Wenn der Traum davonrast

Motorradpilot Jesko Raffin droht mit 21 das Karriereende – trotz Vertrag und Sponsoren. Zudem belastet ihn eine familiäre Fehde.

Jesko Raffin hat festgehalten, was er auf welcher Strecke verbessern will. Es ist nun aber nichts mehr wert. Foto: Samuel Schalch

Jesko Raffin hat festgehalten, was er auf welcher Strecke verbessern will. Es ist nun aber nichts mehr wert. Foto: Samuel Schalch

Er fühlt sich ohnmächtig. Abgekanzelt. Vor den Kopf gestossen. Die Wut schwingt mit, wenn er spricht. Wen wunderts? Von einem Tag auf den nächsten platzte sein grosser Traum – der eines erfolgreichen Motorradpiloten. Und am liebsten würde Jesko Raffin über alles und jeden herziehen, der für diesen Entscheid verantwortlich ist. Nur: Es würde nichts bringen.

An diesem Nachmittag sitzt Raffin zusammen mit seinem Manager Marco Rodrigo in einem Restaurant in Zürich. Sichtlich bemüht, nüchtern in Worte zu fassen, was so unfassbar ist für sie. Zwei Wochen sind vergangen, seit der Weltverband der vereinigten Team­besitzer (IRTA) beschloss, den 21-jährigen Zürcher nicht mehr in der WM starten zu lassen. «Mangelnde fahrerische Kompetenz» war, was das Gremium ihm vorhielt.

Für Raffin war das ein Schock. Auf einmal war er ohne Perspektiven. All die Pläne, die er hatte fürs Wintertraining: nichtig. Das Büchlein, in das er hineinschrieb, auf welcher Strecke er noch was besser machen könnte: nichts mehr wert. Die gesetzten Ziele: hinfällig.

Dass Raffin einen Vertrag mit dem Schweizer Team Garage Plus Interwetten hat, war der IRTA egal. Dass er das nötige Budget mitbringt? Interessierte sie nicht. Manager Rodrigo findet: «Das ist das ­Unsympathische an dieser Geschichte. Wir bringen alles mit, und Jesko darf doch nicht fahren.» Es kommt zu einem Vertragsbruch, den das Team eigentlich nicht will, zu dem es aber gezwungen wird. «Wir müssen schauen, wie wir ­damit umgehen», sagt Rodrigo.

Beim Saisonfinal an diesem Wochenende in Valencia will er zusammen mit Teamchef Frédéric Corminboeuf eine Lösung finden. Dieser steht nach dem Aufstieg von Tom Lüthi in die MotoGP-Klasse und dem IRTA-Verdikt in Sachen Raffin selbst vor einem Scherbenhaufen: Ein Budget für die neue Saison gibt es ­offenbar noch nicht.

Der 35. darf bleiben, der 19. nicht

Rodrigo stellt Fragen. Und beantwortet sie gleich selber: «Gibt es Fahrer, die hinter Jesko klassiert sind? Ja. Gibt es Fahrer, die weniger WM-Punkte gesammelt haben? Ja. Fahren sie 2018 in der WM? Ja.» Er sagt: «Das macht das Ganze so ­bitter.» Und dann gelingt ihm der Satz: «Manchmal ist man der Hund, manchmal der Baum. Zurzeit sind wir eindeutig der Baum.»

Auf Platz 19 liegt Raffin derzeit in der 38 Fahrer umfassenden Rangliste. Auf Platz 35: Iker Lecuona, 17-jährig, Spanier, beim letzten Grand Prix in Malaysia hat er seine ersten zwei Punkte der Saison geholt. Er darf bei Garage Plus Interwetten bleiben. Zudem kommt Sam Lowes. Nach einem gänzlich erfolglosen Jahr in der MotoGP (5 Punkte/Rang 25) kehrt er in die zweithöchste Kategorie zurück. Ebenfalls von der IRTA akzeptiert: Fahrer wie Axel oder Edgar Pons, seit Jahren ohne Podestplatz – aber Spanier und Söhne des früheren Weltmeisters Sito Pons. Auch bei Xavier Siméon ist anhaltende Erfolglosigkeit kein Grund für eine Ausbootung. Im Gegenteil: Der Belgier steigt jetzt gar in die MotoGP auf.

Raffin dagegen nützt nichts, dass er vor zweieinhalb Wochen in Australien mit Rang 4 verblüffte, seinem besten Ergebnis in den drei Jahren Moto2. «Das war, was ich kann», sagt er nur. Er weiss: Ändern wird das so wenig wie die Tat­sache, dass er es in den letzten fünf ­Rennen dreimal in die Punkte schaffte.

Eine Lehre? Raffin sagt: «Es ist das, was ich am allerwenigsten will. Ich möchte nur Töff fahren.»

Das Aufbäumen kommt zu spät, das Sommerloch mit 10 Rennen und 0 Punkten wurde ihm zum Verhängnis. Raffin sagt: «Ich habe es verpasst, regelmässig in die Top 15 zu fahren. Ich hatte drei Saisons, drei Chancen, und ich habe keine davon richtig genutzt. Deshalb nahm ich mir fest vor, im vierten Jahr alles umzusetzen, was ich gelernt habe.» Nun bleibt ihm das Rennen in Valencia. «Die Chance, dass die IRTA auf den Entscheid zurückkommt, liegt bei weniger als einem ­Prozent», sagt Rodrigo.

Nicht nur Raffin und sein Manager, auch die Sponsoren sind vor den Kopf gestossen. «Sie reagierten mit Unverständnis, verärgert, wütend», sagt Rodrigo. Er hatte ihnen ein Zweijahresprojekt verkauft, das nun jäh in der Halbzeit endet. Es war kein günstiges Engagement für die Geldgeber: Knapp eine halbe Million Franken musste Raffin dem Team pro Saison bezahlen.

Die Frage ist nun: Was kann Raffin den Sponsoren statt der WM anbieten? Einen Start in der Superbike-WM? Er nennt es «einen Schritt zur Seite und einen nach unten». Einen Platz in der spanischen Junioren-WM, die der Zürcher 2014 gewann? «Ein Schritt zurück.» Oder in der entsprechenden Nachwuchsserie in Deutschland oder Italien? «Noch weiter zurück.» Oder führt der Weg in die amerikanische Superbike-Meisterschaft? «Dort könnte ich wenigstens Geld verdienen.» Als Teil eines Werksteams würde ihm ein Unternehmen einen regelmässigen Lohn zahlen, nur: Rennfahrer gibt es auch in den USA genug.

Der Vater in Untersuchungshaft

Zudem müsste Raffin mit der Umsiedlung in die USA erst zurechtkommen. Ebenso seine Freundin, mit der er dieses Szenario noch nicht besprochen hat. Die Koordinaten des Arboretums in Zürich zieren Raffins rechten Oberarm, es ist der Ort, an dem er seine Freundin zum ersten Mal traf. Leichtfertig will er die Beziehung jetzt nicht aufs Spiel setzen. Und seine Familie liesse er nur ungern zurück – gerade nach diesem Sommer.

Über drei Monate sass Vater André Raffin in Untersuchungshaft, angeblich wegen versuchter Anstiftung zum Mord an seiner Ex-Frau, der Mutter von Jesko. Das schreibt der «Blick» in seiner gestrigen Ausgabe. Jesko Raffin sagt ­lediglich: «Die Vorwürfe wurden ­inzwischen alle fallen gelassen.»

Die Fehde zwischen seinen Eltern will er auch nicht als Grund für seine lange Baisse gelten lassen. «Da gibt es tausend andere Ursachen. Einmal lief das Visier an, dann passte die Abstimmung nicht, ein anderes Mal krachte einer in mein Motorrad. Am Renn­wochenende konnte ich die Geschichte mit meinen Eltern ausblenden, erst zu Hause wurde ich wieder damit konfrontiert.» Rodrigo, seit über fünf Jahren an der Seite von Raffin, meint hingegen: «Natürlich hat ihn die Sache belastet. Er will sie nur nicht als Ausrede gelten lassen.»

Raffin beschäftigt nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Zukunft. Was, wenn sich nichts ergibt? Was, wenn seine Karriere tatsächlich mit 21 Jahren zu Ende sein sollte? «Dann müsste ich eine Lehre ­beginnen. Ich bin zwar diplomierter Fitnesstrainer, eine Lehre aber habe ich nicht», sagt Raffin. «Es ist das, was ich am allerwenigsten will. Ich möchte einfach nur Töff fahren.»

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