Schachlegende Viktor Kortschnoi ist tot

Der Schweizer Schachspieler Viktor Kortschnoi hat für einige unvergessene Momente in der Schachhistorie gesorgt.

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Im Alter von 85 Jahren verstarb am Montagnachmittag in Wohlen Schachgrossmeister Viktor Kortschnoi. Für weltweites Aufsehen hatten seine Emigration 1976 aus der Sowjetunion nach Holland und seine WM-Kämpfe 1978 und 1981 gegen Anatoli Karpow gesorgt, die er beide dramatisch verlor. Seit 1978 lebte er in der Schweiz, die Staatsbürgerschaft wurde ihm aber erst 1991 zuerkannt, obwohl er die Nationalmannschaft über viele Jahre an Brett 1 angeführt hatte.

Geboren am 23. März 1931 in Leningrad musste der kleine Viktor Lwowitsch während der Belagerung der Stadt durch deutsche Truppen wie alle St. Petersburger unsäglich schwere Jahre durchleiden. Sein Vater war gleich nach dem Einzug ins Militär bei einem Bombardement gefallen, seine geliebte Grossmutter verhungerte in der Wohnung der ­Familie. Als man versuchte, die Kinder hinter den Ural zu evakuieren, wurde sein Zug von Flugzeugen angegriffen, worauf der Junge sich zusammen mit seiner Mutter zurück in die Stadt durchschlagen musste. Nach dem Zweiten Weltkrieg und Trainings in einem der legendären Pionierpaläste der UdSSR galt Viktor Kortschnoi als grosses Schachtalent. Doch zeitlebens war ihm anzumerken, dass er nichts vom Kult um die sogenannten Wunderkinder hielt. Gelang es ihm, eine ­dieser Begabungen am Brett zu schlagen, konnte er sich diebisch freuen.

Nie für ein faules Remis zu haben

Sein Sieg am Openturnier von Gibraltar 2011 gegen den damaligen Junior Fabiano Caruana, der mittlerweile zur Weltspitze zählt, war eine der schönsten Partien seiner langen Karriere. Ohnehin war Viktor Kortschnoi nie für ein faules Remis zu haben. Als Nonkonformist und lebenslustiger junger Mann hatte er sich bei einem Showkampf des Sowjetteams in Havanna über die Anweisung seines Mannschaftsleiters hinweggesetzt und Che Guevara geschlagen, und noch wenige Tage vor seinem Schlaganfall im Herbst 2012 riskierte er in der letzten NLA-Partie für seinen langjährigen Club, SG Zürich, trotz schlechterer Stellung und Remisangebot seines Gegners Kopf und Kragen. Auch nach seinem Schlaganfall, der ihn in den Rollstuhl zwang, blieb er aktiv, wenn auch eher in Showkämpfen gegen alte Weggenossen. Noch diesen Februar liess er sich von seiner Altersresidenz ins Hotel Savoy chauffieren, um an der Zürich Chess Challenge den Künsten der Topspieler zuschauen zu können. Seinen letzten eigenen Turnierauftritt hatte er im November 2015 anlässlich der Ausstellung im Schweizer Schachmuseum in Kriens zu seinem 85. Geburtstag. Dort gewann er gegen den fast 90-jährigen Russen Mark Taimanow 2,5:1,5.

Unvergessen bleiben Kortschnois WM-Matches gegen den linientreuen Anatoli Karpow. Sie machten nicht nur wegen der ­Affiche «Dissident vs. UdSSR-Aushängeschild» Schlagzeilen. In ­Baguio City 1978 auf den Philippinen wurde das Sowjetteam verdächtigt, zur Unterstützung ihres Schützlings Grossrechner einzusetzen, in Meran drei Jahre später vermutete Kortschnoi in den Zuschauerreihen einen Magier, der ihn mental schwächen sollte, und geheime Botschaften an seinen Gegner mittels Joghurts.

Unvergessen sind aber auch Kortschnois Einsatz als Trainer und Spieler der Schweizer Nationalmannschaft und sein Gerechtigkeitssinn. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.06.2016, 20:26 Uhr

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