Lindsey Vonns Ego-Trip

Die Skifahrerin will sich bei einer Männer-Abfahrt mit den Besten messen. Das gefällt vor allem den Männern nicht.

Lindsey Vonn will in Lake Louise bei der Männer-Abfahrt mitfahren. Doch der Skiverband Fis ist skeptisch.

Lindsey Vonn will in Lake Louise bei der Männer-Abfahrt mitfahren. Doch der Skiverband Fis ist skeptisch. Bild: Keystone

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Der Winter hat noch nicht begonnen, noch sind keine frischen Spuren in die Rennpisten gefräst. Aber Lindsey Vonn gehen offenbar schon jetzt die Gegnerinnen aus. Deshalb hat sich die prominenteste der US-amerikanischen Skifahrerinnen nun zunächst die Seniorenriege vorgeknöpft. Jene «älteren Herren, die diesen Sport nie richtig bestritten haben», die «keine Ahnung haben». Und die «nicht respektieren», was sie, Lindsey Vonn, «schon alles geleistet hat». Das, so sagte sie, sei der Grund, weshalb sie jetzt den Marsch durch die Institutionen antritt.

Lindsey Vonn, 32, hat Klartext geredet vor ein paar Tagen auf einem Gipfeltreffen für junge Führungskräfte in Boston, das die Zeitschrift Forbes organisierte. Was sie so in Rage versetzt, ist die zögerliche Haltung, mit der der Ski-Weltverband Fis auf ihren Herzenswunsch reagiert. Die US-Athletin, Olympiasiegerin und zweimalige Weltmeisterin, will seit Jahren zumindest einmal im Weltcup der Männer antreten.

Eine heikle Geschichte

Einen Ort hat sie sich auch schon ausgesucht, nämlich die Männer-Abfahrt auf ihrer Lieblingspiste in Lake Louise in Kanada, wo sie in ihrer Karriere 18 Mal (bei den Frauen) gewonnen hat; auch einen Termin hat sie im Sinn: die Saison 2018/19.

In der vergangenen Woche nun kam das Anliegen bei der Herbstsitzung der Fis in Zürich auf den Tisch; der US-Verband hatte erstmals einen schriftlichen Antrag eingereicht. Es gab eine kontroverse Debatte, berichtet Fis-Renndirektor Markus Waldner aus Südtirol. Die «heikle Geschichte» wurde schliesslich aufs kommende Frühjahr vertagt, weil sie nicht den unmittelbar bevorstehenden Weltcup-Winter betrifft. Eine «politische» Lösung, das gibt Waldner zu. Der US-Verband hat den Aufschub dennoch als ein positives Signal gewertet.

Die Männer sind verschreckt

Für ihr Sonderrecht führt Lindsey Vonn eine Reihe von Argumenten an, die sie mit ihrer Ausnahmestellung untermauert. Erstens ist sie bei Weltcup-Rennen häufiger als jede andere Frau als Erste über die Ziellinie geschossen, 77 Mal bislang, weshalb sie inzwischen einen männlichen Rivalen, eine Legende der Vergangenheit, zu ihrem adäquaten Gegner auserkoren hat: Ingmar Stenmark, dessen Rekord (86 Siege) sie jagt. Ausserdem trainiert Vonn schon seit Jahren regelmässig mit Männer-Teams, und laut Hörensagen ist sie durchaus imstande, den einen oder anderen um Längen zu schlagen.

«Aber wenn man sich aus dem Starthäuschen katapultiert, dann erreicht man ein anderes Niveau», erläutert sie, «und es ist dieser höhere Level, den ich erreichen will.» Falls ihre Schussfahrt mit Zöpfen unter dem Helm im Skizirkus der Männer ausserdem für eine Sensation sorgen sollte, wäre ihr das auch recht. Ein bisschen mehr Aufmerksamkeit, findet sie, könne dem Wintersport nicht schaden.

Es ist auch dieses Szenario - Menschen, Skier, Sensationen - das die Männer verschreckt. Der Rennsportleiter des österreichischen Teams, Andreas Puelacher, verwies auf den Grundsatz der Geschlechtertrennung im Wettkampfsport, der fast immer Anwendung findet - ausser wenn die Sportler auf Pferden sitzen. «Frauen boxen auch nicht gegen Herren oder spielen auf der Herren-Tennistour», sagte er: «Das ganze Theater gibt es nur, weil Frau Vonn unbedingt und nur bei einem bestimmten Rennen gegen die Herren fahren will.» Damit, findet er, «machen wir uns lächerlich».

Ein Ego-Trip?

Fis-Renndirektor Waldner spricht von ernsthaften Sicherheitsbedenken. Denn Männer- und Frauen-Abfahrten unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich ihres Gefälles. In Lake Louise, wo Vonn von Sieg zu Sieg gerast ist, wird derselbe Hang für die Männer härter und aggressiver präpariert, etwa durch das Einfräsen von Sprüngen. Die Olympiasiegerin fände also keinesfalls die gleiche Piste vor wie bei der Frauen-Abfahrt eine Woche später. «Das Risiko, dass sie stürzt, ist viel höher», sagt Waldner. «Und wenn sie bei den Männern fährt, bin ich verantwortlich für alles, was innerhalb der Zäune passiert. Von dieser Verantwortung möchte ich mich befreien. Das habe ich auch auf der Sitzung gesagt.»

Es gibt weitere ungelöste Fragen: Wie geht die Fis damit um, wenn zur Abwechslung die Männer auf die Idee kommen, bei den Frauen mitzufahren? Erste, nicht ganz ernst gemeinte Anfragen gab es schon, bezogen auf den Nacht-Slalom von Flachau. Waldner fürchtet auch, dass Vonns Abstecher in die Männerwelt den Fairnessgedanken in der Frauen-Konkurrenz verletzt: «Es gibt Athletinnen wie Sofia Goggia oder Ilka Stuhec, die bereits schneller sind als sie. Die müssten dann zusehen, wie Lindsey bei den Männern ihre Show macht.»

Denn das ist ja das Erstaunlichste an Vonns Vorstoss: Zwar sieht sie sich durchaus in der Tradition jener berühmten Männer-gegen-Frauen-Duelle, die als «Battle of the Sexes» in der Sportgeschichte verankert sind. Aber ihre Extratour im Schnee wird gedanklich so gut wie nie durch politische, gesellschaftliche oder gar feministische Anliegen überhöht. Es handelt sich weitgehend um einen Ego-Trip zur Auslotung der persönlichen skitechnischen Fähigkeiten.

Es geht es nicht um Gleichberechtigung

Damit unterscheidet sich Vonns Vorstoss grundsätzlich von einer Herausforderung wie jener, die die US-Amerikanerin Billie Jean King 1973 mit dem Tennisschläger in der Hand annahm (und von der ein neuer Film erzählt, der November in die deutschen Kinos kommt). Billie Jean Kings Sieg über den fast doppelt so alten Tennis-Chauvinisten Bobby Riggs (6:4, 6:3, 6:3) war ebenfalls ein PR-Event. Aber auch ein todernstes Match, das weltweit als Signal für die Gleichberechtigung von Frauen und den Respekt gegenüber Frauensport verstanden wurde. Den Sieg nutzte King, um für ihre Frauen-Profitennistour und gerechtes Preisgeld zu streiten.

Die Athletin Vonn hingegen hat bei ihrem Auftritt in Boston klargestellt: «Ich versuche nicht, irgendetwas zu beweisen. Ich will nur wissen, wo ich stehe.» Bei der Fis hofft man insgeheim, dass sich der Antrag bis zum nächsten Frühjahr vielleicht erledigt hat. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2017, 09:04 Uhr

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