«Ich will immer die Beste sein»

Mikaela Shiffrin, die erfolgreichste Skifahrerin der Gegenwart, spricht über Nervosität, belastende Erwartungen und die Rolle ihrer Eltern

Mikaela Shiffrin. Hinter dem Erfolg der Amerikanerin steckt viel harte Arbeit. Bild: Keystone

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Das halbe Dorf ist hinuntergepilgert zur alten Uhren­fabrik in Saint-Imier. Zu Dutzenden stehen Schulkinder vor den Toren von Longines, drinnen warten viele auf ein Autogramm. Die Amerikanerin Mikaela Shiffrin besucht ihren Sponsor, gibt Autogramme, posiert für Fotos. Zuvor nimmt sich die derzeit beste Skirennfahrerin Zeit für ein Gespräch.

Vreni Schneider übergab sich regelmässig vor dem Start, Henrik Kristoffersen tut es, Sie erbrachen vor dem Olympia­slalom. Gehört das zum Leben einer Skifahrerin? Im Winter 2016/17 musste ich mich oft übergeben. Ich spürte unheimlich viel Druck von aussen, von den Medien, von allen. Wenn ich nicht mit drei Sekunden Vorsprung gewann, bekam ich den Eindruck, ich wäre gescheitert.

Wer gab Ihnen diesen Eindruck? Als Beispiel: Ich kam 2016 zum Slalomauftakt nach Levi, fühlte mich schlecht vor dem 2. Lauf, mir war nicht wohl auf den Ski, ich war in gewissen Passagen aber unheimlich schnell. Und ich siegte mit über sechs Zehnteln Vorsprung. Dann sagte eine Journalistin zu mir: «Wir sind alle überrascht, dass du nicht mit einem grösseren Abstand ­gewonnen hast. Offenbar ist dein Niveau in diesem Jahr echt mies.» Ich war unglaublich wütend und noch nie in meinem Leben so nahe dran, jemandem ins Gesicht zu schlagen. Es wäre schade gewesen, sie hat ein schönes Gesicht. (lacht)

Wie sehr beeinflusst Sie so etwas? Es machte mich unruhig und wütend, was alle von mir erwarteten.

Ist das jetzt anders? Es war in der letzten Saison viel besser, ich hatte ein gesünderes Selbstvertrauen, schaute, dass mein Image für mich stimmte, und dachte nicht darüber nach, was die anderen sagten. Ich hatte im letzten Winter so viel Spass wie noch nie.

Doch just vor dem Slalom in Pyeongchang, Ihrem ­wichtigsten Rennen der Saison, ­erbrachen Sie wieder. Weshalb? Wegen des Windes wurden viele Rennen verschoben. Je länger das anhielt, desto müder wurde ich. Es war für mich, als würde ich an sechs Tagen in Folge Skirennen fahren. Der Slalom fand dann direkt nach dem Riesenslalom statt, in dem ich Gold gewonnen hatte. Da war ich so aufgeregt, so stolz, ich weinte nur noch. Doch am nächsten Tag war ja bereits wieder ein Rennen. Ich hatte zwei Optionen: Entweder zeige ich meine Emotionen und geniesse den Moment, dafür raubt es meine Energie. Oder ich mache einfach zu, richte meinen Fokus auf den nächsten Tag – dann gibt es keine guten Interviews, und ich lasse meine Fans mit einem schlechten Gefühl zurück.

Sie entschieden sich für die erste Variante. Opferten Sie Slalomgold? Ich sagte mir: Das ist Olympia, ich muss den Leuten etwas geben. Siegerzeremonie, Interviews, Dopingtests, bei den Spielen ist alles grösser, dauert alles länger, sind die Emotionen unfassbar. Es ist ein einziges Feuerwerk. Am Morgen danach war mein Verstand tot. Meine Mutter sagte mir, ich sähe aus wie ein Zombie. Mental war es für mich da nicht möglich, mit dem Druck umzugehen. Ich war nervös, mental und physisch kaputt. Ich erbrach am Start und dachte: Ausgerechnet jetzt! Vor dem Rennen aller Rennen.

Sie, die Slalomdominatorin, wurden Vierte. Würden Sie heute anders entscheiden? Nein. Ich lernte in Südkorea viel darüber, was ich tun muss, um ­bereit zu sein an einem solchen Event, wie ich mit Sachen umgehen muss, die ich nicht beeinflussen kann wie dem Wetter und den Dingen um mich herum.

Machen Sie sich selber Druck? Wenn der Druck von mir kommt, ist das in Ordnung. Ich hatte einige Rennen in diesem Jahr, in denen ich nur Zweite oder Dritte wurde und doch ganz im Reinen war mit mir. Ich werde nicht jedes Rennen gewinnen, ich weiss das. Aber klar: Mein grösstes Ziel ist, die beste Skifahrerin der Welt zu sein. Um das zu sein, muss ich gewinnen. Das ist aber eher Motivation als Druck.

Wie wichtig ist es Ihnen, wie Sie von anderen gesehen werden? Eigentlich interessiert es mich nicht, was die Leute denken. Ich bin froh, wenn mich niemand ­erkennt, dann brauche ich kein Make-up, müssen die Haare nicht perfekt sitzen. Aber für meine Karriere ist es wichtig, wie ich wirke. Wenn ich Fans habe, in den Medien präsent bin, mich die Leute mögen, dann bin ich besser vermarktbar. Grössere Bekanntheit hilft mir und meinen Sponsoren. Und es hilft unserem Sport.

In den USA fristet dieser ein Schattendasein. Lindsey Vonn und Bode Miller haben daran etwas verändert, aber es gibt nicht viele Athleten, die das tun. Wenn ich das hinkriegen würde, wäre das grossartig. Ich liebe es, von jungen Athleten zu hören, dass ich sie inspiriere und ihr Idol bin.

Sie wurden von Ihren Eltern geschult. Ihre Mutter ist noch immer mit Ihnen unterwegs. Welche Erwartungen hatten sie Ihnen gegenüber? Mit zwei Jahren stand ich erstmals auf den Ski – und ja, sobald ich selber denken konnte, sobald ich hören und verstehen konnte, was meine Eltern mir sagten, war es so: Sie brachten mir bei, meine Arme in der richtigen Position zu halten, vorne zu stehen, schön über den Ski. Sie liebten es, am Fernseher den Besten der Welt zuzuschauen: Janica Kostelic, Anja Pärson, ­Marlies Schild. Meine Eltern ­wollten diesen Spitzenfahrerinnen technisch so nahe kommen wie möglich, also versuchten sie, das auch mit mir zu erreichen.

Weil sie unbedingt wollten, dass Sie Skirennfahrerin werden? Rennen zu fahren, war meine Entscheidung. Meine Mutter und mein Vater wollten aus mir einfach eine gute Skifahrerin machen. Sie zeigten mir den Weg, und ich setzte um. Ich erlernte das Gespür für die Ski von klein auf, dieses Gefühl, diese Kraft in den Kurven. In den schnellen Disziplinen ist es, wie wenn man mit einem Auto auf einer Rennstrecke voll aufs Gas drückt, nur mache ich das ohne Gaspedal, ohne Motor. Es ist, als würde ich fliegen. Das nahm ich mit bis ­heute. Meine Eltern schulten mich aber auch in anderem.

In was? Im Tennis. Meine Mutter ist eine echt gute Spielerin. Sie zeigte mir, wie es richtig geht. (atmet tief durch) Ich glaube, ich habe nicht einen einzigen ganzen Match gespielt in meinem Leben. Wir machten Drills, nur Drills. Schlagen mit der Vorhand, immer und immer wieder, 30 Minuten lang, schlagen mit der Rückhand, 30 Minuten, dann über dem Kopf, dann aufschlagen, noch und noch.

Welches Ziel verfolgte Ihre Mutter damit? Es ging auch hier darum, die ­perfekten Schläge hinzukriegen. Wenn ich den Ball 15-mal über das Netz schlagen kann, macht das mehr Spass, als wenn er jedes Mal im Netz landet. Es ist das Gleiche beim Skifahren. Falle ich bei jedem Schwung hin, macht das keine Freude. Also lehrten mich meine Eltern, es richtig zu machen. Auch, damit ich mit ihnen schon als Kind auf die schwierigsten Pisten konnte. Aber sie sagten nie: Werde Skirennfahrerin! Werde die Beste der Welt! Ich war die, die das sagte. Sie fragten und fragen mich auch heute noch: Liebst du, was du tust?

Aber es klingt so, als hätten sie einen ganz genauen Plan gehabt für Sie: Tennis oder Ski. Sie hatten das Ziel, dass ich gut bin in dem, was ich tue. Aber ich bin die Wettkämpferin. Ich will immer die Beste sein – selbst wenn nur die Beste in diesem Raum.

Sie sind zumindest die beste Skifahrerin in diesem Raum. Dann habe ich mein Ziel ja erreicht. (lacht) Es ist irgendwie seltsam: Alle glauben, meine Eltern hätten mich gedrängt. Das taten sie nicht. Sie sagten: «Wenn du das nicht tun willst, ist es in Ordnung. Aber wenn du die beste Skifahrerin der Welt werden willst, dann helfen wir dir dabei.» Auch wenn es viel Geld kostet, ein richtig harter Weg ist, die Familie auseinanderreisst, stressig ist, herzzerreissend.

Ihre Mutter war und ist immer an Ihrer Seite. Gibt es ­schwierige Momente? Natürlich ist es nicht immer einfach. (überlegt lange) Es ist schwierig, weil sie meine Mutter ist, die Person, die mich mehr lieben sollte als jede andere auf der Welt. Aber als Trainerin sagt sie Sachen, die ich schlecht mache beim Skifahren, sagt sie schlechte Sachen über mich. Dann denke ich: Die Person, die mich so sehr lieben sollte, sagt mir, ich sei nicht gut genug. Das ist hart. Ich habe daher gelernt, Trainerin und Mutter zu trennen.

Ist das überhaupt möglich? Meistens. Doch wenn ich müde bin, oder sie müde ist, dann kann es zu viel werden, dann streiten wir auch heftig. Aber sie ist in all den Jahren auch zu meiner besten Freundin geworden. Als ich hier in Neuenburg spazieren ging, war zwar mein Freund dabei (der französische Skirennfahrer Mathieu Faivre), ich dachte aber immer nur: Es wäre schön, wäre sie hier, sie liebt es doch so sehr, neue Städte anzuschauen. Sie war die, die ich am liebsten bei mir haben wollte. Auch wenn wir manchmal kämpfen.

Wie gewinnen Sie Abstand? Wir ziehen uns zurück, atmen tief durch und reden dann darüber, was wir besser machen müssen. Aber es gibt Tage, an denen ich einfach schlecht gelaunt bin. Dann kann sie sagen, was sie will, und es macht mich wütend. Ich bin halt auch nur ein normales Mädchen.

Bei vielen Sportlern, die mit einem Elternteil unterwegs sind, kam es zur Trennung. Denken Sie auch daran? Klar. Wir haben vor drei Jahren damit angefangen, dass sie weniger mit mir reist. Dann kam das erste Rennen überhaupt ohne sie, und da hätte ich sie echt gebraucht. Ich merkte, dass es zu früh ist für mich, ohne sie zu sein. Sie hilft mir bei allem. Gehe ich durch die Zuschauermenge, ist sie diejenige, die die Böse spielt, die sagt: Es gibt jetzt kein Foto, kein Autogramm. Ich kann mich dank ihr voll auf meinen Job konzentrieren. Für mich ist alles grossartig: Ich gewinne, ich bekomme Auszeichnungen, Aufmerksamkeit, Geld. Aber für sie, hinter dem Vorhang, ist es kein einfaches Leben. Sie arbeitet die ganze Zeit hart mit mir und bekommt nichts von alledem.

Kriegt sie von Ihnen einen Lohn? Ich bezahle die Reisen, ihre Auslagen, eine Art Lohn, aber ich habe keinen Vertrag mit ihr oder eine Erfolgsbeteiligung.

Sonst wäre sie reich: Sie sind 43-fache Weltcup­siegerin, zweifache Gesamtweltcupsiegerin, dreifache Weltmeisterin, holten zweimal Olympiagold – und sind 23 Jahre jung. Geht Ihnen das nicht zu schnell? Mir kann es nicht schnell genug gehen. Ich hatte eine unglaubliche Karriere bis jetzt. Und ich will so weitermachen, weil es ganz abrupt zu Ende sein kann, etwa wegen einer schweren Verletzung. Deswegen bin ich sehr motiviert, hart an mir zu arbeiten. Ich glaube, ich habe immer noch Potenzial.

Ist die Angst vor einer ­Verletzung stets präsent? Es ist nicht so, dass mich das hemmen würde beim Skifahren, aber ich denke schon viel darüber nach. Deshalb bin ich so oft im Kraftraum, damit ich so stark werde, wie ich überhaupt nur sein kann. Ich will niemals im Starthaus stehen und denken: Ich habe nicht die ­volle Kontrolle über alles.

Welche Ziele haben Sie noch? Es geht mir nicht um Siege oder darum, Rekorde zu brechen. Meine tiefe Motivation kommt von den Gefühlen, die ich im Training erlebe. Ein guter Tag auf der Piste – ich kann nicht beschreiben, wie glücklich mich das macht. Hinunter­zubrettern, ohne Medien, ohne Aussicht auf eine Medaille, ohne Leute, die mir auf die Schultern klopfen. Und dann einen Lauf zu zeigen, von dem ich weiss, dass niemand je schneller sein würde, dass das der beste Lauf einer Frau überhaupt war. Dafür tue ich das alles. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 21.04.2018, 18:15 Uhr

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