Nobody ist der Grösste

Er hat keinen grossen Namen und keinen dicken Vertrag – trotzdem führt Case Keenum seine Minnesota Vikings spektakulär Richtung Superbowl.

Case Keenum und die Erfolgsstory mit Minnesota. Foto: Craig Lassig (Keystone)

Case Keenum und die Erfolgsstory mit Minnesota. Foto: Craig Lassig (Keystone)

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Das Glück ist ja ein seltsamer Geselle. So kommt es vor, dass es manchmal auch unstete Wandervögel umarmt. Solche, die ihren Platz fast verzweifelt suchen. Die an dieses Glück eigentlich kaum noch glauben mögen.

Case Keenum zum Beispiel. Der 29-Jährige ist Quarterback der Minnesota Vikings und kennt die Sorgen eines glücklosen Verstossenen nur zu gut. Eines Reisenden, der es immer wieder probiert und doch nicht reüssiert. Oder besser: doch nicht reüssierte. Denn gerade jetzt läuft es dem Texaner so glänzend wie nie in seiner Karriere. Im Playoff der National Football League ist er im Spiel der Vikings die ganz grosse Figur – nicht zuletzt dank einer der spektakulärsten Aktionen der NFL-Geschichte.

Im Viertelfinal vom Sonntag gegen die New Orleans Saints verbleiben sieben Sekunden, als Keenum einen letzten Wurf wagt. 23:24 liegen die Vikings zurück, nachdem sie zur Pause 17:0 geführt hatten, den Saints dann aber beim Comeback zusehen mussten.

Doch eben, Keenum kommt noch einmal an den Ball, zehn Sekunden stehen auf der Uhr. Er macht ein paar Schritte zurück. Neun, acht, sieben. Er wirft tief ins Feld, der Zeiger tickt, sechs, fünf, Teamkollege Stefon Diggs fängt den Ball, lässt irgendwie seinen Verteidiger alt aussehen und rennt – vier, drei, zwei, eins – der Seitenlinie entlang ins Glück. Und als die Uhr auf null stellt, erreicht er die Endzone. Touchdown, 29:24, Sieg Vikings. Der ­Jubel im Stadion ist ohrenbetäubend.

Video: Das Wunder von Minneapolis

Hier dreht ein Stadion durch: Die Minnesota Vikings schlagen in letzter Sekunde zu (nicht zu laut aufdrehen). Video: Twitter/Minnesota Vikings

Nur 2 Millionen Dollar

So stehen die Vikings im Halbfinal und spielen am Sonntag bei den Philadelphia Eagles um den Einzug in die ­Superbowl vom 4. Februar. Gelingt dies den Vikingern, schaffen sie ein Novum: Erstmals überhaupt in der 52-jährigen Geschichte des grossen Endspiels hätte ein Finalteilnehmer Heimvorteil.

Und das haben sie zu grossen Stücken einem Quarterback zu verdanken, der keinen berühmten Namen trägt. Dessen Vertrag vergleichsweise lumpige 2 Millionen Dollar wert ist und lediglich bis zum Saisonende läuft. Der im Draft der besten Hochschulspieler im Jahr 2013 leer ausging und sich auf dem NFL-Arbeitsmarkt durchschlagen musste. Der zwar ein Team fand (die Houston ­Texans), aber weder dort noch später in Los Angeles richtig über das Reservistendasein hinauskam. Und der im vergangenen Frühling zunächst auch in Minnesota nur als Bankdrücker verpflichtet wurde, als Spielmacher Nummer 3.

Ständige Verletzungsgefahr

Es gilt in der NFL allerdings die ­Maxime des «next man up» – des Nächsten an der Reihe. Im Kollisionssport Football ist die Verletzungsgefahr immens, im Jahr 2016 gab es 244 Hirnerschütterungen, 143 Innenband- und 56 Kreuzbandrisse, im Schnitt verletzten sich pro Partie fast sieben Spieler. Die Kader der Teams sind entsprechend tief und die meisten Positionen mehrfach besetzt.

Bei den Minnesota Vikings zog sich 2016 Quarterback-Talent Teddy Bridgewater eine gravierende Knieverletzung zu, die ihn monatelang ausser Gefecht setzte – erst für die zweite Halbzeit der 2017er-Saison würde er zurückkehren. Doch Ersatz Sam Bradford erwischte es schon nach einem Saisonspiel. Da schlug die Stunde von Keenum. Und mit dem Nobody verloren die Vikings zwar zwei der drei ersten Spiele, von den restlichen 12 gewannen sie aber 11.

Keenum steigerte sich und seinen Wurfarm laufend, wurde für Minnesota jedoch nicht zuletzt deshalb zum Hauptgewinn, weil er sich auch als Läufer in die Verteidiger warf und so zum «dual threat quarterback» wurde: zu einer doppelten Gefahr. «Dass er so gut im Spiel am Boden ist, habe ich – ehrlich ­gesagt – doch nicht erwartet», gestand gar Vikings-Cheftrainer Mike Zimmer.

Sein Vorbild gestoppt

In allem anderen dagegen sieht sich der Anwärter auf den Titel des «Trainer des Jahres» in seiner mutigen Analyse bestätigt, dass Keenum seinen Wert hat. Zimmer sagt: «Case hat herausragende Anlagen, doch er brauchte die richtige Ausgangslage, um endlich in dieser Liga Fuss zu fassen. Er ist schlau und kann seine Qualitäten ganz genau einschätzen. Er ist schnell, energiegeladen und sieht, was auf dem Feld passiert.»

Und jetzt ist dieser Mann an einem Punkt, an dem er sich mit den Besten seines Fachs nicht nur misst, sondern deren Superbowl-Hoffnungen zerstört. Den von Drew Brees zum Beispiel, dem Superstar der New Orleans Saints, der mit 39 zu einer zweiten (und vielleicht letzten) ­erfolgreichen Titeljagd ansetzen wollte. Nun wurde er gestoppt von einem, der einst ein Bild von ihm an der Wand des Schlafzimmers hängen hatte.

NFL-Playoff. Halbfinals (Sonntag). AFC: New England - Jacksonville. (21.05 Uhr MEZ) – danach NFC: Philadelphia - Minnesota. – Sieger in der Superbowl am 4. Februar in Minneapolis.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.01.2018, 14:32 Uhr

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