«Es geht mehr und mehr um Geld und Macht»

1976, vor 40 Jahren fanden in Innsbruck die Olympischen Winterspiele statt. Reporter-Legende Karl Erb erinnert sich.

Karl Erb, hier im Interview mit Bernhard Russi, verfolgt das Sportgeschehen noch heute.

Karl Erb, hier im Interview mit Bernhard Russi, verfolgt das Sportgeschehen noch heute. Bild: Keystone

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Woran erinnern Sie sich als Erstes, wenn Sie an die Olympischen Spiele zurückdenken?
Der Höhepunkt aus Schweizer Sicht war natürlich der Sieg von Heini Hemmi, keine Frage. Es war die Krönung einer Karriere, die ich vom ersten Moment an verfolgt habe. Hemmi war ja ein kleiner Mann, wurde immer unterschätzt, war immer im Schatten anderer und musste viel unten durch, obschon er ein hervorragender Skifahrer war. Ich freute mich unheimlich für ihn, es war der verdiente Lohn für einen unentwegten Kampf, den er geführt hat.

Es gab auch Verlierer.
Ja, vor allem auch Verliererinnen. Unvergessen ist das Drama um Marie-Theres Nadig. Seit der verunglücken WM von 1974 in St. Moritz musste sie ständig Kritik einstecken. Das Unbekümmerte, das man zuvor so gemocht hatte, nannte man plötzlich unbedarft. Das war psychisch nicht spurlos an ihr vorbeigegangen. Und dann dieses unglaubliche Pech in Innsbruck: hohes Fieber vor der Abfahrt, und im Slalom verlor sie auch noch den Stock. Sie musste schwer unten durch. Es tat mir sehr leid, weil ich sie gut mochte, und es war schön, dass sie diesen Tiefpunkt überwinden konnte und noch einmal gross in Form kam.

Wie war die Stimmung an diesen Spielen? Wahnsinnig aufgeheizt. Patriotismus ist ein zu harmloser Ausdruck. Zum Teil herrschte eine fast feindselige Stimmung gegenüber ausländischen Athleten. Und auch österreichische Sportler, die die Erwartungen nicht zu erfüllen vermochten, wurden niedergemacht. Das hatte etwas sehr Bedrückendes.

Zum Glück gewann Franz Klammer die Abfahrt.
Oh ja, da wäre sonst Volkstrauer ausgebrochen. Ganz Österreich wartete auf dieses Duell zwischen Franz Klammer und Bernhard Russi. Und es war ja dann auch dieses grosse, dramatische Rennen, das man sich erhofft hatte. Wie Klammer den Rückstand bei der Zwischenzeit mit einer atemberaubenden Streckenwahl wettmachte, das war schon beeindruckend. Zumal der Druck, der auf ihm lastete, immens war. Und die Euphorie nach seinem Sieg entsprechend. Die Spiele waren für die Österreicher gerettet.

«Locker war die Stimmung nie. Vor allem hinter den Kulissen nicht.»

Haben Sie persönlich etwas gemerkt von diesen Ressentiments?
Nein, nein, ich war damals 50 und hatte schon einiges erlebt. Ausserdem kannte man mich, weil ich häufig am österreichischen Fernsehen interviewt wurde. Ich war ja auch Mitglied des Organisationskomitees, verantwortlich für die Ausbildung der Platzsprecher. Ein junger Reporter namens Bernard Thurnheer war einer davon.

Und nach Klammers Sieg war alles gut?
Die Fans waren fürs Erste zufrieden, ja, aber locker war die Stimmung nie. Vor allem hinter den Kulissen nicht. Im Organisationskomittee herrschte eine ziemlich angespannte Stimmung. Nach dem Attentat von 1972 in München auf die israelische Mannschaft hatte man Angst. Nach Terrordrohungen zog man einen unheimlichen Sicherheitsapparat auf. Es gab schärfste Eingangskontrollen, auf dem Weg zu meiner Reporterkabine wurde ich mehrere Male kontrolliert. Das Ganze erinnert mich an die heutige Zeit. Glücklicherweise passierte nichts.

Die Schweiz gewann fünf Medaillen, bei deutlich weniger Disziplinen. Im Verhältnis waren wir also sogar an diesen Spielen besser als heute. Läuft etwas schief im Schweizer Wintersport?
Die Lage ist schon beunruhigend, war sie aber immer wieder, und eine Analyse ist schwierig. Klar ist, dass der Stellenwert des Sports in der Schweiz nach wie vor zu klein ist. Das zeigt sich ja alleine schon daran, dass er nach wie vor ein Anhängsel des VBS ist. Und klar ist auch, dass ein hoher Wohlstand, wie wir ihn in der Schweiz haben, dem Leistungsdenken nicht förderlich ist. Es ist angenehmer, in den Funpark zu gehen, als hart zu trainieren. Deshalb sind wir nach wie vor auf ehrgeizige Einzelsportler angewiesen, die den Mangel an Gruppendynamik selber wettmachen können. Aber viel mehr Sorgen als der Zustand um den Schweizer Sport macht mir der Zustand in den Verbänden und das Gehabe der Funktionäre.

Sie meinen die Skandale?
Ja, es ist eine beängstigende Häufung. Nicht nur im Fussball, Radsport oder in der Leichtathletik. Es geht immer weniger um das Dienen, um das Ausüben einer Funktion, sondern mehr und mehr um Geld und um Macht.

Sie hatten einst auch Macht, waren gleichzeitig Journalist und Mitglied von Selektionsgremien.
Nein, Macht interessierte mich nie. Ich war ja nie fest angestellt, sondern immer freischaffend, und so konnte ich es mir erlauben, auch ein solches Amt auszu­üben. Es ging mir darum, mit dem Sport nicht nur Geld zu verdienen, sondern ihm auch etwas zurückzugeben.

Gab es nie Probleme? Der ­Interessenkonflikt liegt ja auf der Hand.
Es gab die eine oder andere kritische Stimme. Aber nie öffentlich, nur hinter vorgehaltener Hand.

«30 Kameras, zwei Reporter am Live-Mikrofon, einer unten am Platz und drei im Studio. All das für ein Fussballspiel.»

Und die Athleten?
Natürlich musste ich hin und wieder ein Interview mit einem Sportler führen, der nicht selektioniert worden war und entsprechend sauer war. Ich erinnere mich zum Beispiel an das Theater 1976 mit dem Bahn-Vierer, dem damals der junge Urs Freuler angehörte. Oskar Plattner war der grosse und legendäre Trainer des Teams und ein Freund von mir. Aber sie hatten halt trotzdem die Limite nicht erfüllt. Es gab einen riesigen Wirbel, und Plattner nahm mir die Sache eine Zeit lang ziemlich übel. Aber das legte sich wieder.

Heute werden Selektionskriterien auch mal etwas flexibler gehandhabt.
Man hat das auch damals nicht einfach nur stur gemacht. Aber es ist halt ein zweischneidiges Schwert. Erfahrungen zu sammeln ist für junge Sportler gut und recht. Aber man vergisst oft: Wenn die Sache schiefgeht, kann das einen grossen Knick in einer Karriere auslösen. Dann ist niemandem gedient.

Erinnern Sie sich an einen ­konkreten Fall?
Ja, klar, zum Beispiel an den Fall meiner Nichte. Susi Erb war in den 70er-Jahren Schweizer Hochsprungmeisterin und Rekordhalterin. Für die Sommerspiele 1976 in Montreal erfüllte sie die Selektionsbedingungen nur teilweise. Sie war ein Grenzfall, und wir entschieden uns gegen sie, weil sie nicht einmal mit ihrer Besthöhe eine Chance auf die Final-Qualifikation gehabt hätte. Es wäre nur frustrierend gewesen für sie. Zum Glück war sie mir nicht böse.

Zurück nach Innsbruck. War ­Fernsehen machen damals ­einfacher?
Wir arbeiteten mit sehr limitierten Mitteln, die Amerikaner waren uns technisch weit voraus: mit mobilen Kameras, wie wir das erst viel später hatten. Aber der Fortschritt ist in diesem Bereich ja nicht nur ein Segen.

Wie meinen Sie das?
Sehen Sie sich heute ein Skirennen an. Es wimmelt von Einblendungen. Und dann das Gesprochene: immer zwei Kommentatoren, die oft durcheinande sprechen, weil es keine klare Rollenverteilung gibt.

Es braucht heute halt immeinener Experten.
Offenbar, ja. Ich habe nichts dagegen, wenn man einen ehemaligen Rennfahrer nach seinen Erfahrungen fragt. Aber doch nicht während des Rennens! Ich erwarte von einem Sportjournalisten, der das als Beruf macht, dass er selber ein Experte ist. Noch schlimmer ist es ja beim Fussball: 30 Kameras, zwei Reporter am Live-Mikrofon, einer unten am Platz und drei im Studio. All das für ein Fussballspiel. Wo bleibt da die Verhältnismässigkeit? Aber vielleicht bin auch einfach nur zu alt, die heutige Welt will offenbar dieses Masslose.

Man nennt es Mehrwert.
Ja, ja, das ist vielleicht die Absicht. Aber es passiert genau das Gegenteil. Die Reporter werden mit so vielen Informationen zugedeckt, dass sie das Grosse und Ganze nicht mehr sehen und nicht mehr interpretieren können. Dann sagen sie: «Nun ist der Rückstand noch mehr angewachsen, jetzt muss sie Gas geben.» Du mein Güte: Wie bitte schön gibt eine Skirennfahrerin Gas?

Die Sportler waren früher auch origineller.
Das stimmt. Gut, Marie-Theres Nadig sagte manchmal auch nur Ja und Nein. Aber sie war sich selbst, sie war ihr eigenes Original. Heute ist alles einstudiert. Immer die gleichen Fragen, immer die gleichen, genormten Antworten. Keine Gespräche mehr, grauenhaft.

War es damals einfacher, gut zu kommentieren?
Man war weniger abgelenkt. Aber die Arbeitsbedingungen waren oft abenteuerlich. Ich erinnere mich an das Formel-1-Rennen von 1978 in Monza: der tödliche Unfall von Ronnie Peterson. Wir hatten nur Schwarzweiss-Bildschirme in den Reporterkabinen, und ich sah nicht, dass man Peterson schon aus dem Fahrzeug gezogen hatte. Ständig sagte ich: Wo ist Peterson? Zu Hause am Farb-TV sahen die Leute seinen gelben Rennanzug, fragten sich: Was redet der da? Hier liegt er ja. Am Tag darauf hatte ich einen Zusammenbruch. Diese Hilflosigkeit, und der Tod von Peterson, den ich sehr gut kannte, waren zu viel.

Hätten Sie sich gewünscht, nichts gesagt zu haben?
Das ist immer die Frage beim Reportieren. Man spricht zu viel oder zu wenig. Das ist heute so, das war aber auch früher schon so. Und ein bisschen ist man ja auch abhängig vom Erfolg der Schweizer.

Ach ja? Ja. Wenn es den Schweizern gut läuft, schaut man stundenlang zu und mag auch die Kommentatoren leiden. Verlieren sie, schaltet man aus, und dann sind auch die Reporter nichts wert.

Schauen Sie aus Anlass des 40-Jahr-Jubiläums Ausschnitte von 1976 an?
Nein, das ist vorbei. Ich habe auch gar nichts mehr, was ich mir ansehen könne. Vor etwa zehn Jahren hat mich Heini Hemmi eingeladen, mit ihm und anderen seinen Olympiasieg zu feiern. Da spielten sie seinen zweiten Lauf ein, mit meinem Jubel, als er Bestzeit fuhr. Wobei der Sieg ja noch gar nicht feststand. Thöni und Stenmark standen noch oben.

Wir können Ihnen leider auch nichts bieten. Das Schweizer Fernsehen besitzt keine einzige Reportage von Ihnen in Originallänge.
Ja, das Schweizer Fernsehen. Das war ein ziemlich angespanntes Verhältnis, weil ich mich ab und zu kritisch geäussert habe, nachdem ich gegangen war. Es war mir immer wichtig gewesen, selbstkritisch zu sein. Einmal erhielt ich vom damaligen Sportchef Martin Furgler den Auftrag, harte Feldkritik zu üben. Das kam nicht gut an. Später wurde ich nicht einmal mehr eingeladen, wenn es etwas zu feiern gab. Und von da an war es halt gar kein Verhältnis mehr. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.02.2016, 16:13 Uhr

Innsbruck 76: Nur Ersatz

Die Winterspiele 1976 waren eigentlich nach Denver vergeben worden. Die Amerikaner siegten bei der Vergabe im Schlussgang gegen einen Schweizer Mitbewerber: Sitten. Die Spiele in der US-Stadt waren als Höhepunkt der Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen des Staates Colorado gedacht. Nachdem sich die Bevölkerung in einem Referendum aber gegen eine Austragung aussprach und die Zeit drängte, kam Innsbruck zum Handkuss. Die Österreicher hatten die Winterspiele schon zwölf Jahre zuvor abgehalten und konnten auf eine intakte Infrastruktur zurückgreifen.


1261 Athletinnen und Athleten massen sich im Februar in 37 Wettkämpfen (2014 in Sotschi sollten es schon 98 Wettkämpfe sein). Erfolgreichste Nation war die Sowjetunion mit 27 Medaillen. Edelmetall für die Schweiz gab es dank Heini Hemmi (Gold Riesenslalom), Ernst Good (Silber Riesenslalom), Bernhard Russi (Silber Abfahrt) sowie den Bob-Teams von Erich Schärer (Silber im Vierer, Bronze im Zweier).

Karl Erb, ein Pionier

Der Sportkenner und Buchautor wurde 1926 in Belp geboren, ist Bürger von Röthenbach im Emmental und wuchs in Zürich auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er gemeinsam mit Sepp Renggli der erste Sportjournalist, der seine Passion zum Beruf machte. Ab 1953 arbeitete er ausserdem als Pressechef und Platzspeaker für nationale und internationale Sportanlässe (u.a. Fussball-WM 54 in Bern, Leichtathletik-EM 54 in Bern und Ski-WM 74 in St. Moritz). Zwischen 1961 und 1983 kommentierte er für das Schweizer Fernsehen die Sportarten Ski, Formel 1, Leichtathletik, Reiten und Rad. Er war Mitglied des Schweizerischen Olympischen Komitees und im Nationalen Komitee für Elitesport auch im Selektionsgremium tätig. Seit 1993 lebt der heute fast 90-Jährige am Lago Maggiore und verfolgt das Sportgeschehen «nach wie vor sehr aufmerksam und mit viel Leidenschaft».

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