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Aksel Svindal schindet seinen Körper weiter

Der Norweger startet in Lake Louise in seine 18. Weltcupsaison, obwohl er weiss, dass sein Knie erneut leiden wird. Er will sich immer wieder beweisen, wie stark sein Kopf ist.

Eine Karriere zwischen Licht und Schatten: Aksel Svindal musste für seine Siege schon viele Schmerzen ertragen. Foto: Damjan Zibert (Imago)
Eine Karriere zwischen Licht und Schatten: Aksel Svindal musste für seine Siege schon viele Schmerzen ertragen. Foto: Damjan Zibert (Imago)

Aksel Svindal ohne Gips, ohne Manschette oder ein sonstiges Utensil, das eines seiner Körperteile umhüllt: Es ist in den letzten Jahren fast unvorstellbar geworden. So ist nur logisch, dass der Norweger nicht einfach in kurzen Hosen und T-Shirt dasitzen kann im Sessel im Hotel von Lake Louise, verschwitzt vom jüngsten Training auf dem Velo im Kraftraum. Ein schwarzer Hartplastik gehört zu seiner legeren Ausrüstung, der stützt den linken Daumen. Svindal hat sich vor einer Woche einen Bänderriss zugezogen, er liess sich gleich operieren.

«Eine Kleinigkeit», sagt er. Allerdings behindere ihn diese beim Abstossen am Start, sagt der 35-Jährige, und spielt dann mit reichlich Handgymnastik vor, wie er nun den Stock am besten hält, um so kraftvoll wie möglich aus dem Starthäuschen zu kommen und danach schnell in die Hocke.

Die Verletzungsserie

So etwas ist also mittlerweile eine Kleinigkeit für den fünffachen Weltmeister und zweimaligen Olympiasieger, der lange wirkte, als sei er ein Modellathlet, der ohne grosse Rückschläge durch seine Karriere rast. Doch in den letzten Jahren hat Svindal mächtig aufgeholt auf seine teilweise leidgeprüften Gegner. 2014: Riss der linken Achillessehne; 2016: Sturz in Kitzbühel, Riss des vorderen Kreuzbands und des Meniskus rechts; 2017: Operation am rechten Meniskus.

Sein austrainierter Körper litt so sehr in den letzten Jahren, dass er sich Sorgen machte um die Zeit nach der Karriere, um die bleibenden Schäden. Um zu testen, wo er diesbezüglich steht, machte er im Frühling erst einmal nichts. Er fuhr wohl viel Velo, auf Kniebeugen und Training auf den Ski aber verzichtete er, «denn das sind die Dinge, die richtig wehtun», sagt Svindal. «Ich wollte sehen, was passiert, wenn ich den Körper zwei, drei Monate lang nicht belaste.»

Und tatsächlich: Svindal erholte sich, hatte keine Schmerzen mehr. «Das war der wichtigste Grund, dass ich weitermachte», sagt er. «Sonst hätte ich kapituliert. Den Sommer mit Schmerzmitteln überbrücken zu müssen, wäre dumm gewesen.»

So aber startet er heute in den kanadischen Rocky Mountains mit gutem Gewissen in seine 18.Weltcupsaison, obwohl er weiss, dass er ohnehin Folgeschäden davontragen wird. Joggen, sagt Svindal, werde er nie mehr können. «Spitzensport ist vielleicht nicht gesund für den Körper, aber ganz gut für den Kopf», sagt er und lacht.

Leiden bis zu Olympiagold

Das treibt ihn auch nach so vielen Jahren noch an, er sucht die Herausforderung, er will sich überwinden müssen. Wie im letzten Winter, als besonders sein Knie rebellierte.

«Wenn es geschwollen war und schmerzte, biss ich auf die Zähne. Ich sagte mir: Ich schaffe das, egal, wie.» Er wollte sich selber beweisen, dass er dazu auch im fortgeschrittenen Athletenalter noch fähig sei. «Ich wollte da durch», so sagt er das. «Und natürlich wollte ich auch Rennen und eine Olympiamedaille gewinnen.»

Das hat Svindal geschafft. Er startete zu 15 Weltcuprennen, nur eines beendete er nicht, sonst war er nie schlechter als Neunter, dreimal stand er zuoberst auf dem Podest. Auch in Pyeongchang, wo er nach dem Sieg im Super-G von Vancouver 2010 zum zweiten Mal Olympiagold gewann, diesmal in der Abfahrt.

Es war die Bestätigung, die er gesucht hatte, der Lohn für die Strapazen, für eine Saison, in der er spürte, «dass ich irgendwann dafür bezahlen werde», wie er sagt. «Trotzdem würde ich es noch einmal genau gleich durchziehen. Aber Jahr für Jahr über die Grenzen hinausgehen würde ich nicht mehr - jetzt, da sich meine Karriere dem Ende zuneigt.»

Wann der richtige Zeitpunkt gekommen sein wird, um sich ganz seinem Hobby zu widmen, dem Investieren in kleine Firmen, hat er für sich noch nicht definiert.

«Ich will nicht aufhören, ohne dass ich zu hundert Prozent sicher bin, dass es der richtige Zeitpunkt ist», sagt er. «Ich nehme es, wie es kommt; ich habe nicht für alles einen Plan. Lindsey Vonn sagt, das sei ihre letzte Saison. Ich könnte nie eine Entscheidung treffen für etwas, das in sechs Monaten sein wird.»

Show-Rennen gegen Vonn?

Vonn also, die wegen einer Knieverletzung ausgerechnet auf die Rennen in Lake Louise verzichten muss, wo sie 18 ihrer 82 Weltcupsiege gefeiert hat, wird verschwinden aus dem Skizirkus. Doch vielleicht gibt es ja ein Wiedersehen auf der Piste zwischen den beiden grossen Figuren.

Wie wäre es mit einem Show-Wettkampf zwischen ihm und ihr? «Das wäre eine Idee», sagt Svindal, der es im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen bedauert, dass die US-Amerikanerin nie zu einem Männerrennen zugelassen wurde, was der grosse Wunsch der 34-Jährigen war. «Es ist schade, hat das nicht geklappt, das wäre in den USA eine Riesensache gewesen. Das gigantische Medieninteresse um sie hätte man nutzen müssen.»

Vielleicht holt Svindal das ja nach - wenn auch er irgendwann einmal genug davon hat, seinen Körper bis über die Grenzen zu schinden. Für Siege, Medaillen und um sich zu beweisen, dass er Hürden überwinden kann, die andere für unüberwindbar halten.

«Wenn das Knie geschwollen war und schmerzte, biss ich auf die Zähne. Ich sagte: Ich schaffe das, egal, wie.»

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