Wo die Scheichs ihr Geld investieren

Fussball in Katar, Formel 1 in Abu Dhabi, Tennis in Dubai. Die Emirate am Persischen Golf werden immer mehr zum Mittelpunkt des Sports.

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Christian Zürcher@suertscher

Der Mann war nicht gross, aber wuchtig in der Gestalt. Er war schlecht rasiert und 30 Jahre alt. Er hatte eine Auto­biografie über sich schreiben lassen und fuhr einen getunten Lamborghini. Sulaiman al-Fahim war das erste Gesicht vom neuen Manchester City. Er, der Chairman, empfing 2008 eine Handvoll Journalisten und prahlte, wie er den Club im Auftrag von Abu Dhabi, dem Emirat am Persischen Golf, gekauft hatte. Er nannte sich Bulldozer und sagte, er müsse «alles zermalmen», was ihm in den Weg komme. Wenn die britische Presse etwas mag, dann Prahlhänse wie Fahim. Das Bild war gemacht – von ihm, von Abu Dhabi, von der arabischen Welt.

Das behagte dem Scheich und City-Besitzer Mansour bin Zayed Al Nahyan ganz und gar nicht. Aufschneider Fahim drohte das Bild des distinguierten und weltgewandten Abu Dhabi im Nu zu zertrampeln. Es ging nicht lange, und ­Fahim ward in Manchester City nie mehr gesehen. Es kam Khaldoon Al ­Mubarak. Ein Mann, der bücherwurmsche Brillengläser und Anzug trägt, glatt rasiert ist und mit leiser, aber bestimmter Stimme spricht. Manchester City gilt heute als seriöser Verein, der seit 2008 in aller Seriosität über eine Milliarde Pfund für Spieler ausgegeben hat.

Es ist zwar lediglich eine Episode, sie illustriert aber trefflich einen Wandel in der Welt des Sports. Investoren vom Persischen Golf erwerben Clubs, Medien- oder Sponsorenrechte und holen sich Anlässe in ihre Heimat. Mit dem grossen Ziel, den Glanz des Sports aufs eigene Land zu richten und sich gleichzeitig vorzubereiten, um dann, wenn die Rohstoffe zur Neige gehen, von den Investitionen leben zu können.

Jüngstes Beispiel ist Katar – einst von Perlenfischern und Beduinen besiedelt, heute eines der reichsten Länder der Welt: Vor drei Wochen wurde bekannt, dass der staatseigene Fonds Qatar Sports Investments (QSI) die Formel1 kaufen will. ­Zusammen mit einem amerikanischen Investor boten die Katarer 7 Milliarden Euro für 40 Prozent an der Formel?1. Die Gründe für das Vorpreschen sind vielschichtig: Es geht um die Vermarktung von Fernsehrechten in neuen Märkten, es geht aber auch um persönliche Animositäten. Jahrelang versuchte der Kleinstaat ein Formel-1-Rennen auszurichten – vergebens. Gemäss Bernie Ecclestone hatten die beiden anderen Ausrichter am Persischen Golf – Abu Dhabi und Bahrain – ein Vetorecht, was weitere Rennen in der Region betrifft. Logische Schlussfolgerung der Katarer: Können wir keine Formel-1-Rennen veranstalten, kaufen wir die Serie. Sie können das. Die Anfang der Vierzigerjahre entdeckten Öl- und Gasfelder geben den Katarern den nötigen Freigeist.

Sport und Sicherheitspolitik

Der Kauf zeigt den unglaublichen Reichtum von Katar, und er entlarvt ein weiteres Motiv: Die Scheichs kämpfen nicht nur um Ruhm, sie kämpfen ebenso gegen andere Scheichs. Galten Abu Dhabi und Dubai lange als die Fortschrittlichsten, die Modernsten, die Sportbegeistertsten am Persischen Golf, hat ihnen mittlerweile Katar den Rang abgelaufen – in Sachen Infrastruktur, in Sachen Enthusiasmus. Mehran Kamrava, Professor für internationale Beziehungen in Doha, sagte dazu in der «NZZ am Sonntag»: «Egal ob Sport, Wirtschaft, Medien oder internationale Beziehungen: Überall will Katar ganz vorne mitspielen. Um das zu erreichen, ist kein Preis zu hoch.»

Christopher Davidson, Nahostspezialist an der englischen Durham University, sagt, es gehe den Golfstaaten nur um Anerkennung in der Welt: «Bringt der Sport positive Schlagzeilen, hilft das den Golfstaaten in ihren Beziehungen mit anderen Staaten.» Davidson spricht den Handel und das Militär an, redet von Frankreich, Grossbritannien oder den USA. Der Sport als ökonomischer und ­sicherheitspolitischer Faktor der Emirate? Diese wiegeln ab: Es gehe ihnen nur um die Unterhaltung, um den Mehrwert für die Gesellschaft. Kritik wird als Eifersucht auf den Erfolg abgekanzelt.

Der Sport, er gilt für Katar als Spielzeug und PR-Bühne, als Politinstrument und Geldmaschine.

Die Bühne besteht aus drei Ebenen. Erstens: die Wettkämpfe. Motorrad, Tennis, Reiten, Schwimmen, gar ein Velorennen – rund 40 Events finden jährlich in der Wüste statt. Ebenso Weltmeisterschaften in Handball, Rad oder eben die umstrittene im Fussball – sie allein kostet das Emirat 180 Milliarden Dollar. Ziel: Sportler ins Land holen, Aufmerksamkeit auf sich lenken, von Missständen wie sklavenähnlicher Arbeit ablenken. Letzteres ist ihnen gründlich missglückt.

Zweitens: das Sponsoring. Katar sponsert via die quasi-staatliche Fluggesellschaft Qatar Airways den FC Barcelona mit 57 Millionen Euro pro Jahr. Dubai wirbt im Fussball mit Emirates, Abu Dhabi mit Etihad.

Drittens: Kauf von Clubs. Der Emir von Katar erwarb mit dem QSI-Fonds etwa Malaga oder Paris St. Germain (PSG) und folgte dem Beispiel von Manchester City: Sie holen Stars wie Ibrahimovic oder Beckham, professionalisieren die Strukturen und schaffen eine wichtige Marke in der arabischen Welt. Alles mit dem Ziel, dass die Katarer, die Araber den Verein als den ihren anschauen. Das klappt bisher ganz gut, glaubt man Nasser al-Khelaifi, Präsident von PSG: «Ich spüre bereits, dass wir alles, was wir investieren, vielfach zurückbekommen. Geld ist daher relativ.»

Katar auf allen Kanälen

Khelaifi ist Teil eines grösseren Plans. Neben seinem Amt bei PSG ist er auch Generaldirektor des expandierenden Sportsenders BeIN, einer Tochterfirma von al-Jazeera – 1996 vom Emir von ­Katar gegründet. BeIN hat kürzlich den französischen Pay-TV-Markt penetriert und das Monatsabonnement für 11 Euro angeboten – beim Konkurrenten CanalPlus kostet es 40 Euro. Das ist erst der Anfang: BeIN erwirbt nun auf der ­ganzen Welt Medienrechte. Katar will den Sender als globalen Sportkanal etablieren und gleichzeitig sich selbst in die weite Welt hinaustragen. Gemäss Medienberichten schreibt BeIN jährlich 250 Millionen Euro an Verlusten. Noch. Die Katarer ­insistieren, Kritik sei fehl am Platz, denn das Projekt habe langfristige Ambitionen, um profitabel zu werden. Es ist eine Rhetorik, die man kennt von Fussballclubs wie PSG oder Manchester City.

Zurück zu diesem Manchester: Dort fand sich Besitzer Scheich Mansour in den vergangenen sieben Jahren bislang einmal zu einem Heimspiel ein. Sein Club hat seit 2008 und seiner Übernahme den Umsatz von 102 Millionen auf 347 Millionen Pfund gesteigert und wird dieses Jahr erstmals Gewinn schreiben.

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