger Krise ist das Schweizer Slalomteam auf gutem Weg, die beste Mannschaft der Welt zu werden.

Gerhört mittlerweile zur Weltspitze: Slalomfahrer Ramon Zenhäusern.
Gerhört mittlerweile zur Weltspitze: Slalomfahrer Ramon Zenhäusern.
Christophe Bott, Keystone

Zuerst hielt er das Ganze für Hokuspokus. Und heute wird ihm beim Gedanken daran unheimlich. Im Januar sass Ramon Zenhäusern beim Sportpsychologen. Dieser prophezeite ihm: «Der Olympiaslalom findet am 22.2. statt. Du bist 2 Meter gross. Du wirst Rang 2 belegen.» In Pyeongchang wurde wahr, was kaum einer für möglich gehalten hatte – Zenhäusern holte Silber.

Der Medaillengewinn des Wallisers mag eine Sensation gewesen sein. Einerseits. Andererseits war es der Höhepunkt einer erstaunlichen Entwicklung im Team der Schweizer Stangenakrobaten. Der Slalom, er ist über Jahrzehnte hinweg die Sorgendisziplin gewesen bei den Männern, lediglich 13 von 480 Weltcuprennen haben Schweizer für sich entschieden, keiner gewann mehr als zweimal.

Doch nun offenbart der Blick auf die Weltrangliste, die Daniel Yule an Position 5, Zenhäusern als 6., Luca Aerni auf Rang 12 und auch Loïc Meillard (19.) sowie Marc Rochat (28.) in den Top 30 führt, zweierlei: Nie zuvor ist die Slalomequipe von Swiss-Ski auf hohem Niveau so kompakt gewesen. Nur jene Österreichs ist in der globalen Hierarchie noch etwas höher einzustufen, die lange übermächtigen Schweden, Italiener und Franzosen sind mehr oder weniger klar distanziert worden.

Die Schweizer mussten tief sinken, bis der Verband reagierte

2012 erreichte in Kitzbühel kein Schweizer den zweiten Durchgang. Am Nullpunkt angekommen war die Equipe, der Verband hatte Fehler gemacht, was Trainer hinter vorgehaltener Hand bestätigen. Als der Schaden angerichtet war, reagierte Swiss-Ski und intensivierte die Slalomförderung. Cheftrainer Tom Stauffer sagt, in den letzten vier Jahren sei konsequent in die richtige Richtung gearbeitet worden, «und wenn es nicht lief, warfen wir nicht gleich alles über den Haufen». Kleine Trainingsgruppen wurden gebildet, die Devise lautete: auf individuelle Bedürfnisse eingehen. So verzichtet etwa Ramon Zenhäusern im Sommer jeweils aufs Camp in Neuseeland, der lange Flug bekommt dem Hünen nicht. Stattdessen trainiert er mit Heimtrainer Didier Plaschy auf den Walliser Gletschern.

Massgeblichen Anteil am Aufschwung hat Matteo Joris. Seit 2015 trägt der Italiener die Verantwortung für die Slalomgruppe. Er hat nicht vergessen, wie den Athleten das Selbstvertrauen fehlte zu Beginn, wie negativ die Körpersprache war. «Sie machten sich kleiner, als sie effektiv waren.» Ein wenig orientierungslos waren sie damals, die Talente, weil eine Lokomotive fehlte. «Wir wussten nach den internen Zeitläufen nicht, wo wir standen, weil keiner von uns zur Weltspitze gehörte», sagt Luca Aerni. Loïc Meillard geht gar einen Schritt weiter, sagt, das Team sei tot gewesen vor ein paar Jahren. «Wir hatten ein miserables Image. Aber vielleicht mussten wir so tief sinken, damit endlich reagiert wurde.»

Aerni hat einen Wandel registriert. «Früher hiess es oft: Was wollt ihr Slalömler hier? Heute wird uns mehr Respekt entgegengebracht.» Als Erfolgsfaktor nennt er die Harmonie zwischen Trainern, Athleten, Serviceleuten und der medizinischen Abteilung, welche nicht immer gegeben war.

Günstige Perspektiven, keiner ist in der zweiten Karrierehälfte

Entscheidend aber sei die Gruppen­dynamik. Aerni, Rochat und Zenhäusern hatten schon als Kinder im Walliser Regionalverband zusammen trainiert. Nun existiert eine Gruppe von Fahrern, die zur gleichen Generation gehört, alle zwischen 22 und 26 Jahre alt – die Konstellation ist länderübergreifend einzigartig. Es sei ein permanentes gegenseitiges Herausfordern, sagt Zenhäusern, «ein Nachlassen liegt nicht drin». Die Athleten verstehen sich gut und sind doch Rivalen. Die Konstellation ist gemäss Stauffer bewusst geschaffen worden, um die Fahrer ständigen Vergleichen, ständigem Druck auszusetzen. Es handelt sich um unterschiedliche Charaktere: Da ist Yule, der Leader, der sich auch mal bei den Coaches beschwert. Da ist Zenhäusern, der Querkopf, welcher eigene Wege geht. Da ist Aerni, die Frohnatur, das verbindende Element. Da ist Meillard, der Unbeschwerte, mit unschweizerisch grossem Selbstbewusstsein.

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Video: So schön gratulierten koreanische Volunteers dem Schweizer Gold-Team

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Viermal stand ein Schweizer im vergangenen Winter auf dem Slalompodest, nachdem dies zuvor fast acht Jahre lang keinem gelungen war. Bereits in den schwierigeren Zeiten hatte Stauffer auf das Potenzial der Equipe hingewiesen, er war aber nicht immer ernst genommen, zuweilen gar belächelt worden. Einigen fiel es lange schwer, die Trainingsleistungen im Rennen umzusetzen. Es war Joris, der versuchte, den Fahrern die «Machoeinstellung eines Italieners» einzuimpfen. «Sie haben gelernt, überzeugter ans Werk zu gehen und die Angst vor dem Scheitern abzulegen. Die Devise lautet jetzt: Brust raus!» Ein Mentaltrainer steht den meisten Athleten zur Seite, es handle sich um eine Investition in die Karriere, wie es Zenhäusern formuliert.

Hohe Leistungsdichte

Der Aufschwung ist bemerkenswert, die Leistungsdichte an der Weltspitze in keiner anderen Disziplin derart hoch. Auch kleine Skinationen wie die Briten, Russen und Japaner sind in dieser Sparte präsent, weil sie sich anders als etwa die Abfahrt leicht und kostengünstig trainieren lässt. Vorab bei den Schweizern aber sind die Perspektiven gut, noch befindet sich keiner in der zweiten Karrierehälfte. Und mit einem ansprechenden Ergebnis heute in Levi könnten auch Reto Schmidiger und Sandro Simonet unter die Top 30 der Startliste vorrücken. Es erstaunt daher nicht, gab es Überlegungen, die Kriterien für die WM-Qualifikation zu verschärfen, um ein allfälliges Überangebot zu vermeiden. Zwecks Chancengleichheit werden zwei Platzierungen in den besten 15 aber auch in dieser Saison reichen.

Elf Jahre sind vergangen, seit mit Marc Gini letztmals ein Schweizer im Slalom triumphierte. Obwohl Marcel Hirscher und Henrik Kristoffersen zuletzt in einer eigenen Liga unterwegs waren, scheint das Ende der Durststrecke absehbar. Auch ohne Hokuspokus.

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