US-Turnskandal: Verband schliesst die Horror-Ranch

Im Prozess gegen Skandalarzt Larry Nassar sagten mehr als 100 Opfer aus. So viele, dass sich die Urteilsverkündung verzögert.

Rund 100 Minderjährige soll Larry Nassar sexuell missbraucht haben. (Video: Tamedia mit Material von CNN und Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gnade braucht Larry Nassar nicht zu erwarten. Von den über 140 Turnerinnen nicht, die der frühere Arzt des amerikanischen Turnverbandes missbraucht hat. Und von Rosemarie Aquilina nicht. Das hatte die Bezirksrichterin im Bundesstaat Michigan deutlich gemacht, noch bevor ihr Urteil über den Skandalmediziner gefällt ist. Vielmehr hat sie nur ein müdes Lächeln übrig für die Begehren des Dr. Nassar während des Prozesses: dass die Medien aus dem Gerichtssaal verbannt werden. Oder: dass nicht noch mehr seiner Opfer aussagen.

«Ich habe keine Ahnung, wie Sie auf solche Forderungen kommen», kommentiert Aquilina das sechsseitige Schreiben Nassars, in dem er sich am «Medienzirkus» stört: Erstens hätten Medien das in der Verfassung niedergeschriebene Recht, an Gerichtsverhandlungen präsent zu sein (und sie live zu übertragen), und überhaupt: «Selbstverständlich fokussieren die Medien auf Sie, doch daran haben ja allein Sie Schuld. Erinnern Sie sich an Ihre Verbrechen? An Ihr Schuldbekenntnis?»

Richterin Rosemarie Aquilina adressiert Larry Nassar direkt. Video: Youtube

In zehn Fällen hat sich der 54-Jährige des Missbrauchs von Turnerinnen im Schutzalter schuldig bekannt, doch im Gerichtssaal von Lansing ging es in dieser Woche um viel mehr: Das Gericht gab jedem einzelnen Opfer die Gelegenheit, gegen seinen einstigen Peiniger auszusagen. Immer mehr junge Frauen haben sich gemeldet, manche erschienen persönlich, andere – wie die Olympiasiegerin McKayla Maroney – liessen Statements verlesen. «Er verdient es, den Rest seines ­Lebens im Gefängnis zu verbringen. Ich fordere Sie auf, ihm die Maximalstrafe zu verpassen», lässt sie über eine Bekannte verlauten.

Bis gestern waren es über 100 Aussagen, aber noch viele Pendenzen, weshalb Richterin Aquilina die Verhandlung am Montag fortsetzt. Möglich, dass sie das Urteil gar erst am Dienstag spricht. Auf Nassar wartet eine lebenslängliche Haftstrafe, doch die hatte er zuvor schon ­gefasst: Im Dezember war er wegen des Besitzes von Kinderpornografie zu 60 Jahren ­Gefängnis verurteilt worden. Ein dritter Prozess folgt Ende Januar.

«Es passierte auch in London»

Das 7-minütige Statement Maroneys lässt erahnen, wie die Mädchen dem Arzt ausgesetzt waren. «Bei mir begann es mit 13 oder 14. Er fand ­immer eine Gelegenheit, mich zu behandeln. Es passierte in London, ­bevor wir mit dem Team Gold gewannen, und es geschah, bevor ich am Sprung Silber holte. Die schlimmste Nacht meines Lebens erlebte ich mit 15 vor dem Flug an die WM in Tokio. Er gab mir eine Schlaftablette, und das Nächste, woran ich mich erinnere, war, dass ich alleine mit ihm im Hotelzimmer lag.» Eine von Nassars ­angeblicher Behandlungsmethode bei Rückenschmerzen war, die Vagina der Mädchen von innen zu massieren.

Auch prominente Teamkolleginnen, Weltmeisterinnen und Olympiasiegerinnen wie Simone Biles, Aly Raisman, Jordyn Wieber oder Gabrielle Douglas waren unter den Opfern und im Laufe der Woche in Lansing teilweise unter den Zuschauern. Dass sie sich nicht früher wehrten, erklären sie mit dem Leistungsdruck und dem Ansehen Nassars bei den Verbänden.

Die beklemmenden Aussagen von McKayla Maroney, im Gericht vorgetragen von einer Vertrauten. Video: Youtube

Ihre Wut richtet sich deshalb nicht nur gegen ihren Peiniger. Maroney kritisiert den Landesverband USA Gymnastics (Usag), das amerikanische Olympische Komitee (Usoc) sowie die Michigan State University (MSU) für ihre Untätigkeit, Nassar zu stoppen. So hätten an der MSU, an der Nassar anderthalb Jahrzehnte gearbeitet hatte, mindestens 14 Verantwortliche von den Übergriffen gewusst, ohne aktiv zu werden. Maroney verlangt von der Staatsanwaltschaft, «dass nach Nassar die Verantwortlichen bei MSU, Usag und Usoc zur Verantwortung gezogen werden. Sie haben seine Verbrechen erst ermöglicht.»

Aly Raisman schrieb auf Twitter: «USA Gymnastics ist zu 100 Prozent verantwortlich. Der Verband hat uns die Behandlung durch Larry Nassar vorgeschrieben.» Und in einem Interview mit ESPN legte sie nach: «Ich glaube nicht, dass es die Leute dort interessiert oder dass es ihnen Leid tut.»

Unter der neuen Präsidentin Kerry Perry ist Usag am Donnerstag aktiv geworden und hat das sofortige Ende der Zusammenarbeit mit der Karolyi-Ranch bekannt gegeben. Dieser Schritt war von den Turnerinnen verlangt worden, steht doch gerade der Stützpunkt in der texanischen Stadt Huntsville für all die Übergriffe. Einst gegründet und geführt vom Trainer-Ehepaar Bela und Marta Karolyi, bereitetete sich das US-Nationalteam in monatlichen ­Zusammenzügen auf der Ranch auf Grossanlässe vor. Nassar war jedesmal zugegen und nutzte die Abgeschiedenheit des Camps inmitten eines Waldes für seine Taten. Eltern ist der Aufenthalt auf der Ranch nicht erlaubt.

Was die Opfer zusätzlich erzürnte: Im Laufe der Ermittlungen kam heraus, dass Nassar gar keine Lizenz besass, um in Texas zu praktizieren. Gina Nichols, Mutter der ebenfalls misshandelten Maggie Nichols, sagt: «Wie kann Usag so schlampig sein und den Hintergrund eines Arztes nicht überprüfen, der Jahrzehnte für einen arbeitet?» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.01.2018, 18:28 Uhr

Artikel zum Thema

Er wollte damit die Beckenmuskulatur entspannen

150 Frauen soll er missbraucht haben: So rechtfertigt sich der ehemalige Turnarzt Larry Nassar vor Gericht. Mehr...

«Der Mannschaftsarzt hat auch mich missbraucht»

Der wegen Kinderpornographie verurteilte ehemalige Mannschaftsarzt Larry Nassar verging sich auch an der US-Spitzenturnerin Simone Biles. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Kommentare

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...