Wie Inter mit Shaqiri tricksen wollte

Die merkwürdigen Klauseln, die mit dazu führten, dass Xherdan Shaqiri nur kurz in Mailand spielte.

Als Star empfangen – aber bald schon eine Hypothek für Inter Mailand: Xherdan Shaqiri im Januar 2015. Bild: Getty Images

Als Star empfangen – aber bald schon eine Hypothek für Inter Mailand: Xherdan Shaqiri im Januar 2015. Bild: Getty Images

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Die Begeisterung über seine Ankunft ist so gross, dass er selbst fast ein wenig Angst bekommt. An die 2000 Fans empfangen Xherdan Shaqiri, als er am 8. Januar 2015 in Milano-Malpensa landet. «Ich musste aufpassen, dass ich nicht über den Haufen gerannt wurde», wird er später sagen.

Der Wechsel des Schweizer Nationalspielers von Bayern München zu Inter Mailand ist für die Fans ein Zeichen dafür, dass ihr Club wieder an grosse Zeiten anknüpfen will. Trainer Roberto Mancini sagt: «Wer besser werden will, benötigt Qualität. Und Qualität, das sind für mich Spieler wie Shaqiri.»

Aber das ist nur die glitzernde Oberfläche dieses Transfers. Dahinter versteckt sich ein dubioses Vertragskonstrukt, mit dem die Mailänder versuchen, den europäischen Fussballverband (Uefa) auszutricksen. Das zeigen Unterlagen, die der «Spiegel» von der Onlineplattform Football Leaks erlangte und die er mit dem Journalisten-Netzwerk European Investigative Collaborations (EIC) geteilt hat. Die Sportredaktion von Tamedia wirkte bei der Auswertung als Schweizer Partner mit.

Auszüge von Dokumenten der Enthüllungsplattform Football Leaks, die beweisen, wie 2015 beim Leihgeschäft mit Xherdan Shaqiri von Bayern München zu Inter Mailand versucht wurde, das Financial Fairplay zu umgehen.

Zum Zeitpunkt, an dem die Mailänder Interesse an Shaqiri zeigen, sind sie in der Zwickmühle. Einerseits sind die sportlichen Leistungen für einen Traditionsclub wie Inter enttäuschend. Andererseits kämpft der neue Besitzer Erick Thohir mit dem finanziellen Schlamassel, das ihm Vorgänger Massimo Moratti hinterlassen hat.

Selbst wenn der Indonesier möchte, könnte er nicht einfach Geld ins Team pumpen. Inter hat schon ohne zusätzliche Ausgaben Mühe, die Vorgaben des Financial Fairplay (FFP) der Uefa einzuhalten. Dieses schreibt vor, dass Clubs über den Zeitraum von drei Jahren nicht mehr als 30 Millionen Euro Verluste durch Finanzspritzen ihrer Eigentümer ausgleichen dürfen.

Im Januar 2015 ist die Uefa bereits dabei, die Mailänder Finanzen genauer zu prüfen. Die Italiener wissen, dass sie sich zu diesem Zeitpunkt die 15 Millionen Euro nicht leisten können, die die Bayern für Shaqiri verlangen. Aber der Druck der Fans ist gross, Inter liegt nur auf Rang elf der Serie A und droht sogar die Europa League zu verpassen.

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Also versucht Inters Geschäftsführer Marco Fassone es mit einem Taschenspielertrick: Mailänder und Münchner unterzeichnen offiziell keinen Kauf-, sondern einen vom 8. Januar bis 31. Dezember 2015 laufenden Leihvertrag. Weil die Bayern auf eine Leihgebühr verzichten, belastet der Deal das laufende Mailänder Budget nicht.

Dank Football Leaks wird der Vertrag nun öffentlich und er zeigt, dass die «Leihgabe» in Wirklichkeit nur Fassade war. Es finden sich nämlich die folgenden drei Klauseln im Vertrag:

  • 1) Inter muss Shaqiri sofort fix übernehmen und die 15 Millionen bezahlen, wenn er zwischen dem 1. Juli und dem 31. Dezember 2015 in einer Partie eingesetzt wird. Egal, ob Freundschafts- oder Pflichtspiel.
  • 2) Inter muss Shaqiri aber auch fix übernehmen, wenn er zwischen dem 1. Juli und dem 31. Dezember 2015 kein einziges Mal eingesetzt werden kann, weil er verletzt oder gesperrt ist.
  • 3) Inter muss Shaqiri schliesslich fix übernehmen, wenn das Team am 31. Dezember unter den ersten 17 der Serie A steht. Die höchste Liga Italiens hat bloss 20 Teilnehmer.

Damit ist klar, warum die Bayern so grosszügig auf eine Leihsumme verzichten. Sie haben nicht nur Shaqiri von ihrer Lohnliste. Sie können auch sicher sein, dass sie spätestens am 31. Dezember 2015 ihre geforderten 15 Millionen Euro für einen definitiven Transfer erhalten. Schliesslich steht die Chance, dass Inter ans Tabellenende fällt oder seinen neuen Star freiwillig kein einziges Mal einsetzt, praktisch bei null.

Inter Mailand und Bayern München liessen alle Fragen zu ihrem speziellen Vertragskonstrukt unbeantwortet. Die Uefa weigerte sich, konkrete Fälle des Financial Fairplay zu besprechen.

Plötzlich werden die Inter-Tricks zum grossen Problem

Für Inter jedenfalls entwickelt sich die eigene Schlaumeierei schnell zum Problem. Einerseits verliert Trainer Mancini früh den Glauben an Shaqiris Qualität, die er eben noch in höchsten Tönen gelobt hat. Andererseits greift die Uefa bereits im Frühjahr 2015 durch. 165 Millionen Euro Defizit trennen Inter zu diesem Zeitpunkt von dem von den Regeln des Financial Fairplay verlangten «Break-even».

Mailands CEO Michael Bolingbroke muss deswegen am 6. Mai 2015 eine Vereinbarung mit der Uefa unterschreiben. Inter wird mit 6 Millionen Euro gebüsst, weitere 14 Millionen Strafe sind auf Bewährung ausgesetzt. Bei weiteren Verstössen droht Inter der Ausschluss von den europäischen Wettbewerben.

Unter diesen Umständen kann sich Inter die 15 Millionen für Shaqiri auf keinen Fall leisten, die spätestens am 31. Dezember 2015 fällig werden. Auch darum bleibt es bei einem Kurzbesuch des Schweizers in Mailand. Unter Hochdruck wird für ihn im Sommer ein Abnehmer gesucht und in England mit Stoke City ­gefunden. Innerhalb weniger Tage übernimmt Inter Shaqiri deshalb im August 2015 für 15 Millionen Euro fix von den Bayern – und reicht ihn sogleich mit einem kleinen Verlust für 14,5 Millionen an Stoke weiter. Geschäftsführer Fassone wird wenig später von ­Inter entlassen. «Er hat immer das Beste für den Club getan», steht im offiziellen Abschiedsschreiben, das ihm Inter hinterher schickt.

«Das erlaubt es gerade kleineren Clubs Spieler zu verpflichten, die bei starren Ablösesummen unrealistisch wären.»Vitus Derungs, Leiter der Rechtsabteilung bei GC

Vitus Derungs leitet bei den Zürcher Grasshoppers die Rechtsabteilung und ist damit Spezialist für Transferklauseln. Er kennt den Shaqiri-Transfer nicht. Ganz generell stellt er fest, dass Clubs gerade bei der Festlegung von Ablösesummen im Rahmen der geltenden Bestimmungen kreativ sein könnten. Das heisst etwa: Die Ablösesumme stückeln, an Bedingungen knüpfen oder erfolgsabhängig machen. «Eigentlich eine gute Sache. Das erlaubt es gerade kleineren Clubs Spieler zu verpflichten, die bei starren Ablösesummen unrealistisch wären.»

Allerdings geraten Vereine der höchsten Schweizer Liga mit einem durchschnittlichen Budget von 25 Millionen Franken pro Club auch nie unter den Verdacht, gegen die Regeln des Financial Fairplay zu verstossen. Dieses lässt ja über den Zeitraum von drei Jahren 30 Millionen Euro Defizit zu. Bei einer solchen Unterdeckung wären nicht die Aufpasser der Uefa das grösste Problem für einen Schweizer Club – sondern die Konkursrichter.

Inter Mailand steht heute noch immer unter spezieller Beobachtung der Uefa. Weil der Club im letzten Budgetzyklus die Vorgaben erneut nicht vollständig erfüllt hat, darf er nicht die maximale Zahl an Spielern für die Champions League melden.

Shaqiri profitiert – sein Lohn vervielfacht sich in kurzer Zeit

Für Xherdan Shaqiri bringt der Abstecher nach Mailand sportlich wenig bis nichts. Dafür kann er sich allerdings mit einer knappen Vervierfachung seines Gehalts trösten. Auch das zeigen die Unterlagen von Football Leaks. In der Saison 2014/15 verdient Shaqiri noch rund 105'000 Franken im Monat. Ab Sommer 2015 sind mit Inter 250'000 Franken abgemacht. Aber diese Summe wird mit dem Wechsel zu Stoke hinfällig. Dort erhält Shaqiri schliesslich 60'000 Pfund in der Woche – damals rund 390'000 Franken pro Monat.

Und noch jemand profitiert kräftig von der gescheiterten Trickserei. Bei einem internationalen Transfer eines unter 23-jährigen Spielers gehen fünf Prozent der Ablösesumme an die Clubs, die den Fussballer ausgebildet haben. Der FC Basel erhält damit in jenen Augusttagen für seinen ehemaligen Junior Xherdan Shaqiri erst rund 660'000 Franken für den Wechsel von den Bayern zu Inter. Und gleich darauf noch einmal rund 685'000 Franken für den Weitertransfer von Inter zu Stoke. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 03.11.2018, 21:58 Uhr

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