Achtung: Verletzungsfrei!

Beat Feuz kam wieder einmal ohne grosse Beschwerden durch den Sommer. Die Gegner sind vor dem Auftakt in Lake Louise gewarnt.

«Mit der jetzigen Situation bin ich sehr zufrieden»: Ein ungewohnter Abfahrtsweltmeister Beat Feuz. Foto: Reto Oeschger

«Mit der jetzigen Situation bin ich sehr zufrieden»: Ein ungewohnter Abfahrtsweltmeister Beat Feuz. Foto: Reto Oeschger

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Der Körper spielt ihm keine üblen Streiche? Es ist keine Operation vonnöten, es gibt keine Gesichtslähmung, keine langwierige Mittelohrentzündung? Beat Feuz wusste gar nicht mehr recht, wie es ist, ohne grössere Beschwerden durch den Sommer zu kommen, «wie angenehm das sein kann». Diesmal war das eben so. Erstmals seit drei Jahren ist der Emmentaler wieder dabei beim Saisonstart der Abfahrer in Lake Louise.

Feuz sitzt in der Lobby des Team­hotels. Er sagt: «Es lief alles ziemlich nach Plan.» Es ist ein Satz, der bei anderen Athleten aufhorchen liesse. Ziemlich? Was lief schief? Nicht so bei ihm. Wenn einer seiner Pläne schon nur einigermassen aufgeht, ist das viel. Sein von einem Dutzend Operationen geschundenes linkes Knie bereitet ihm so wenige Sorgen wie nie seit der schweren Infektion 2012, als gar eine Amputation zu einem der möglichen Szenarien gehörte. Das lässt ihn sagen: «Mit der jetzigen Situation bin ich sehr zufrieden.»

Es gibt die Tage noch, an denen sein Knie anschwillt, er das ohnehin in der Bewegung eingeschränkte Gelenk kaum mehr beugen kann, die Schmerzen stechend sind. Doch sie sind rarer geworden. Feuz und sein Umfeld haben über die Jahre gelernt, was er tun darf, was er besser sein lässt. Seine Freundin Katrin Triendl, ehemalige Skirennfahrerin, heute Physiotherapeutin, spielte eine zentrale Rolle. «Sie schaut genau hin», sagt Feuz. Auf «Harakiri», wie er es bezeichnet, verzichtet der 30-Jährige heute.

Fussball? Eine Woche Stillstand

Feuz ist ein Spielertyp. Er liebt das Golfen, das Tennis, den Fussball, das Uni­hockey. Früher, sagt er, «spielte ich drei Tage hintereinander Fussball. Mir war egal, wenn das wehtat. Würde ich das jetzt machen, dann würde ich eine ­Woche stillstehen.» Vom Unihockeystock lässt er die Finger, «das Stop-and-go auf hartem Belag ist Gift für mein Knie», den Tennisball schlägt er nur noch auf Sandplätzen. Gerne mit Matthias Mayer, dem Abfahrtsolympiasieger von 2014, und dessen österreichischem Teamkollegen Otmar Striedinger. «Mit Mayer kann ich noch mithalten, gegen Striedinger bin ich chancenlos», sagt Feuz. Er lacht.

Feuz hat ziemlich unbeschwerte ­Wochen und Monate hinter sich. Umfänge, wie sie seine Kollegen im Kraftraum und auf der Piste leisten, sind für ihn zwar noch immer undenkbar, werden für ­immer undenkbar bleiben, «aber an manchen Tagen konnte ich einen Lauf mehr absolvieren als früher. Es sind ­solche Kleinigkeiten, die mir zeigen: Es wird besser.»

Die Gegner sind gewarnt. Zu was ein angeschlagener Feuz mit wenig Training fähig ist, hat er zur Genüge gezeigt. 2016 etwa, als er im Frühjahr nach einem Teilabriss der rechten Achillessehne und mit kaum Vorbereitung in den Weltcup zurückkehrte und das schaffte: Zweiter in Kitzbühel, Dritter in Garmisch, Dritter in Chamonix, Siege in St. Moritz in der Abfahrt und im Super-G.

Zu was er nach einer guten Vorbereitung fähig ist? Andy Evers, der Abfahrtschef der Schweizer, sagt: «Beat ist eine Ausnahmeerscheinung. Wegen der Verletzungen hat er es noch nie über eine ganze Saison hingekriegt – das muss jetzt das Ziel sein.» Und: «Wenn alles passt, dann fährt er mit ganz wenigen in einer eigenen Liga. Er hat die Fähigkeit, unglaublich konzentriert zu sein, wenn er spürt, dass etwas möglich ist. Dann kann er nochmals eine Scheibe drauflegen.» Bewiesen hat das Feuz an der WM im ­Februar in St. Moritz, wo er mit dem Goldlauf in der Abfahrt für den prestigeträchtigsten Triumph des Heimteams sorgte.

Es war einer der Momente, der ­Moment schlechthin, der ihn für all die Strapazen entschädigte, für den Kampf mit seinem Körper, gegen die Meinung der Ärzte, die ihm nahelegten, sich eine andere Beschäftigung zu suchen. «Es war eine grosse Belohnung für mich, eine Genugtuung. Dafür habe ich immer weitergeschuftet.»

Weltmeister also ist Feuz. Lauberhornsieger auch. Fehlen noch je ein Triumph in Kitzbühel und an den Olympischen Spielen zur Traumbilanz eines Abfahrers. Beides sind Ziele für Feuz in diesem Winter. Zumal er in Kitzbühel im Frühjahr bewiesen hat, dass er gut wäre für den Sieg auf der Streif. Der Gefühlsfahrer meisterte die Königin unter den Abfahrtsstrecken so gut wie keiner – bis er kurz vor dem Ziel bei der Einfahrt in die Traverse zu viel riskierte und die Traumfahrt im Netz endete. «Dass ich den Sieg dort verschenkt habe, das nagt an mir. Ich war enttäuscht, habe mich sehr genervt. Aber letztlich musste ich sagen: Sei froh, dass du ausser ein paar blauen Flecken nichts abgekriegt hast.»

Seine Geschichte lässt Beat Feuz sportliche Tiefschläge richtig einordnen. Kein Sieg wiegt die Gesundheit auf. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.11.2017, 23:31 Uhr

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