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Bern studiert jetzt eingehend den olympischen Beipackzettel

Bern reibt sich nicht zum ersten Mal am Thema Olympia. Diesmal lautet die Frage: Welches sind für Bern die Risiken und Nebenwirkungen der Olympischen Winterspiele 2026?

Eisschnelllauf – wie hier in Sotschi – auf dem Bern-Expo-Gelände? Für Olympia 2026 ist dies eine Option.
Eisschnelllauf – wie hier in Sotschi – auf dem Bern-Expo-Gelände? Für Olympia 2026 ist dies eine Option.
Reto Oeschger

In Sachen Olympia liegt Bern die Hauptrolle nicht. Zwar sagten auch schon die Bündner und einmal gar die Walliser Nein zu Kandidaturen für Olympische Winterspiele. Aber so vernichtend wie Bern dies 2002 tat, zertrümmerte bislang noch niemand eine olympische Vision: 78,8 Prozent der Stimmenden bodigten den Traum von «Bern 2010».

Vielleicht passt zu Bern die olympische Nebenrolle. Und vielleicht ist in Bern inzwischen eine Generation von Entscheidträgern am Werk, die nicht mehr an den Versehrungen von 2002 leidet? Letzteres fragte sich gestern Ständerat Hans Stöckli (SP), der in seiner Rolle als Vizepräsident des Vereins «Sion 2026» im Berner Rathaus eine sportliche Aufgabe zu meistern versuchte: bei den Mitgliedern des bernischen Grossen Rates ein erstes Glimmen des erhofften olympischen Feuers zu entfachen sowie die Bern zugedachte Nebenrolle darzulegen.

Expo-Areal für Eisschnellläufer?

Die Rolle Berns ist rasch umschrieben. «Sion 2026» spannt einen grossen Bogen vom Schwerpunktkanton Wallis über die Waadt und Freiburg nach Bern und bindet auch noch Graubünden an, wo die Bobwettbewerbe stattfinden sollen.

Was bei diesem Bogenschlag dem Kanton Bern zufallen soll, ist weitgehend bekannt: In Biel und Bern soll Eishockey gespielt werden, in Kandersteg sollen die Olympioniken über eine 150-Meter-Schanze fliegen, und in Thun ist ein Athletendorf für bis zu 1500 Sportlerinnen und Sportler vorgesehen. Wie fluid der Prozess noch ist, belegte Stöckli gestern gleich selber: Evaluiert werde nun auch noch, ob Bern den Eisschnelllauf beherbergen könne, etwa auf dem Bern-Expo-Gelände.

Nachhaltigkeitsdebatte . . .

Doch das Was beschäftigt derzeit ohnehin weniger als das Wie und Warum. Stöckli machte gestern klar, wie er sich das Wie vorstellt: Keine andere Kandidatur setze die vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) beschlossene Nachhaltigkeitspolitik so kompromisslos um wie «Sion 2026». Man folge dezidiert der Philosophie, Bestehendes zu nutzen und Neues nur dort zu bauen, wo es zwingend nötig sei. So werde es gelingen, «neue Standards für sportliche Megaevents zu setzen».

Falls dem IOC Nachhaltigkeit tatsächlich wichtig sei, «dann haben wir eine Top-Kandidatur». Und der Nachhaltigkeitsverantwortliche von «Sion 2026», der Turnfest-erprobte Sportmanager Fränk Hofer, erachtet die Kandidatur auch deshalb als top, weil das Erbe der geplanten Spiele für die Alpenbewohner sehr positiv zu werden verspreche: «Sion 2026» vermöge eine breite Entwicklung anzuschieben, und es gelte jetzt zu überlegen, «was nach den Spielen bleiben soll».

. . . und Nachhaltigkeitsdefizite

Gleichzeitig wissen Stöckli und Hofer selber, dass die Spiele «nicht per se heilsbringend sind» und ausgerechnet in Bern eine rege Nachhaltigkeitsdiskussion anstehen dürfte. Die bislang auffälligsten «Nachhaltigkeitsausreisser» (Zitat Stöckli) sind nämlich justement in Bern auszumachen. Die Kandersteger Sprungschanze beispielsweise existiert nicht. Sie soll nur für die Spiele gebaut und dann wieder abgebrochen werden.

Auch fürs Athletendorf in Thun bietet sich nichts Bestehendes an. Es muss neu hochgezogen werden, im besten Fall als Teil der Thuner Stadtentwicklung. Und werden die Eisschnelllaufwettbewerbe in Bern ausgetragen, ist es auch da nicht ganz leicht, dies als radikal nachhaltig zu verstehen. Mindestens in Kandersteg und Thun dürften Zonenplanänderungen nötig werden und zu einem raumplanerischen Prozess mit noch unklarem Ausgang führen.

Allein: Die Themen Nachhaltigkeit und Raumplanung können etwas verblassen angesichts eines Problems, das zumindest fürs gestrige Testpublikum ein brisantes ist. Grossrat Mathias Müller (SVP, Orvin), seines Zeichens Berufsoffizier, hat nämlich Mühe sich vorzustellen, wie die Veranstalter – und mit ihnen der Kanton Bern und der Bund – die Sicherheit gewährleisten wollen. Russland habe für die Winterspiele in Sotschi 40'000 Armeeangehörige aufgeboten.

Die «extrem klein gewordene Schweizer Armee» könne solches nicht tun, sei sie doch nur rund halb so gross wie das «Sicherheitsheer» von Sotschi. Und ausländische Sicherheitskräfte könne man ja kaum einbinden. Doch genau das wird laut Fränk Hofer derzeit geprüft. Abgeklärt werde, wie der Einbezug von «einigen Tausend» ausländischen Sicherheitskräften vonstattengehen könnte.

Hans Stöckli, der mit seiner an beste Expo.02-Zeiten erinnernden Begeisterung für «Sion 2026» einsteht, räumte gestern ein, die Sicherheitskosten für die Olympischen Winterspiele hätten das Potenzial zum «ganz grossen Streit».

Salopp gesagt werde gelten: In den Stadien müssen die Veranstalter für Sicherheit sorgen, bis vor die Tore der Stadien muss diese Aufgabe der Bund übernehmen. Wie hoch die Summen sind, über die man sich wird streiten dürfen, konnte Stöckli noch nicht sagen. Die Berechnungen der Sicherheitskosten sind noch nicht abgeschlossen.

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