Tokio 2020 sprengt alle Budgets

Die Japaner versprachen kostengünstige Sommerspiele dank bereits vorhandener Anlagen. Inzwischen ist vieles anders, und die Kosten haben sich schon fast vervierfacht.

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Olympia 2020 würden vernünftige, kostengünstige und ökologisch verantwortungsvolle Sommerspiele, wenn Tokio den Zuschlag erhalte. Das versprach das Bewerberteam dem Internationalen Olympischen Komitee (IOK) vor der Vergabe. Anders als Istanbul und Madrid, die beiden Gegenkandidaten, verfüge Japans Hauptstadt bereits über fast alle Sportstätten, technisch auf dem höchsten Stand.

Die Gesamtkosten bezifferte Tokio damals auf 768 Milliarden Yen, 6,7 Milliarden Franken. Vergangene Woche schätzte der japanische Rechnungshof die Kosten bereits auf umgerechnet 24,7 Milliarden Franken – mehr als das Doppelte der Zahlen, mit denen die Organisatoren operieren, und fast das Vierfache des ursprünglichen Budgets.

Genau liessen sich die Kosten gar nicht ermitteln, erklärte der Rechnungshof. Seine Inspektoren fanden 286 Ausgabenprogramme der öffentlichen Hand, die in den letzten vier Jahren zumindest teilweise mit Olympia begründet wurden. Sie stecken in den verschiedensten Etats, einige wurden sogar versteckt. Viele Budgetposten würden in der Kostenanalyse des Organisationskomitees gar nicht auftauchen, so der Rechnungshof. Er ermahnte Ex-Premier Yoshiro Mori, den Chef des Organisationskomitees, zu Transparenz.

Die Stadt zahlt 12,4 Milliarden

Die Regierung hat für die Spiele umgerechnet 7 Milliarden Franken budgetiert, unter anderem für den Strassenausbau und die Polizei. 400 Millionen Franken sollen zur Leistungssteigerung japanischer Olympiateilnehmer eingesetzt werden. Die Stadt Tokio hat ihren Kostenanteil inzwischen schon mehr als verdoppelt, von 600 Milliarden auf 1,41 Billionen Yen, das sind 12,4 Milliarden Franken.

Dabei wird angeblich gespart. Zum Beispiel beim Olympiastadion, das einst mit 3,1 Milliarden Franken budgetiert worden war, dem Dreifachen des Olympiastadions von London 2012. Ursprünglich hatte es geheissen, das Nationalstadion von 1964 würde renoviert. Doch 2015 wurde das Baudenkmal trotz lauter Proteste in aller Eile abgerissen. Man schuf vollendete Tatsachen.

An seiner Stelle sollte ein postmodernes Stadion der inzwischen verstorbenen Stararchitektin Zaha Hadid entstehen: der «Fahrradhelm», wie die Tokioter spotteten. Das Projekt gefiel niemandem, wie die Organisatoren nun zugeben. Damals schwiegen sie, bis es Premier Shinzo Abe kippte – zu teuer.

Versteckte Nebenprojekte gestoppt

Das Ersatzprojekt von Kengo Kuma darf 1,3 Milliarden Franken kosten, weniger als die Hälfte. Hadids Büro kassierte 68 Millionen Franken Entschädigung. Ihr Fahrradhelm wäre allerdings auch deshalb so teuer geworden, weil darin Nebenprojekte versteckt waren. Das Olympische Komitee Japans wollte sich im neuen Stadion heimlich ein neues Hauptquartier mitbauen lassen – auf Kosten der Steuerzahler. Da sich der Bau des Stadions verzögert, können entgegen der Planung im März keine Spiele der Rugby-WM stattfinden.

Ein paar Gehminuten von der Schwimmhalle Tatsumi, die allen Anforderungen für Grossanlässe genügt, wird nun auch ein neues Aquatic Center gebaut. Tatsumi ist den Organisatoren nur für Wasserball gut genug. Die Bürgermeisterin von Tokio, Yuriko Koike, wollte den Neubau verhindern, wie auch eine neue Volleyballhalle für 15'000 Zuschauer. In Tokio gebe es genug solche Hallen. Aber sie blitzte ab.

Die Kostenspiele mit den Spielen

Vor Olympia 1964 in Tokio hatte Japan Spiele der Superlative versprochen. Sie waren zwar perfekt organisiert und sportlich hochwertig, doch ihr Superlativ waren die Korruption und die explodierenden Kosten. Es wurden die bis damals bei weitem teuersten Spiele. Das Szenario wiederholte sich mit den Winterspielen 1998 in Nagano, und 2020 wird es kaum anders sein.

Zwischen 1964 und 1972 war Japans Wirtschaft rasant gewachsen, der Lebensstandard verbesserte sich stetig. Mit den Olympischen Spielen hatte das nichts zu tun. Doch Japan tut so, als könnte sich das nach 2020 wiederholen. In Wirklichkeit stürzen die Spiele das Land noch tiefer in seine Schuldenkrise. Der Rechnungshof erwartet, dass die Gesamtkosten weiter steigen, auf über 26 Milliarden Franken. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.10.2018, 09:42 Uhr

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