«Die Ski-WM ist etwas für Zocker»

Pirmin Zurbriggen über Fahrer, die an der WM jeweils viel riskierten, den Schnee in Åre und seine Medaillen-Tipps.

Abfahrtsweltmeister 1985 mit dem «Knie der Nation»: Pirmin Zurbriggen zwischen Doug Lewis (l.) und dem Zweiten Peter Müller. Foto: Keystone

Abfahrtsweltmeister 1985 mit dem «Knie der Nation»: Pirmin Zurbriggen zwischen Doug Lewis (l.) und dem Zweiten Peter Müller. Foto: Keystone

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Wenn eine Weltmeisterschaft ansteht, drückt der Rennfahrer in mir noch immer durch. Auch wenn schon 29 Jahre vergangen sind seit meinem Rücktritt. Ich schwenke auf einmal ein paar Jahrzehnte zurück. Die Spannung ist in den vergangenen Wochen von Tag zu Tag gestiegen. Ich überlege schon lange, für wen die Pisten in Åre am besten geeignet sein könnten, wem die Schneeverhältnisse entgegenkommen könnten. Für die Athleten ist ein WM-Winter etwas Spezielles. Alle wissen genau, wie gut die Teamkollegen drauf sind, weil sie Konkurrenten sind im Kampf um Startplätze. Man muss den Grossanlass während der Saison im Hinterkopf halten können, es darf sich auf keinen Fall alles um ihn drehen. Sonst kann man nicht mehr unbeschwert Ski fahren.

Leider werde ich nicht nach Åre reisen. Meiner Frau sind vor kurzem Bänder gerissen, es braucht mich daheim. Ich weiss aber auch so, dass in Schweden keine normalen Bedingungen herrschen werden. Es wird kalt sein, vielleicht sogar sehr kalt. Die Temperaturen können Einfluss haben auf die ­Materialabstimmung, nicht jeder Fahrer wird das locker wegstecken.

Eine WM der vielen Überraschungen erwarte ich grundsätzlich nicht. Aber es gibt Fahrer, denen ich zutraue, über sich hinauszuwachsen. Henrik Kristoffersen zum Beispiel kennt den Schnee in Åre als Nordländer bestens. Nach einer für seine Verhältnisse eher mittelmässigen Saison könnte er an der WM explodieren. Im Slalom traue ich den Riesen Ramon Zenhäusern und André Myhrer viel zu, der Hang ist vor allem unten ziemlich flach, da werden die beiden gewaltig Dampf machen.

Sieben Medaillen wie vor zwei Jahren in St. Moritz traue ich den Schweizern nicht zu.

Mein Schweizer Aussenseitertipp ist Thomas Tumler. Offenbar wird der Hang in Åre nicht gewässert. Und wenn es nicht so eisig ist wie üblich, kann dieser Bursche im Riesenslalom unfassbar schnell sein, schneller als Marcel Hirscher, glauben Sie mir! Sieben Medaillen wie vor zwei Jahren in St. Moritz traue ich den Schweizern aber trotz optimistischer Grundhaltung nicht zu, fünf können es sicher werden. Wichtig wird ein guter Start sein, denn wenn eine grosse Skination den Medaillen hinterherfährt, wird es für die Fahrer extrem unangenehm. Es wäre fatal, wäre die Bilanz vor den abschliessenden Slaloms schlecht. Gerade in dieser Disziplin braucht es einen freien Kopf, taktieren liegt nicht drin.

Eine Medaille erwarte ich von Wendy Holdener in der Kombination, sie ist nicht zufällig Titelverteidigerin. Dass diese Disziplin sterben soll, beschäftigt mich, es tut mir weh. Die Kombination hat eine riesige Tradition, sie hat immer die vielseitigen und anpassungs­fähigen Skifahrer ins Rampenlicht gestellt. Parallelrennen sind für mich keine sinnvolle Alternative. Kurze Rennen auf einfachstem Gelände bringen den Skisport ­bestimmt nicht weiter – da geht es nur um die Show.

Doch zurück nach Åre: Eine WM ist auch deshalb faszinierend, weil man sich eine spezielle Auszeichnung ins Palmarès eintragen kann. Es hat sie schon immer gegeben, die Fahrer, welche am Tag X bereit sind, auch wenn vorher vieles nicht gut lief. Bruno Kernen und Julia Mancuso sind solche Beispiele, zu meiner Zeit waren es etwa Markus Wasmeier und Franck Piccard, welche an Grossanlässen zulegen konnten. Wasmeier gewann im Weltcup nie einen Riesen­slalom, wurde aber Weltmeister und Olympiasieger. Diese Fahrer waren Zockertypen, die aufblühten, wenn es um alles oder nichts ging, und entsprechend riskierten. Die Stimmung an einer WM ist anders als bei Weltcuprennen: Die Nation steht im Vordergrund, man fährt für ein ganzes Land, die Medien sind präsenter als sonst. Damit können nicht alle umgehen.

Im Spital sagte der Arzt zu mir: «Herr Zurbriggen, Sie werden nie mehr fahren können.»

Ich weiss noch, wie mir die Nerven an meiner ersten Weltmeisterschaft 1982 in Schladming einen Streich spielten. Ich konnte damals nicht einmal richtig schlafen, wälzte mich die Nächte hindurch und schied im Riesenslalom aus. Sonst aber sind meine WM-­Erinnerungen sehr positiv.

Mit der «Knie der Nation»-­Geschichte vor Bormio 1985 werde ich wohl immer verbunden sein, die Heim-WM zwei Jahre später in Crans-Montana war dank der unglaublichen Schweizer Erfolge sowieso gigantisch gut. Kurios verlief mein letzter Grossanlass 1989 in Vail: Im Abfahrtstraining gab es Sturmböen, von denen ich am Start nichts mitbekam. Dennoch wurde ich hinuntergelassen, bei einem Sprung wurde ich regelrecht verblasen und knallte auf den Rücken. Im Spital sagte der Arzt zu mir: «Herr Zurbriggen, Sie haben Blut im Urin, die Niere ist beschädigt, Sie werden nie mehr Ski fahren können.» Ich war unglaublich geschockt. Doch nach einer zweiten Untersuchung gab es Entwarnung – und ich holte wenig später sogar noch Silber im Super-G und Bronze im Riesenslalom.


Pirmin Zurbriggen – Skilegende und Hotelier

Zwischen 1980 und 1990 gewann er 40 Weltcuprennen, er wurde Abfahrtsolympiasieger und holte viermal WM-Gold – Pirmin Zurbriggen ist mit Abstand der erfolgreichste Schweizer Skifahrer. Der Walliser, der heute seinen 56. Geburtstag feiert, führt im Oberwallis mehrere Hotels. Er hat fünf Kinder; der älteste Sohn Elia fährt ebenfalls im Weltcup, hat aber die WM-Qualifikation verpasst. Für diese Zeitung schreibt Zurbriggen während der Titelkämpfe regelmässig Kolumnen. (phr) (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 04.02.2019, 09:20 Uhr

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