Sonntags mit dem Kopf durch die Wand

Amerikanische Footballspieler haben eine bis zu 19-mal höhere Demenzgefahr.

Nichts für schwache Nerven: Oft erleiden Football-Spieler während den Partien Verletzungen.

Nichts für schwache Nerven: Oft erleiden Football-Spieler während den Partien Verletzungen.

(Bild: Keystone)

Martin Kilian@tagesanzeiger

Sportbegeisterung verlangt uns nicht allzu viel ab: Der Hintern wird vor einen Fernseher gepflanzt – und schon geht es los. Niemals aber käme uns dabei in den Sinn, dass wir von potenziell Demenzkranken unterhalten werden. Genau so aber verhält es sich, wenn am Sonntag wieder die Super Bowl ansteht, das grösste Ereignis des amerikanischen Footballs, bei dem zwei Teams der NF-Profiliga mit ruppigen Methoden an Boden gewinnen möchten.

Höheres Gesundheitsrisiko

Diesmal prügeln die Packers aus Green Bay in Wisconsin und die Steelers aus Pittsburgh in Pennsylvania aufeinander ein. Und die Chancen stehen nicht schlecht, dass bei rund einem Fünftel der Spieler beider Mannschaften bereits Demenz einzusetzen begonnen hat. Denn der amerikanische Football, eine überaus gewalttätige Veranstaltung, bei der regelmässig die Birnen der Spieler lädiert werden, leidet an einer Hirnkrise: Bei einer zunehmenden Zahl ehemaliger Spieler werden Störungen im Oberstübchen festgestellt, sodass sich die vormals unzerstörbaren Hünen zuweilen kaum erinnern können, wie sie heissen und wo sie sich befinden.

Andere Ex-Stars begingen Suizid, worauf ihre Gehirne untersucht wurden. Sie zeigten Alzheimersymptome und glichen dem grauen Material eines 90-Jährigen, obschon ihre Besitzer nicht einmal halb so alt waren. Als Folge schwerer Gehirnerschütterungen, wie sie unweigerlich eintreten, wenn zwei athletische Männer bei hoher Geschwindigkeit mit dem Kopf aufeinanderprallen, besteht bei den Spielern der NF-Profiliga erhöhte Demenzgefahr – bis zu 19-mal mehr als bei der Normalbevölkerung, die nicht jeden Sonntag mit dem Kopf durch die Wand will.

Schwaches Erinnerungsvermögen

Sein Erinnerungsvermögen «ist ziemlich am Ende», sagt etwa der ehemalige Quarterback Jim McMahon von den Chicago Bears. Er laufe in einen Raum – und habe bereits vergessen, weswegen er in den Raum laufen wollte. Klagten die Gladiatoren der NFL einstmals über ausgeleierte Knie und Gelenke sowie allerlei andere Zipperlein, so gibt nun der Kopf Probleme auf. Was nicht weiter verwunderlich ist, da ein Verteidiger früher 120 Kilo wog, inzwischen aber 150 oder mehr wiegt – und trotzdem schneller ist als der Vorgänger.

Früher gab es Fleischberge wie den dreihundertpfündigen William «den Kühlschrank» Perry, die als unbewegliche Bollwerke fungierten. Heute sprinten diese Bollwerke voll auf einen Gegner zu – und geben ihm derart eins auf die Birne, dass diese weich wird. An einem einzigen Sonntag im Oktober wurden bei diversen Spielen elf Gehirnerschütterungen verzeichnet, wobei einige der Zusammenstösse so rabiat waren, dass sich die Frage stellte, wann der erste Spieler tot umfalle.

«Kaputte Birne»

Schon haben einige Teams Neurochirurgen verpflichtet, die an der Seitenlinie sitzen, um notfalls einzugreifen. Auch examinierte das NFL-Komitee für Kopf-, Nacken- und Rückgratverletzungen kürzlich einen neuen Helm, der die Spieler besser als der jetzt getragene vor Kopfverletzungen schützen soll. Der neue Helm trägt den Namen Gladiator; sein Schöpfer entwarf unter anderem Zahnarztpraxen und Strassenbahnen, womit eigentlich gewährleistet sein sollte, dass es sich beim Gladiator um einen ausserordentlich robusten Helm handelt.

Wie die Stossstangen moderner Autos wird auch der Gladiator aus Polyurethan gefertigt; der NFL-Spieler trägt mithin eine Stossstange auf dem Kopf, die er als Rammbock einsetzt. Dass dadurch die Gefahr der Verblödung erheblich erhöht wird, ist nicht weiter verwunderlich und wird in naher Zukunft amerikanische Gerichte beschäftigen, wo pensionierte Gladiatoren von der Liga Entschädigung für ihre bröseligen Hirne einfordern wollen.

Kaputte Knie gehen ja noch hin, aber eine kaputte Birne? Vielleicht sollten Spechte als Spieler verpflichtet werden; ihre Gehirne lagern bekanntlich in einer stossdämpfenden Flüssigkeit.

Tages-Anzeiger

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