Der Tod und die Piste

Der Tod von Skirennfahrer David Poisson lässt die Sicherheitsdebatte aufflammen. Doch fordert der Ski-Leistungssport heute mehr Tote als früher?

Tödliche Unfälle im Ski-Leistungssport.


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Die Skiwelt ist erschüttert. Der Tod von David Poisson bei einem Trainingssturz im kanadischen Nakiska bewegt aber nicht nur die Szene, sondern weit darüber hinaus. 35 Jahre alt wurde der Franzose, er hinterlässt eine Frau und einen 18 Monate alten Sohn.

Der Bronzegewinner der WM-­Abfahrt von 2013 hat in einer Kompression einen Ski verloren, flog durch die Sicherheitsnetze und prallte gegen einen Baum. So schildern es Augenzeugen, so schreibt es der französische Verband auf seiner Website.

In die Stimmen der Bestürzung und Anteilnahme mischen sich solche, die nun die Sicherheitsfrage stellen. Wie immer, wenn es im Sport zu einem schlimmen Zwischenfall kommt. Das ist legitim, keiner will schwere Unfälle, jeder will die Gefahr möglichst gering halten, alle wollen die Sicherheit verbessern. Nur gibt es bei allen Emotionen auch den nüchternen Blick. Und dieser sagt: Ein Risiko bleibt immer.

Das traurige Beispiel Formel 1

Das beweist die Formel 1, in der die Fahrer mittlerweile mit 300 Stunden­kilometern in eine Mauer krachen können, ohne sich zu verletzen – und es dann eben doch zu einem tödlichen Unfall kommt wie bei Jules Bianchi 2014 in Japan. Der Franzose war von der nassen Strecke abgekommen und in ein Bergungsfahrzeug geprallt. Schmerzlich wurde den Formel-1-Fahrern vor Augen geführt, wie gefährlich ihr Beruf noch immer ist. Ein Sportler versucht das möglichst weit von sich zu schieben, aus Selbstschutz. Ein ängst­licher Athlet lebt erst recht gefährlich.

Nur muss jeder wissen, worauf er sich einlässt, wenn er in ein Formel-1-Auto sitzt. Jeder, der mit hautengem Anzug und Helm mit 150 km/h das Lauberhorn hinunterrast. Jeder, der sich in Kitzbühel über die Mausefalle stürzt, über den eisigen Steilhang rattert, über die Hausbergkante fliegt und die Traverse mit ihren Schlägen und Wellen irgendwie zu überstehen versucht. Die Gefahr ist auch Teil der Faszination, Teil des Nervenkitzels.

Dass der Schock nach Poissons Unfall riesig ist, beweist vor allem eines: wie sicher der Skirennsport mittlerweile ist. Fast neun Jahre sind vergangen, seit Daniel Albrecht in Kitzbühel fürchterlich gestürzt ist, der Schicksalstag von Silvano Beltrametti liegt fast 16 Jahre zurück. Ebenso lange ist es her, dass der Weltcup letztmals einen Todesfall zu beklagen hatte. Régine Cavagnoud starb beim Abfahrtstraining auf dem Pitztaler Gletscher nach einem Zusammenprall mit einem deutschen Trainer.

Poisson wurde nun ein Abflug durch die Sicherheitsnetze zum Verhängnis. Ob die Netze, die von Pistenarbeitern der kanadischen Station aufgebaut wurden, den Standards entsprachen, muss untersucht werden. Fakt aber ist: Nicht nur die Franzosen, sondern auch die Abfahrtsteams der Schweizer und der Italiener wollten sich auf dieser Piste auf den Speed-Auftakt von kommender Woche in Lake Louise vor­bereiten. Es wurde nichts beanstandet.

B-Netze auf Trainingspisten

An der Unglücksstelle standen zwei sogenannte B-Netze hintereinander, diese sind zwei Meter hoch und sollen einen Unfall wie jenen Poissons verhindern. Sie genügten – bis zum verhängnisvollen Sturz. A-Netze, die doppelt so hoch sind und an gefährlichen Stellen auf Weltcupstrecken gespannt werden, sind auf Trainingspisten fast nirgends anzutreffen. Der Aufwand ist zu gross, weil sie an einbetonierten Riesenmasten befestigt werden. Selbst B-Netze sind auf Teststrecken erst seit rund zehn Jahren üblich. Davor waren niedrige C-Netze normal, die kaum einer Belastung standhielten.

Die Entwicklung im Sicherheits­bereich schreitet stets voran. Das Risiko aber fährt immer mit.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.11.2017, 12:07 Uhr

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