Mutige Frauen

In der Disziplin Slopestyle bewegen sich die Snowboarderinnen praktisch täglich ausserhalb ihrer Komfortzone.

Auch Ängste müssen übersprungen werden: Isabel Derungs. Bild: Reuters/Mike Blake

Auch Ängste müssen übersprungen werden: Isabel Derungs. Bild: Reuters/Mike Blake

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Es gibt Tage, da reicht Isabel Jud am Morgen ein Augenkontakt. Allein am Blick ihrer Athletin sieht die Trainerin der Schweizer Snowboarderin, dass sie von dieser keine Topleistung erwarten kann. Es ist keine Laune der Athletin, sondern der Natur. «An gewissen Tagen kann ich mich selbst zu Tricks nicht überwinden, die eigentlich easy sind», sagt Isabel Derungs, eine der Slopestyle-Fahrerinnen. «Mut und Angst ändern sehr stark mit den monatlichen hormonellen Schwankungen.» Steht dann ein Training an, versucht Derungs gar nicht erst, gegen ihren Körper anzukämpfen. Stört der Monatszyklus an einem Wettkampftag, versucht sie sich irgendwie durchzukämpfen, auch wenn sie weiss, dass ein Exploit nicht möglich ist.

An diesem Donnerstag ist das nicht das Problem. Der Berg will einfach nicht. Es schneit und schneit und schneit. Die Halfpipe-Qualifikation kann gerade noch so durchgeführt werden. Aber in der Disziplin Slopestyle, mit Sprüngen über 20Meter? Keine Chance.

Die Monsterpipe beim Crap Sogn Gion in Laax. Bild: Dieter Seeger

Die Herausforderung ist bei idealen Bedingungen schon gross genug. Und sie ist für die Frauen deutlich grösser als für die Männer. Bei denen kommt der Bammel erst viel später, wenn es um neue Tricks geht. Die Weltbesten sind mittlerweile bei Rotationen mit drei und vier Salti angelangt. Wenn da in der Luft etwas schiefgeht, hat das schwere Folgen.

«Die Hauptschwierigkeit für die Frauen ist, dass sie sich auf diesen ­Kickern grundsätzlich ausserhalb ihrer Komfortzonen bewegen. Und um neue Tricks zu lernen, müssen sie noch weiter gehen», sagt Trainerin Jud.

Der Vergleich mit Steingruber

Auf dem Schnee sind keine zwei Schanzen gleich. Jud beschreibt das so: «Es ist, als änderte sich für Giulia Steingruber vor jedem ihrer Sprünge der Anlauf, die Höhe ihres Sprungtisches, die Härte des Sprungbretts plus die Windrichtung – und dann muss sie ihre Höchstschwierigkeit zeigen.»

Die Überwindung ist darum ein grosses Thema unter den Slopestylefahrerinnen, eine ständige Begleiterin. Jede Athletin muss eigene Wege und Strategien finden, um damit umzugehen. Das hat auch seine Faszination. Derungs mag das Wechselspiel zwischen Mut und Angst, diese Auseinandersetzung mit den beiden Gefühlen. Für sie existiert das eine nur durch das andere: «Wenn niemand als mutig gelobt wird, gibt es auch keine Angst.» Sie versucht darum, Tricks sachlich zu betrachten, nüchtern als Bewegungsabfolge und ohne die ­Risiken, die sie mit sich bringen.

Sina Candrian, die Schweizer Teamleaderin im Slopestyle, macht es ähnlich. Sie setzt sich enorm lange mental mit einem neuen Trick auseinander, bis sie zur Überzeugung gelangt, diesen auch umzusetzen. «Dann habe ich ihn im Kopf schon 1000-mal gestanden.» Sie hat sich dann alle «Fluchtwege» überlegt, also Auswege, falls es in der Luft nicht so laufen würde wie geplant.

Candrian bezeichnet sich als vorsichtige Fahrerin, «ich hasse es, wenn ich stürze». Seit das Schweizer Snowboardteam mit einem Mentaltrainer zusammenarbeitet, hat sie erfahren, wie vorbildlich ihre Herangehensweise ist: «Ich bin eine Mentalstreberin. Andere überlegen nicht so viel.» Weil sich die Bündnerin vorab so intensiv mit einem Trick beschäftigt, braucht sie in der Regel dann auch nicht allzu viele Versuche, um diesen auf dem Schnee zu stehen. Im Herbst lernte sie gleich zwei neue.

Den Gedanken im Kopf stoppen

Carla Somaini dagegen, die Anfang ­Dezember in Mönchengladbach über­raschend einen Big-Air-Weltcup gewann, zeigte der Mentaltrainer Strategien auf, um ihre Ängste in den Griff zu bekommen. «Wir arbeiteten an meinem Bewusstsein: Wann habe ich Angst? Etwa beim Gedanken zu stürzen. Wenn nun der in mir aufkommt, kann ich ihn stoppen», sagt die Zürcherin.

Derungs (30), Candrian (29) und ­Somaini (26) sind Snowboarderinnen der älteren Generation, die selber Wege suchen mussten, um den Herausforderungen ihres Sports zu begegnen. Mit den jüngeren Athletinnen geht Trainerin Jud auch neue Wege. Etwa indem sie mit ihnen schon früh intensiv auf dem Trampolin trainiert, um ihnen die Hemmungen vor Überkopf­rotationen zu nehmen. Sie hält sie auch dazu an, sich mit dem eigenen Körper auseinanderzusetzen. Denn am Ende sind es die Athletinnen selber, die entscheiden. «Letztlich muss jede selber spüren, was am jeweiligen Tag für sie möglich ist», sagt Jud. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.01.2018, 22:50 Uhr

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