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Warum kann Sport nicht immer so schön sein?

Die Stabhochspringer um Armand Duplantis zeigen am letzten Tag der EM in Berlin einen grossen Wettkampf. Und noch mehr Sportsgeist.

Armand Duplantis überspringt 6,05 Meter und wird von den Gegnern gefeiert. Video: SRF

Als Renaud Lavillenie seinen ersten EM-Titel holte, war Armand Duplantis zehnjährig. Und hatte ein Poster des Franzosen im Zimmer hängen. Als Lavillenie sein erstes Olympisches Gold gewann, war Duplantis zwölf. Das Poster hing immer noch. Als Lavillenie sich mit dem Weltrekord über 6,16 m die Krone des Stabhochspringens aufsetzte, hing er immer noch als Poster im Zimmer des 14-jährigen Duplantis. Und als sich der bald 32-jährige Franzose am Sonntagabend in Berlin anschickt, die 6,05 m zu überspringen – da sitzt Duplantis nur wenige Meter entfernt. Das Poster ist längst weg.

Es ist weg, weil Duplantis, heute 18 Jahre alt, an diesem Abend der grösste Konkurrent seines Idols ist. Kein Anhimmeln mehr, der schwedisch-amerikanische Doppelbürger steht nun selbst an der Spitze, die sechs Meter und fünf Zentimeter, vor denen Lavillenie steht, das sind seine. Kurz davor hat er sie übersprungen und damit seine persönliche Bestleistung um 15 Zentimeter übertroffen. Lavillenie hat 6,05 auch schon gemeistert, das letzte Mal vor etwas mehr als drei Jahren.

Die Konkurrenz freut sich mit

Dieser Abend aber gehört Duplantis. Lavillenie schafft es nicht, ihm bleibt Bronze mit 5,95 Metern. Eine Höhe, die 2015 zum Weltmeistertitel gereicht hätte. Auch der als neutraler Athlet startende Russe Timur Morgunow reisst, mit seinen übersprungenen sechs Metern gewinnt er Silber. Duplantis ist Europameister und neuer Inhaber des U-20-Weltrekords. Als er davor die sechs Meter schafft, springt er mit weit aufgerissenen Augen von der Matte, ungläubig, es ist die Freude eines Jungen. Mit ihm freut sich die Konkurrenz, allen voran die Polen um Piotr Lisek sprinten auf Duplantis zu und herzen ihn.

Als der junge Schwede dann noch fünf Zentimeter obendrauf packt, da springt er nicht mehr von der Matte. Er bleibt liegen, starrt ins Leere. Es ist die Freude eines Mannes, der nicht glauben kann, was mit ihm passiert. Von der Wartezone sprinten Athleten auf ihn zu – die Polen vorneweg und Lavillenie, noch bevor er wieder antreten muss, jeder will der Erste sein, der Duplantis gratuliert. Die Stabhochspringer zeigen an diesem Abend Sportsgeist, von Missgunst keine Spur. «I love you», schreibt Lavillenie gar auf Twitter, die Worte sind an Duplantis gerichtet.

Die Familie Duplantis springt hoch

Duplantis kommt aus einer Stabhochsprung-Familie. Mit vier Jahren wagte er die ersten Versuche. Mutter Helena, Schwedin, ist eine ehemalige Leichtathletin. Vater Greg, Amerikaner, früher ebenfalls begeisterter Stabhochspringer, baute im Garten eine Anlage, um seine und die Kinder der Nachbarn zu trainieren. Schwester Johanna ist eines von ihnen, 16 ist sie heute, und hält immer noch den Weltrekord bei den Sechs- und Siebenjährigen.

Ihr Bruder Armand wirkt scheu, wie einer der Schüler, die in der Klasse ganz hinten sitzen, die allseits beliebt, aber nie laut sind. Aber er kann anders. «Ich will der Beste sein, den es jemals gegeben hat», sagt er nicht ganz unbescheiden. Als Morgunow anläuft, scherzt Duplantis zusammen mit Lavillenie rum, wohl um die eigene Nervosität zu verstecken. Um der Beste zu werden, fehlen dem Schweden noch einige Zentimeter. Sein Idol hat 2014 in der Halle von Donezk 6,16 übersprungen. Der wohl grösste Stabhochspringer je, Sergei Bubka aus der Ukraine, kam im Juli 1994 auf zwei Zentimeter weniger. Niemand übersprang bisher mehr auf einer Freiluftanlage.

Ein neuer Star wächst heran

Die Legenden des Sports, Lavillenie und Bubka, freuen sich über die Entwicklung von Duplantis. Lavillenie sagte noch vor der Europameisterschaft: «Er ist ein sympathischer Typ. Ich wünsche ihm das Beste. Aber vielleicht könnte er sich noch ein bisschen hinter mir anstellen, das wäre grossartig.» Das tat er zumindest am Sonntagabend nicht. Bubka postete im April 2017 auf Twitter ein Foto mit seinem potenziellen Nachfolger und schrieb: «Es ist so schön, einen neuen Star heranwachsen zu sehen.»

Mit 18 wird Duplantis schon von den grössten Springern geehrt. Gemeinsam mit dem Norweger Jakob Ingebrigsten (17, EM-Gold über 1500 und 5000 Meter) und der Britin Dina Asher-Smith (22, Gold über 100, 200 und 4x100 m) ist er der neue Star dieser EM. Nicht nur wegen der Höhe, auch weil er und Lavillenie die Zuschauer im Berliner Olympiastadion bestens unterhalten. Einerseits mit einem mitreissenden Wettkampf, andererseits mit ihrer Ehrenrunde mit der französischen und der schwedischen Flagge. Ein Bild wie eine Parabel auf das Weitergeben des Zepters im Stabhochsprung.

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