Wenn die Chance kommt, packt man sie

Nach ihrer ersten WM-Medaille kann Giulia Steingruber das ultimative Ziel Tokio 2020 angehen.

Giulia Steingruber auf dem Weg zu WM-Bronze. Nun soll sie ein Schweizer Frauenteam nach Tokio führen. Foto: Ryan Remiorz (Keystone)

Giulia Steingruber auf dem Weg zu WM-Bronze. Nun soll sie ein Schweizer Frauenteam nach Tokio führen. Foto: Ryan Remiorz (Keystone)

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Die Gedanken waren tatsächlich da. Nicht allgegenwärtig – aber zwischendurch blitzten sie auf: «Brauche ich das Turnen noch?» Und in der Schweiz sass Giulia Steingrubers scheidender Trainer Zoltan Jordanov in seinem Büro und sagte: «Ich bin gespannt, ob sie überhaupt zurückkehrt.»

Sie konnte sich mit den Gedanken nicht anfreunden und kam zurück. Aus den Ferien in Australien natürlich. Vor allem aber: in die Turnhalle, in den Trainingsalltag in Magglingen. Weil ihr das Kunstturnen, trotz des immensen Aufwands, «noch immer viel zu viel bedeutet», wie sie später erklärte, als auch die Operation ihres rechten Fusses hinter ihr lag.

Acht Monate danach gewann Giulia Steingruber im Olympiastadion von Montreal Bronze an ihrem Lieblingsgerät Sprung – ihre erste WM-Medaille. Ein Meilenstein auf einem von Meilensteinen gesäumten Weg.

Die Leistung der jungen Ostschweizerin an diesen Weltmeisterschaften kann kaum genug gewürdigt werden. Oder vielmehr ist es Steingrubers Leistung in den vergangenen Wochen, Monaten, im Jahr seit ihrer Bronzemedaille an den Olympischen Spielen vor einem Jahr in Rio, die Hochachtung verdient. Komplizierter kann die Vorbereitung auf einen Grossanlass kaum sein.

Hinter Steingruber liegt das schwierigste Jahr ihrer Karriere. Im Winter die Auszeit, die OP, der Verlust ihrer seit Geburt behinderten Schwester Désirée. Danach der mühselige Wiederbeginn, der langwierige Aufbau, der so viel mehr Zeit beanspruchte und so viel mehr Geduld von ihr verlangte als ursprünglich gedacht. Von ihr, der Ungeduldigen. «Das nervt», dachte sie. Körper und Kopf waren dauernd am Anschlag. Einmal schickte sie Cheftrainer Fabien Martin von der Halle zurück ins Bett, weil ein Training an jenem Morgen schlicht sinnlos war.

Die Erwartungen an die Titelkämpfe in der Provinz Québec schraubte sie deshalb früh herunter. Auch der Schweizerische Turnverband revidierte seine Vorgaben, von einer Medaille sprach für einmal keiner – die WM wurde zu einer ersten Standortbestimmung erklärt und 2017 zu einem «Probierjahr». Die Ziele hängen höher und richten sich an Tokio 2020 aus, den Olympischen Spielen, die dritten (und ziemlich sicher letzten) in Steingrubers Karriere. Der Verband will in Japan erstmals ein Frauenteam am Start haben, und sie soll es dorthin führen.

Noch im Vorfeld des Gerätefinals sagte Felix Stingelin, beim Verband für den Leistungssport verantwortlich: «Wir haben bewusst tiefgestapelt, um Druck von ihr zu nehmen.» Trotzdem war Stingelin wie Steingruber oder deren Trainer Fabien Martin längst bewusst: Das Teilnehmerfeld in Montreal war vergleichbar mit dem von Rio – mit einem feinen Unterschied: Simone Biles, die US-Überfliegerin, fehlte diesmal. Und dass die dreifache Sprung-Europameisterin sehr wohl Aussichten auf Edelmetall hatte: An diesem Gerät lässt sich mehr noch als an den übrigen Geräten aus dem Ausgangswert die Hierarchie ableiten.

Auf sie ist Verlass

Nur sind das immer noch zwei verschiedene Dinge: zu wissen, dass man zu einer Medaille fähig ist, und sie auch tatsächlich zu gewinnen. Aber das ist Giulia Steingruber nun einmal: eine Meisterin darin, eine Chance zu packen, wenn sie eine sieht. «Zum Champion gereift», schrieb DerBund.ch/Newsnet vor zwei Jahren, als sie im WM-Mehrkampf selbst Biles bis zuletzt gefordert hatte. Die Medaille von Montreal ist ein weiterer Beweis dafür, wie sehr auf die willensstarke, scheinbar nimmersatte Gossauerin Verlass ist. «Ich verneige mich vor ihr», sagte Stingelin.

Steingruber glaubt, der Erfolg motiviere sie nun zusätzlich für die weiteren Aufgaben, die nicht einfacher werden. Im kommenden Jahr werden in Glasgow und Doha weitere EM- und WM-Medaillen vergeben, und die Weiterentwicklung ihres neuen Sprungs kommt als Projekt in die entscheidende Phase. Einzelauftritte an Titelkämpfen dagegen rücken erst einmal in den Hintergrund, denn: Wem hat sie noch etwas zu beweisen? Entscheidender ist die Olympiaqualifikation mit dem Team an den Weltmeisterschaften in Katar und 2019 in Stuttgart. Nicht, dass diese über ihre glänzende Karriere richten wird, aber sie würde sie mit einer aussergewöhnlichen Note abrunden.

Die Medaille in Montreal hat wieder einmal gezeigt, dass fast alles möglich ist, wenn man nur daran glaubt. Besser gesagt: wenn man Giulia Steingruber heisst und daran glaubt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.10.2017, 22:29 Uhr

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