Plötzlich wieder Super-Dario

Dario Cologna prägt diese Tour de Ski wie zu seinen besten Zeiten. Vier Gründe für sein unerwartetes Hoch.

Angetrieben von den Schweizer Fans brilliert Dario Cologna auf der Lenzerheide und eilt von Sieg zu Sieg. Foto: Peter Schneider (Keystone)

Angetrieben von den Schweizer Fans brilliert Dario Cologna auf der Lenzerheide und eilt von Sieg zu Sieg. Foto: Peter Schneider (Keystone)

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Der Weltmeister über 50 km fasste ­zusammen, was die Gegner über Dario Cologna dachten: «Das ist wieder der ­Dario von 2012.» Gerade hatte Cologna auf der Lenzerheide auch die dritte Etappe der Tour de Ski gewonnen, da gratulierte ihm Alex Harvey zur Dominanz. Sie erinnerte zumindest bei Colognas Sololauf vom Neujahrstag an die Saison 2011/12. Damals hatte der Bündner fast zwei Dutzend Podestplätze gehamstert. Dass der 30-Jährige darum von einem «perfekten Auftakt» in die Serie sprach, versteht sich von selbst. Mehr als seine Freude aber interessiert, wie sich Cologna nach einer fast dreijährigen Sieglosigkeit wieder zu einem Gewinner entwickeln konnte. Zumal sich diese Dominanz ­gemessen an seinen bisherigen Saisonresultaten nicht abgezeichnet hatte.

Der 4-JahresplanDie Defizite endlich behoben

Man muss ein wenig ausholen, um zu verstehen, warum wir über Neujahr einen Cologna der Superlative erlebten. Wie der dreifache Olympiasieger über den Schnee glitt, erinnerte an seine besten Jahre: Da stimmte jeder Schritt, passte jeder Stockeinsatz, waren Kraft und Souplesse perfekt vereint – ein Lauf aus einem Guss, wie man ihn von ­Cologna manchen Winter nicht mehr ­gesehen hatte. Denn seine schwere Knöchelverletzung vom Dezember 2013 hallte viel länger nach, als sich dies ­Cologna vorgestellt hatte. Sein Körper reagierte mit Muskelproblemen, allen voran in der Wade. Hinzu kamen Defizite in der Kraft, primär in den Beinen, und in der Folge auch in der Technik.

Cologna feiert seinen Sieg über 15 Kilometer klassisch an Silvester. (Bild: Peter Schneider, Keystone)

Obschon Cologna relativ rasch mit spezifischen Trainings versuchte, die Probleme in den Griff zu bekommen und sich auf ein neues Kraftlevel zu bringen, fruchteten die Bemühungen im Weltcup nur bedingt. Phasenweise schien er, auch von Verletzungen und Krankheiten in einem kontinuierlichen Formaufbau gestört, relativ weit von den Besten weg. Entsprechend büsste er zu Beginn einer Saison viele ­Sekunden auf die Schnellsten ein. Zwar konnte er sich im Verlauf eines Winters jeweils stets steigern, sein zu tiefes Ausgangsniveau jedoch nicht mehr ausreichend beheben.

Darum wollte er sich für dieses zentrale Jahr mit den Olympischen Spielen im Februar von Beginn an besser präsentieren – und schon zum Saisonbeginn nahe der Besten sein. Seine Leistungswerte waren nach der Vorbereitung gar so gut wie noch nie. Er hatte trotz vieler Jahre als Topathlet noch einmal einen Vorwärtsschritt getan – auch dank weniger Trainings. Seine Stundenzahl pro Monat sank um sieben Prozent. Das mag sich nach wenig anhören, förderte aber seine Frische und damit die Qualität. Die Massnahme scheint ihm beim Formaufbau gutgetan zu haben.

Die GegnerDie Krise der Norweger

Colognas direkte Verfolger sind an dieser Tour zurzeit: zwei Russen, ein Kanadier und ein Kasache. Die Nation der ewigen Favoriten aber fehlt – Norwegen. Als ihr Bester liegt Martin Johnsrud Sundby schon 1:03 Minuten hinter ­Cologna. Der Schweizer ist also immer auch so gut, wie seine Gegner es ihm ­erlauben. Nach der Galavorstellung von Titelverteidiger Ustjugow zum Tour-Auftakt im Sprint hatte man mit einer neuerlichen Dominanz des Russen rechnen müssen. Dann offenbarte sich in der zweiten Etappe, dass er seine super Form von 16/17 zumindest über die längeren Strecken noch nicht aufweist.

Vergleiche zu Colognas Gegnern sind ohnehin mit Vorsicht anzustellen. Wie sie ihre Form bis zu den Spielen aufbauen, ist bei den meisten unbekannt. Allerdings braucht sich der Wahldavoser diesbezüglich nicht zu sorgen. Auf Schlüsseltrainings, also richtig harte, kurze Einheiten, hat er bislang verzichtet. Er spart sich diese Formveredler für die finale Vorbereitung vor den Spielen auf. Schliesslich ist die Tour de Ski im Olympiajahr bloss eine wichtige Nebensächlichkeit. Trotzdem kann er zufrieden bilanzieren, bis zum jetzigen Zeitpunkt weiter und besser zu sein als ­geplant. Der Umstand offenbart, dass selbst ein Cologna seine Form nicht immer ganz punktgenau timen kann.

Das ServiceteamNachtesten für Cologna

Beim Saisonauftakt zeigte sich: Bei Verhältnissen um 0 Grad verfügte Cologna in seinem Stock an Klassisch-Ski über keine konkurrenzfähigen Produkte. Trotz ansprechender Form war er in Kuusamo im traditionelleren Stil chancenlos. Als Folge wurde sein Servicemann nach Davos geschickt, wo er neues Material testete und Ski fand, die nun für diese Bedingungen passen. Auf diese ersten Tour-Rennen hatte diese Massnahme zwar keinen Einfluss, weil die Voraussetzungen ganz andere waren. Die Episode aber verdeutlicht, dass der Teamcaptain betreffend Service über ideale Voraussetzungen verfügt. Auf der Lenzerheide bedeutete dies: Cologna konnte auch darum glänzen, weil seine Ski derart schnell liefen.

Die PsycheWieder im Sieger-Modus

Vom Winner-Gen spricht Hippolyt Kempf, der Langlaufchef von Swiss Ski, wenn er dieser Tage über seinen besten Athleten spricht. Wie zu den stärksten Zeiten strahle Cologna ein enormes Selbstvertrauen aus. Noch zum Tour-Auftakt im Sprint habe er ihn phasenweise ein bisschen zögerlich erlebt – ­danach wie verwandelt. Cologna sagt, dass auch einer wie er siegen müsse, um von seiner Klasse überzeugt zu sein. Diese neue Stärke war auf der Loipe ­offensichtlich. Denn einem Athleten von Sergei Ustjugows Format läuft man nicht so früh im Rennen davon, wenn man an sich zweifelt. Dass Cologna sagt, der ­Gesamtsieg der Tour müsse nun sein Ziel sein, gehört zu dieser neuen Stärke. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.01.2018, 22:43 Uhr

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