Wer kennt Mateo Sanz Lanz?

In Rio jagt der 22-jährige Weltklasse-Windsurfer Medaillen für ein Land, in dem sein Name kaum einem etwas sagt: die Schweiz.

Schnell im Wasser: 2013 entschloss sich Mateo Sanz Lanz, statt für Spanien für die Schweiz zu starten. Foto: Sailing Energy

Schnell im Wasser: 2013 entschloss sich Mateo Sanz Lanz, statt für Spanien für die Schweiz zu starten. Foto: Sailing Energy

Spaziert man mit Mateo Sanz Lanz auf Formentera in ein Café oder geht in den Supermercado, dauert es nicht lange, und er wird angesprochen. Das kann sich zuweilen zu einer längeren Plauderei ausweiten. Mateo Sanz Lanz kennt fast jeder der Einheimischen.

Er ist der erste Olympiateilnehmer Formenteras und wurde deswegen vom Bürgermeister der kleinsten der vier ­Baleareninseln bei einem Empfang offiziell geehrt. Doch der 22-jährige Windsurfer startet in der Klasse RS:X nicht für Spanien, sondern für die Schweiz. In unserem Land ist Mateo Sanz Lanz der grosse Unbekannte der Olympiamannschaft und lediglich Insidern des Segelsports ein Begriff. Auch er bekennt, dass er die Schweiz praktisch nicht kennt. «Ich habe bisher vielleicht zehn Tage in der Schweiz verbracht, wenn ich von Swiss Sailing oder Swiss Olympic zu Tests aufgeboten wurde.» Er betont aber: «Ich bin sehr glücklich und stolz, für die Schweiz starten zu dürfen.»

Will man den Sohn eines Spaniers und einer Schweizerin besuchen, muss man nach Ibiza fliegen. Und dort auf die Fähre umsteigen, die einen in einer halben Stunde nach Formentera bringt. Die Insel hat knapp 8000 Einwohner und misst an der längsten Stelle 23 Kilometer. Der höchste Punkt ist die Hochebene La Mola, gerade mal 192 Meter über Meer.

Mateo Sanz Lanz startet in Rio

Im Winter sei es beschaulich hier, manchmal auch langweilig, erzählt Sanz Lanz und steuert den kleinen Fiat seiner Mutter durch die engen Strassen. Jetzt im Hochsommer aber ­wuselt es auf der Insel. Rund 40 000 Besucher kommen im Juli und August nach Formentera, in der grossen Mehrzahl Italiener. Das ­Katalanisch, das die Einheimischen sprechen, hört man im Sommer kaum. In den Restaurants, an den Stränden, in den ­Hotels, überall wird Italienisch ­parliert.

Sanz Lanz biegt rechts ab auf einen holperigen und staubigen Weg, der bis zu einem Pinienwald führt. Dort steht das Häuschen, das Mateos Mutter Barbara mit ihrem Mann gebaut hat. Stein um Stein, während mehrerer Jahre. In dieser Zeit wohnten sie in einem unfertigen Haus, in einem Rohbau. «Wir konnten nur bauen, wenn wir wieder etwas Geld hatten», erzählt sie. Während der Sommermonate haben die beiden gearbeitet, sie an der Hotelréception, ihr Mann Rafael jobbte unter anderem als Kellner. Und im Winter arbeiteten sie am Häuschen, mit Ausdauer, Sorgfalt und Liebe zum Detail, wie man schnell bemerkt. «Ich habe in dieser Zeit gelernt, Pflaster anzurühren, Fliesen auf den Boden zu verlegen, Wände zu streichen. In jedem Winkel des Hauses habe ich Hand angelegt», sagt Barbara Lanz.

Nach einer Woche hatte der kleine Mateo genug vom Segeln. Er sah: Die Surfer sind schneller

Ein Wohnraum mit Küche, zwei kleine Schlafzimmer, hier ist Mateo Sanz Lanz aufgewachsen. Anfangs gab es kein fliessendes Wasser, das Bad wurde erst nachträglich angebaut. Strom kam lange Zeit nur vom Solarpanel, ehe die Gemeinde eine Stromleitung verlegte, da in der Nachbarschaft Villen gebaut wurden.

In der Mittagshitze wird das Zirpen der Zikaden in den Pinien immer lauter. Sanz Lanz geht zu einem kleinen Schuppen, öffnet die Tür. Dort hat er seine Windsurfutensilien, vor allem Segel und Gabelbäume, verstaut. Und mitten im Schuppen steht ein Ruderergometer für das Krafttraining.

Seine Mutter stammt aus Lotzwil bei Langenthal und wuchs in Melchnau in der Nähe des Napfgebietes auf. Als sie 1983 als 23-jährige Frau nach Formentera zog, war die Insel ein Anziehungspunkt für Hippies. Die Liebe zu Rafael und das ungezwungene, einfache Inselleben hätten sie hierher verschlagen, sagt sie. Damals gab es noch kaum Autos auf der Insel, auch kein Spital. Um zehn Jahre später ihren Mateo auf die Welt zu bringen, musste sie mit der Fähre nach Ibiza ins Krankenhaus fahren.

Fit im Schuppen: Im Holzverschlag beim Familienhäuschen auf Formentera findet sogar ein Ruderergometer Platz.
Foto: Peter Herzog

Mittlerweile ist sie geschieden, sie lebt mit Mateo im kleinen Häuschen und arbeitet immer noch im selben Hotel. Seit der Sohn zur Spitze der Windsurfer zählt, ist er rund 200 Tage im Jahr weg. In breitem Berndeutsch erklärt Barbara Lanz, sie habe sich immer bemüht, den Kontakt mit den Familienangehörigen aufrechtzu- erhalten. Und wenn sie in die Schweiz reise, das saftige Grün der Landschaft sehe, die Vertrautheit der Sprache höre, empfinde sie Heimatgefühle. Dennoch könne sie sich nicht vorstellen, einst wieder in die Schweiz zurückzukehren.

Als Mateo noch ein kleiner Bub war, nahm sie ihn jeweils mit ins Hotel, wo sie arbeitete. Mateo aber war es langweilig. So meldete sie ihn in der unmittelbar neben dem Hotel gelegenen Segelschule an. Nach einer Woche hatte er genug vom Segelboot. Er wollte windsurfen, weil er gesehen hatte, dass die Surfer schneller waren als die Segler. Praktisch von der ersten Stunde an wurde er von einem hervorragenden Coach betreut, der mittlerweile sein väterlicher Freund geworden ist. Es ist der Spanier Asier Fernandez, Chef der Segel- und Surfschule und Olympiasechster im Windsurfen in Barcelona 1992.

Der Zwist mit den Spaniern

Fernandez erkannte schnell das ­Talent von Sanz Lanz, der als Junior den Kollegen davoneilte und an den Weltmeisterschaften Podiumsplätze holte; er wurde Zweiter an der U-19-WM und ­gewann die U-21-WM. Damals segelte er noch unter der Flagge des spanischen Verbandes. Es gab indes Dissonanzen. Sanz Lanz hätte nach Santander übersiedeln sollen, in das Leistungszentrum des spanischen Segelverbandes am Golf von Biskaya. «Aber mein Trainer und ich sahen nicht ein, weshalb ich das tun sollte. Hier auf Formentera bin ich mit dem Velo von zu Hause in 15 Minuten am Meer. Ich kann dreimal am Tag trainieren, im Winter wird es nie kalt, die ­Bedingungen sind ideal.» Sanz Lanz ist nicht gut auf Spaniens Segelverband zu sprechen, er erzählt von der ungleichen Behandlung gegenüber Ivan Pastor, der mittlerweile 36 Jahre alt ist und in Rio zum vierten Mal an Olympia startet.

Als Sanz Lanz den Nationenwechsel anstrebte, entstanden noch mehr Schwierigkeiten mit dem spanischen Verband. Im Oktober 2013 erteilte dieser dann doch die Freigabe – rechtzeitig, um für die Schweiz in Rio teilnehmen zu dürfen.

«Bei der Olympiaqualifikation hat Mateo seinen ehemaligen Teamkollegen Ivan Pastor geschlagen. Der kann froh sein, dass Mateo nicht mehr für Spanien antritt», sagt Coach Fernandez, der vor allem die Zuverlässigkeit, den Trainingsfleiss und die Ausgeglichenheit seines Schützlings hervorhebt. Und Mutter Barbara sagt: «Ich habe versucht, ihm ­Tugenden wie Gewissenhaftigkeit und Pünktlichkeit zu vermitteln. Den Mut und die Kraft hat er von seinem Vater.»

Am liebsten Leichtwind

Die Menschen auf Formentera würden hinter ihm stehen, auch wenn er nun für die Schweiz starte, sagt Sanz Lanz. «Wir auf der Insel sind eigenständig und lassen uns von Madrid nicht gerne dreinreden. Die Formentenser verstehen meinen Entscheid.»

Das Olympia-Regattarevier in der Guanabara-Bucht vor Rio gilt als Leichtwindrevier. Ideal für die Stärken von Sanz Lanz. «Bei Leichtwind zwischen 8 und 11 Knoten ist Mateo der schnellste der 36 Teilnehmer, zwischen 11 und 15 Knoten gehört er zum Kreis der Schnellsten», sagt Coach Fernandez. Bei viel Wind fehlen ihm auf dem 2,86 m langen Brett mit einer Segelfläche von 9,5 Quadratmeter indes die Kilos. Mit seinen 1,71 m und 62 kg ist Sanz Lanz ein Leichtgewicht. Sein Coach sagt: «Bei Starkwind wird es für ihn gegen die 90-kg-Athleten schwierig.»

Mateo Sanz Lanz schweigt zu dieser Aussage, zupft sich unter der brütenden Sonne sein Leibchen zurecht. «Suiça» steht in grossen Lettern auf dem ­Rücken. Der Insulaner trägt den Schriftzug des Binnenlandes mit Stolz.

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