Plötzlich bangt Steingruber um ihre Karriere

Der Kreuzbandriss wirft die Kunstturnerin auf dem Weg nach Tokio weit zurück. Dass sie ein ungeduldiger Mensch ist, hilft dabei nicht.

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Zunächst ist sie noch voller Hoffnung. Auf Twitter setzt Giulia Steingruber am späten Samstagabend ein lächelndes Smiley mit roten Backen ab, als sich ein User nach der Schwere ihrer Verletzung erkundigt, die sie am Länderkampf in St-Etienne erlitten hatte. Das müsse erst untersucht werden, antwortet sie.

Zurück in Biel, folgte gestern die Untersuchung, und sie bestätigte die schlimmsten Befürchtungen: Bei der missglückten Landung am Boden zog sich die 24-jährige Ostschweizerin im linken Knie einen Kreuzbandriss sowie einen Meniskusanriss zu. Dazu eine kleine Fraktur im Schienbein, deren Schwere ein zweites MRI von heute ergeben soll.

Auch das nächste Jahr ist in Gefahr

Danach wird auch entschieden, wann die Operation stattfindet. Wegen der Verletzung wird Steingruber die EM in Glasgow im August genauso verpassen wie die WM in Katar Ende Oktober. Ihr Knie wird sie frühestens in neun Monaten wieder voll belasten können. Damit ist auch 2019 die Teilnahme an der EM 2019 höchst ungewiss. Und danach bleibt bis zur WM in weniger als 15 Monaten nur wenig Zeit.

Die lange Zwangspause ist für die Sprungspezialistin ein Rückschlag. Rein körperlich – nie in ihrer Karriere war sie so gravierend verletzt. Und ganz konkret auf ihrem Weg Richtung Tokio 2020. Vor gut einem Jahr hat sie sich offiziell dazu bekannt, in Japan ihre dritten Olympischen Spiele bestreiten zu wollen.

Das vermeintlich harmlose Element

Und um eine zweite Olympiamedaille nach Bronze in Rio zu gewinnen, ist sie zuletzt – vorab an ihren besten Geräten Sprung und Boden – neue, extrem komplizierte Elemente angegangen. Verletzt hat sie sich in St-Etienne nun aber beim gestreckten Doppelsalto ohne Schraubenbewegung, einem vergleichsweise harmlosen Element.

«Die Enttäuschung ist riesig. Ich war gut in Form und voll motiviert für die EM», lässt Steingruber in einer ersten Reaktion ausrichten, sie spricht von einem «Schock» und verhehlt auch nicht, was die schwere Verletzung bedeuten könnte: das Ende aller Träume. Sie sagt: «Was diese Verletzung für meine Karriere bedeutet, weiss ich noch nicht. Ich hoffe erst einmal, dass die Operation gut verläuft.»

Die Geduld nicht verlieren

Erst im Januar 2017 hatte sich die Teamleaderin des Schweizer Nationalkaders den rechten Fuss operieren lassen, der nach den Belastungen der vergangenen Jahren geschunden war. Mehr als ein Jahr blieb sie insgesamt ohne Einsatz, weil sie sich nach Rio 2016 ausserdem eine Auszeit genommen und mit einer Freundin ausgiebig Ferien in Australien und der Südsee gemacht hatte.

Ihr gelang daraufhin eine Rückkehr, die als Zeichen unbändiger Willensstärke zu deuten war. Fast ohne Wettkampfpraxis sprang Steingruber an der WM im vergangenen Herbst in Montreal zu WM-Bronze. «Es lohnt sich, zu beissen. Ein Leben ohne das Turnen kann ich mir einfach noch nicht vorstellen», so erklärte sie damals ihre Motivation, es zurück an die Spitze zu schaffen. Davon wird diesmal mehr gefragt sein. Gleichzeitig darf sie die Geduld nicht verlieren, was ihr, laut eigener Aussage ein sehr ungeduldiger Mensch, besonders schwerfällt.

Unter der Verletzung leidet der ganze Verband

Konsterniert vom Befund zeigt sich auch Felix Stingelin, Chef Leistungssport des Schweizerischen Turnverbandes (STV). «Die Verletzung ist ein grosser Schock für die Schweizer Turnfamilie. Dass sie sie so kurz vor der EM erleidet, tut weh», sagt er. An den Titelkämpfen in Schottland hatte der STV drei Medaillen als Vorgabe ausgegeben, zwei davon hätte Steingruber beisteuern sollen. Diese Vorgabe hat sich nun automatisch revidiert – zumal wegen Trainingsrückstands auch Reck-Europameister Pablo Brägger abgesagt hat.

Und: Steingruber hätte dem Schweizer Frauen-Nationalteam an der WM im Oktober über die erste Hürde in der Olympiaqualifikation helfen sollen. Das Ziel, 2020 in Tokio erstmals seit 1984 mit einer Frauenequipe am Start zu sein, wird so bestimmt nicht einfacher zu erreichen.

Erstellt: 10.07.2018, 13:09 Uhr

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