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Wenn plötzlich vier Hände praktisch wären

Der Triathlon hat eine 4. Disziplin, den Wechsel. Was man beim Ironman in Zürich da antrifft: Keine Hemmungen, Bohnen, Tom und Jerry.

Seriensieger Ronnie Schildknecht hat Schwierigkeiten beim Tenüwechsel.
Seriensieger Ronnie Schildknecht hat Schwierigkeiten beim Tenüwechsel.
Doris Fanconi
Eine Teilnehmerin ist bereit für 180 km Radfahren.
Eine Teilnehmerin ist bereit für 180 km Radfahren.
Doris Fanconi
Zelte dienen als Wechselzone.
Zelte dienen als Wechselzone.
Doris Fanconi
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Der Mann wirkt wie ein Klischee eines Briten. Eben ist er nach 3,8 Schwimmkilo­metern aus dem Zürichsee gestiegen, nun macht er sich daran, sich für die lange Radfahrt zu rüsten. Verpflegung gehört natürlich dazu. Doch es ist kein Energieriegel, keine Banane, die er aus seiner Tüte zaubert. Sondern eine Konservendose mit Bohnen in Tomatensauce – ein typischer Brite halt.

Überlegt man sich das einen Moment länger, ergibt seine Nahrungswahl durchaus Sinn. Denn was hat mehr Substanz als ein deftiges Bohnengericht? ­Andererseits: Wie gut vertragen sich Bohnen mit körperlicher Ertüchtigung? Das Beispiel zeigt: Ein Triathlon lässt sich vielfältig absolvieren. Das zeigt die Visite in der Wechselzone deutlich. Nirgendwo ist ein Triathlon abwechslungsreicher.

An sich ist ein Langdistanzrennen eine Übung in Monotonie. Acht Stunden dauert es für die Schnellsten. Weitere acht Stunden haben danach alle anderen bis zum Zielschluss. Sie verbringen die Zeit schwimmend, Rad fahrend und laufend. Wiederholen die in unzähligen Trainingsstunden eingeübten Bewegungsmuster: Rund 3000 Armzüge braucht es für 3,8 Schwimmkilometer. 25'000 Pedalumdrehungen ergeben 180 Radkilometer, 27'000 Schritte einen Marathon von 42 Kilometern.

Doch dazwischen gibt es diese ­Momente der Höchstaktivität. Wo Multitasking gefragt ist, der Athlet sich anstelle seiner zwei Hände deren vier wünschte. Das gilt besonders für den ersten der beiden Diziplinenwechsel, vom Schwimmen zum Radfahren. Was da alles an Material gewechselt werden muss. Den Neopren haben die meisten schon auf dem Weg aus dem Wasser bis zur Hüfte heruntergestreift. Nun schnappen sie sich ihren Wechselsack, in dem sie tags zuvor alle Utensilien verstaut haben, die sie auf dem Rad brauchen werden.

Sonnencreme und Ovomaltine

Auch hier geht die Schere auf zwischen Spitze und Breite. Spitze ist der nach­malige Sieger Nick Kastelein, der keine zwei Minuten nachdem er das Wasser verlassen hat, schon auf dem Rad sitzt. Neopren, Badekappe, Schwimmbrille ab, Velohelm und Startnummer auf – und weg ist er. Es ist das letzte Mal, dass ihn seine Gegner an diesem Tag sehen werden.

Mit den längeren Schwimmzeiten der Hobbyathleten steigt auch die Aufenthaltsdauer in der Wechselzone, gern in den zweistelligen Minutenbereich. Obwohl es hier «nur» um Multitasking geht, nicht um Trainingsstunden. Doch der Amateur gönnt sich manches Detail mehr als der Profi. Da wird die Kleidung komplett gewechselt, ohne Hemmungen und schützendes Handtuch. Da wird Sonnencreme auf Rücken und Armen appliziert – wobei hier ein Handtuch sehr ­zupass kommt, soll die Creme auch tatsächlich halten. Hier wird verpflegt, wobei die Bohnen nicht die einzige unkonventionelle Wahl sind. In die Kategorie fallen auch der halbe Liter Ovomaltine oder die Handvoll Gummibärchen.

Die Tücken der Sauerstoffschuld

Diese Athleten sind alle froh, wenn sie überhaupt ihre Wechseltüten gefunden haben an den langen Ständern, an denen 1800 Säcke hängen. Denn alle plagten die Fragen: In welcher Reihe hängt noch mal meiner? Und wie lautet meine Startnummer? Wenn im Hirn der Sauerstoff knapp ist, werden die einfachsten Fragen komplex. Ein Blick aufs Handgelenk erlöst die ­hirnenden Ironmen. Sie tragen dort ein neongelbes Bändchen mit ihrer Nummer.

Und dann ist da noch der, der sich ein Tom-und-Jerry-Trikot überstreift, dazu weite Bikehosen, und sich dann seelenruhig die Laufschuhe bindet. Hat er sich in der Disziplin getäuscht? Nein, er macht sich auf zu seinem Fahrrad. Dort steht aber nicht, wie ob dieser Ausrüstung vermutet, ein alter Drahtesel, sondern ein modernes Triathlonvelo – mit flachen Pedalen. Ob das eine Wettschuld unter Triathleten war? In der Wechselzone gibt es nichts, was es nicht gibt.

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