«Adrenalin ist eine brutale Sache»

Der Norweger Aksel Svindal spricht vor dem Start zur Abfahrtssaison über Angst auf der Rennpiste, Risiko und den Tod von David Poisson.

Auch mit fast 35 hofft Aksel Svindal noch auf viele Jahre im Skizirkus – wegen des Nervenkitzels, der Geschwindigkeit und des Lebens mit seinen jungen Teamkollegen. Foto: Imago/Action Plus

Auch mit fast 35 hofft Aksel Svindal noch auf viele Jahre im Skizirkus – wegen des Nervenkitzels, der Geschwindigkeit und des Lebens mit seinen jungen Teamkollegen. Foto: Imago/Action Plus

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Kennen Sie auf der Rennpiste ­Momente der Angst?
Manchmal habe ich am Start Angst. Ich erlebe auch auf der Strecke Schreck­sekunden, in denen ich kurz Angst kriege, die Situation dann aber wieder unter Kontrolle bringe. Wenn ich einen Schlag erwische, der Ski in die falsche Richtung zeigt, das fährt richtig in die Magen­gegend. Es sind nur drei Zehntelssekunden. Aber drei Zehntel ohne Kontrolle.

Sind das schlimme Augenblicke, weil Sie die Kontrolle verlieren über das, was Sie am besten können?
Solche Momente sind wir gewohnt. Ein schlimmer Sturz, das ist heftig.

Wie Sie ihn in Kitzbühel 2016 erlebten. Welche Erinnerungen haben Sie?
Ich lege mir vor einem Rennen einen Plan zurecht. Dann gibt es plötzlich einen Schlag nach der Hausbergkante. Es schiesst mir durch den Kopf: Das lief jetzt aber überhaupt nicht nach Plan. Dann denke ich: Ich schaffe das noch, ich schaffe das. Bis der Hebel im Kopf umgelegt wird und ich weiss: Jetzt geht es nur noch um Schadensbegrenzung.

Wie reagiert da der Körper?
Meiner versucht, sich zu einer Kugel zu formen. Es ist seltsam. Erst glaubt man nicht daran, dass es zu einem Sturz kommen kann, erst wenn man nur noch den Himmel sieht, versteht das Gehirn, dass es ernst wird. Ab da ist es nur noch eine Frage des Glücks oder Pechs. Du kannst nur noch so machen (macht ein Kreuz auf seiner Brust).

Sind Sie gläubig?
Ich bin nicht Christ oder so. Aber ich glaube und hoffe, dass es eine gute Kraft gibt, die uns in die richtige Richtung schiebt. Dass nicht alles Zufall ist.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie im Netz liegen?
Es gibt Situationen, in denen ich kurz in Ohnmacht falle. Wenn ich wieder erwache, schaue ich erst, ob alles in Ordnung ist – das Herz rast schnell. Und das Adrenalin, das ist eine brutale Sache.

Weshalb?
Man denkt ganz klar, hat keine Schmerzen. In Kitzbühel lief ich davon, winkte den Zuschauern zu. Eine halbe Stunde später konnte ich keinen Meter mehr ­gehen. Der Fuss war dick und steif.

Reizt Sie das Leben am Limit?
Etwas schon. Aber nicht Limit im Sinn von Gefahr. Viel mehr reizt mich, ans ­Limit zu gehen, wenn ich sehr gut in Form bin. Wenn ich am Start stehe und richtig nervös bin, weil ich weiss, dass ich mit einer guten Fahrt gewinnen kann. Ich bin viel nervöser, wenn ich in guter Form bin als in schlechter.

Weil Sie sich unter Druck setzen?
Genau. Weil ich weiss, dass ich für einen Sieg kein Glück benötige.

«Jede Faser in mir schrie: Du musst abbremsen! Ich blieb kompakt, ich wollte gewinnen.»

Sie werden im Dezember 35. Was treibt Sie noch an?
Das Skifahren an sich und unser Team. Egal, ob wir rennen, Kniebeugen machen oder auf Ski stehen, wir sind eine Gruppe, die nur ein Ziel hat: richtige Spitzenleistungen zu erbringen, richtig schnell Ski zu fahren. Und die Jungs und Trainer sind gute Freunde, so etwas haben nicht viele bei der Arbeit. Für mich macht es das Gesamtpaket aus: Das Skifahren; die Nerven am Start; das Adrenalin; das Leben mit den Teamkollegen; dass wir mit solchen Geschwindigkeiten unterwegs sind. Unser Sport ist extrem.

Wie extrem er sein kann, hat der tödliche Sturz von David Poisson gezeigt. Was macht das mit Ihnen?
Das ist eine Tragödie. Wenn wir darüber reden, sprechen wir nicht mehr über Sport. Zum Sport gehört eine Knieverletzung, aber so etwas ist so viel grösser und schlimmer. Ich glaube, nur die Teamkollegen von David können die Gefühlslage richtig beschreiben. Für mich ist es jetzt schon sehr schlimm, aber wenn ich mir vorstelle, es hätte einen meiner Teamkollegen erwischt . . . Doch ich muss auch sagen, dass es in unserem Sport letztmals 2001 einen Todesfall gab (Régine Cavagnoud). Man muss auch dankbar sein, dass es nicht mehr solch schlimme Vorfälle gibt.

Mit Verletzungen rechnet ein Athlet, aber nicht mit dem Tod. Reisst Sie der Unfall aus einer Blase?
Ich kann mich noch gut an den Sturz von Daniel Albrecht in Kitzbühel erinnern (2009). Das war ganz schlimm für mich. Aber wenn ich selber fahre, bin ich in einem Tunnel. Bei der Besichtigung hier in Lake Louise dachte ich nur an die Piste, das andere blende ich aus.

Poissons Sturz geschah im Training. Ist dort die Sicherheit gut genug?
Wir als Mannschaft müssen da viel nachdenken. Wo muss ein Netz hin? Eigentlich fahren wir ja nicht in diese Richtung, aber was ist, wenn es einem den Ski verschlägt? Das ist nicht einfach. Als Abfahrtsteam müssen wir fast jeden Tag eine Rennstrecke von Grund auf aufbauen. Das ist, als müssten die Formel-1-Rennställe in Monte Carlo ihre Trainingsstrecke selber errichten.

Gibt es Verbesserungspotenzial?
Es muss, es soll sich etwas bewegen, speziell nach einem solchen Vorfall. Das Wichtigste ist aber, dass wir in den Trainings nicht nur einmal, sondern zwei-, dreimal nachdenken, ob die Netze wirklich richtig stehen. Ich wiege 100 Kilogramm. Wenn ich mit 120 angerast komme, braucht es eine Menge, um mich zum Stehen zu bringen. Und die Kanten der Ski sind brutal scharf, die können Netze durchschneiden. Auch wenn selten so etwas passiert: Schon selten ist zu viel.

Stellen Sie sich die Sinnfrage?
Nein. David hatte auch richtig Spass an seinem Sport, die Franzosen sind hier geblieben und voll parat. Auch die Familie von David steht dahinter und liebt den Sport noch immer. Es macht keinen Sinn, darüber nachzudenken, ob wir jetzt alle aufhören sollten. Es gibt viele Dinge in unserem Sport, die toll sind.

Einen Höhepunkt erlebten Sie 2016 am Lauberhorn. Sie gewannen, obwohl es viel Nebel hatte. Nahmen Sie volles Risiko?
In den Langentreien hatte es sehr dicken Nebel. Ich dachte: Jetzt sehe ich fast nichts mehr. Aber auch: Die anderen sind hier ja auch hinuntergefahren.

Es wird schon irgendwie gehen?
Genau, sonst hätte ich ja nicht Startfreigabe gekriegt, oder mir wäre unterwegs die gelbe Flagge gezeigt worden. Ich war richtig schnell, musste kompakt bleiben, sonst hätte ich das Rennen nicht gewonnen. Jede Faser in mir schrie: Du musst aufstehen, dich breitmachen, abbremsen, du siehst ja nichts! Ich blieb kompakt, ich wollte gewinnen.

Das klingt wenig vernünftig.
Vielleicht, aber wenn ich Startfreigabe bekomme, dann bin ich zu 100 Prozent überzeugt, dass alles in Ordnung ist. So viel Vertrauen müssen wir in die Organisatoren und die FIS schon haben. Sobald wir am Start stehen und anfangen zu zweifeln, zu überlegen, ob auch wirklich alles passt, können wir aufhören mit unserem Sport.

Viel Verantwortung für die FIS.
Die müssen sie tragen. Wenn ich starten darf, fahre ich mit Vollgas.

Wie in Kitzbühel bis zum Sturz. Sie brachen die letzte Saison vor der WM ab, liessen sich am Meniskus operieren. War das eine Spätfolge?
Wahrscheinlich, ja. Nach dem Unfall wurde zwar alles operiert, der Meniskus, viel Knorpel, das Kreuzband, nun war die Meniskuswurzel betroffen. Nach einem Eingriff läuft im Knie nicht alles rund, es gibt Reibungen. Deshalb haben die Ärzte damals auch gesagt, dass ich allenfalls nicht mehr Ski fahren kann.

Sind Sie eingeschränkt?
Ich kann nicht mehr so viele Läufe machen wie früher. Skifahren ist brutal für das Knie. Ich habe in der Reha alles dafür getan, dass es wieder bereit ist. Dann stehe ich einen Tag auf den Ski und merke: Es ist das Allerschlimmste, was ich meinem Knie antun kann. Ich hoffe aber, dass ich noch ein paar Jahre habe.

Und wenn nicht?
Dann habe ich viele Optionen. Ich habe bereits in Unternehmen investiert, sitze in Vorständen, habe jüngst mit Kollegen eine Bekleidungsfirma gegründet.

Ein Risikomensch auch hier?
Ein bisschen. Aber das Geld ist bei diesen Firmen besser angelegt als bei einer Bank. Ich investiere auch in Kleinunternehmen, wenn ich die Leute kenne und weiss, dass sie fleissig und clever sind.

Was braucht es, um Sie für ein Investment zu gewinnen?
Eine gute Geschäftsidee zu haben, ist zwar gut. Aber wenn jemand gewillt ist, hart zu arbeiten, dann ist das viel mehr wert als die beste Idee. Vielleicht hat jemand auf der Rennpiste eine super Idee, wie man fahren könnte. Nur: Wenn ich fleissig bin und viel trainiere, dann habe ich viel grössere Chancen auf Erfolg als derjenige mit der brillanten Idee.

Passen Sie auf Ihr Geld besser auf als auf Ihren Körper?
Wenn ich am Start stehe, ist das der ­Moment, in dem ich das meiste Risiko nehme in meinem Leben. Weil es nichts gibt, was ich so gut kann wie Ski fahren.

Wieder einmal stehen Sie vor einem Comeback. Sind Sie geduldig?
Solange es vorwärtsgeht. Ich habe in den letzten drei Jahren zwar ziemlich viel Pech gehabt, aber lieber jetzt als in jungen Jahren. Solange ich Positives sehe, ist alles gut.

Was ist derzeit positiv?
Dass es mir ein bisschen besser geht als im Vorjahr. Und dass mir das alles noch immer unglaublich viel Spass macht, auch mit den Jungs.

Lange waren Sie alleine, dann kam Kjetil Jansrud. Jetzt sind Junge dazu­gestossen. Ist Dynamik wichtig?
Ja, wir können jetzt auch mit den Zimmerkollegen abwechseln. Die Jungen denken etwas anders als wir, da gibt es immer wieder Überraschendes.

Zum Beispiel?
Sie sind nicht immer so seriös, sie reden nicht nur über die beste Linienwahl. Wenn sie über Frauen reden, tun sie das anders als wir, das finde ich witzig.

Macht Sie das jünger?
Ich hoffe doch. Wenn man Spass hat, bleibt man jünger. Und den habe ich.

Trotz Verletzungen?
Klar gab es Momente, die nicht spassig waren. Aber als ich im Spital landete, sah ich das als Herausforderung. Ich wollte so schnell wie möglich zurückkommen und Rennen gewinnen.

Das Leben als Wettkampf?
Bei einem Wettkampf gewinnt einer, der andere verliert. Bei einer Herausforderung muss niemand verlieren, nur weil ich gewinne.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.11.2017, 23:10 Uhr

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5 Weltmeistertitel

Aksel Svindal wuchs in der Nähe von Oslo auf. Im Wintersportort Geilo stand er als 3-Jähriger erstmals auf Ski. 2001 gab er sein Debüt im Weltcup; seither feierte er 32 Siege, war zweimal Gesamtweltcupsieger, holte bei Olympia 2010 in Vancouver Gold (Super-G), Silber (Abfahrt) und Bronze (Riesenslalom) und ist fünffacher Weltmeister. 2014 riss die linke Achillessehne, 2016 beim Sturz in Kitzbühel das Kreuzband und der Meniskus im rechten Knie. Auch die letzte Saison brach er wegen Knieproblemen ab. (rha)

«Musige» Piste

Einen Tag vor ihrem Saisonstart konnten die Abfahrer doch noch auf die Piste von Lake Louise. Diese war nach viel Regen «musig», wie Patrick Küng (13.) sagte. Beat Feuz wurde 8., Svindal 29. Elf Tage nach dem tödlichen Unfall von David Poisson (FRA) fuhr dessen Landsmann Adrien Théaux Bestzeit. (rha)

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