Dem Tod so nahe wie nie

Stav Jacobi, Präsident von Volero Zürich, leidet an einer seltenen Herzkrankheit. Die bestimmt auch, wie es weiter geht mit dem Club.

Kampf für Volero und für ein besseres Leben: Volero-Präsident und GC-Verwaltungsrat Stav Jacobi.

Kampf für Volero und für ein besseres Leben: Volero-Präsident und GC-Verwaltungsrat Stav Jacobi. Bild: Dieter Seeger

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Stav Jacobi war mit seinem Team in Moskau gelandet. Das Champions-League-Spiel gegen Dynamo stand an. Plötzlich schlich hohes Fieber in seinen Körper, über 40 Grad. Eine Lappalie? Nicht für ihn mit seinem Krankheitsbild. Der Präsident von Volero Zürich leidet am Behcet-Syndrom, einer Autoimmunerkrankung, die in Europa äusserst selten vorkommt. Noch seltener ist, dass davon Organe betroffen sind, schon gar nicht das Herz. Bei Jacobi aber ist das so. Ein schwerer Infekt kann tödlich enden. Er flog zurück nach Zürich, liess sich im Universitätsspital behandeln, die Ärzte kämpften um sein Leben. Das war vor einem Monat. Er war dem Tod auch in der Vergangenheit schon nahe, so nahe aber noch nie.

Was die Arbeit der Ärzte erschwerte: Auf das Hauptmittel, mit dem der Infekt behandelt werden sollte, reagierte Jacobi allergisch. «Es gibt fast acht Milliarden Menschen. 30 davon sind allergisch darauf», sagt er. Und lacht laut, als er erzählt, was seine engsten Freunde untereinander sagten: «Wenn ihr sehen wollt, wie Stav als Leiche aussehen wird, dann müsst ihr ihn jetzt besuchen.»

Er spürte die Beine nicht mehr

Nach zwei Wochen konnte er das Spital verlassen, noch immer tüfteln die Spezialisten aber an einem Ersatzmittel, auf das sein Körper anspricht. Letzte Woche erlitt er einen Rückfall, während eines Treffens mit einem Freund spürte er seine Beine nicht mehr. Wieder landete er mit Fieber im Spital.

Sein Immunsystem ist derart geschwächt, dass sich ­Jacobi nicht an Orten aufhalten sollte, wo viele Leute sind.

Dennoch will er heute in der Saalsporthalle zuschauen, wenn sein Team noch einmal anrennt. Vielleicht zum letzten Mal versucht, das Unmögliche doch noch möglich zu machen. Die Champions League zu gewinnen in einer Sportart, die in der Schweiz weit weg davon ist, professionell betrieben zu werden – ­Volero ausgenommen.

Wieder einmal gehört dieses zu den besten sechs Volleyballteams Europas, wieder einmal stehen die Zürcherinnen vor der letzten Hürde. Und wieder einmal ist diese enorm hoch. Vakifbank Istanbul heisst der Gegner heute und in zwei Wochen in der Türkei. Das Millionenspielzeug der türkischen Grossbank muss besiegt werden, um erstmals aus eigener Kraft den Einzug ins Finalturnier der besten vier zu schaffen. Es ist ein ambitioniertes Vorhaben. Zum sechsten Mal versucht ­Volero schon, die letzte Schwelle vor dem Titelkampf zu überschreiten. ­Jacobis Traum hat sich bislang nicht erfüllt.

Millionen, Jahr für Jahr

Als der in Russland geborene Jacobi, der 1991 in die Schweiz einwanderte, 2002 Volero als Trainer übernahm, spielte es noch in der NLB. Er hätte ein ruhiges Dasein ­haben können in der Zweitklassigkeit. Doch das hätte nicht zu Jacobi, dem Visionär, gepasst. Er entdeckte seine Liebe zu diesem Sport neu, nachdem er ihn schon fast vergessen hatte. Bei ZSKA Moskau war er einst Passeur gewesen, ehe die brutalen Trainingsmethoden sein Knie zerstörten. Und plötzlich fesselte ihn dieses Spiel wieder.

Jacobi wollte mehr als zweitklassig sein, er gründete die Volero AG, führte das Team als Präsident in die NLA, dort an die Spitze, der Apparat wuchs. Bald war der Club auch international ein Begriff, Topspielerinnen aus der ganzen Welt kamen nach Zürich, sein Netzwerk nahm gigantische Ausmasse an. Er verpflichtete Spielerinnen, meist jung und für mehrere Jahre, lieh sie aus, das spülte etwas Geld in die Kasse. Doch das Loch blieb gross, Jahr für Jahr stopfte es der Jurist, der vor allem mit Immobilien ­vermögend geworden war.

Als er die rote Linie überschritten hatte, so sagt er es, habe er aufgehört, die Investitionen zu zählen. Die rote Linie lag im mittleren zweistelligen Millionenbereich. Er versuchte, andere Standbeine aufzubauen, mit einem clubeigenen ­Restaurant beim Sitz in Oerlikon etwa – es riss nur ein noch tieferes Loch in die Rechnung. Er suchte Sponsoren, Gönner – meist erfolglos. «Das grösste wirtschaftliche Problem von Volero bin ich. Jeder denkt: ‹Warum sollte ich 100 Franken spenden, wenn dieser Verrückte sowieso alles bezahlt?›», sagt Jacobi.

Er glaubte unentwegt an seinen Traum, er wollte das beste Team Europas aufbauen, allen Widrigkeiten, allen Rückschlägen zum Trotz. Vor zwei Jahren dann setzte er auf den totalen Angriff, holte Spielerinnen, die zu den weltbesten gehören, bis 2017 sollten sie die europäische Krone nach Zürich geholt haben. Der erste Versuch scheiterte, ­Jacobi tüftelte weiter an der perfekten Zusammensetzung, bis er glaubte, sie gefunden zu haben. Doch auch letztes Jahr blieb ihm nur die Enttäuschung.

Jetzt also nimmt Volero noch einmal Anlauf. Würde der Versuch misslingen, es wäre eine grosse Enttäuschung für ihn. Denn: Vielleicht ist es die letzte Chance auf die Krone.

Vor 12 Tagen ist Jacobi 50 geworden. Zeit, um zurückzuschauen, zu reflektieren, sich Fragen zu stellen. Wie geht es weiter? Was bin ich noch bereit, an Energie, Geld und Zeit zu investieren in diesen Club? Es ist nicht nur das Alter, das Jacobi in den letzten Tagen nachdenklich werden liess. Es ist eben auch die Gesundheit. Stress ist Gift für sein Herz.

Gibt es eine Zukunft für Volero?

Einige seiner rund ein Dutzend Verwaltungsratsmandate hat er schon im letzten Jahr abgegeben. Er versucht, sich so weit wie möglich aus seinen Geschäften herauszunehmen. «Es bringt mir nichts, wenn ich aus dem Sarg hinaus schreien kann: Ich hatte 14 Mandate und 20 Firmen und so viel Geld!»

Derzeit wohl der grösste Stressfaktor ist Volero. Deshalb sinniert er darüber, wie die Zukunft des Clubs ausschauen soll. Gibt es überhaupt eine? «Viele raten mir, aufzugeben. Aber ich bin kein Opportunist. Ich kann das meinem Team nicht antun.» Deshalb wird er wohl die zweite Variante wählen, die er sich zurechtgelegt hat.

Er will den Profi-Betrieb aufrechterhalten, das Team aber vorerst nicht mehr ganz so stark besetzen wie zuletzt, die Kosten und damit die Sorgen niedriger halten. «Es muss aber so zusammengestellt sein, dass es in der Champions League noch eine Chance hat.» Er braucht das internationale Schaufenster, damit Volero für gute Spielerinnen weiter attraktiv ist und er durch Ausleihgebühren einen Teil der Ausgaben ­decken kann. «Wenn ich sagen würde: Mein Team kann nicht mehr in der Champions League spielen, dann kann ich gleich aufhören.»

Soweit ist es noch nicht. Volero ist für Jacobi eine Herzensangelegenheit. Im doppelten Sinn.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.03.2017, 22:17 Uhr

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