Millimeterarbeit der Perfektionistin

Die 20-jährige Sarah Hornung aus Büren an der Aare gilt bei den gestandenen Schützen als Schweizer Hoffnungsträgerin in Rio de Janeiro.

Zielsichere Sarah Hornung: «Ohne das Vorhaben Olympiasieg müsste ich doch gar nicht nach Rio fahren.»

Zielsichere Sarah Hornung: «Ohne das Vorhaben Olympiasieg müsste ich doch gar nicht nach Rio fahren.»

(Bild: Keystone)

Beim letzten Feldschiessen griff Sarah Hornung zum Sturmgewehr und schoss ohne Probleme den Kranz. «Ich kam auf 65 von möglichen 72 Punkten», erzählt sie. Es war für einmal eine Abwechslung. «Ich wusste nicht so genau, wie ich die Scheibe aus 300 Meter Entfernung sehen werde, aber es klappte.» So ein Feldschiessen sei immer auch eine gute Gelegenheit, mit den älteren Schützen ins Gespräch zu kommen.

300-m-Schiessen ist aber nicht die Spezialität der zierlichen Frau von 1,51 Meter Grösse und 46 Kilogramm Gewicht. Man ruft sie in den Schützenkreisen «Chlini». Das hat aber nichts mit mangelnder Wertschätzung zu tun. Unter den Sportschützen ist Hornung eine Hoffnungsträgerin. Ihr mutet man zu, an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro für eine Überraschung zu sorgen. Nicht über 300 Meter, diese Disziplin hat den Olympiastatus längst verloren, sondern im 10 Meter Luftgewehrschiessen – das ist ihre Spezialität. Die internationale Spitze ist derart dicht, dass es nicht nur um Millimeter geht, sondern um Zehntelmillimeter. Mit dem elektronischen Abzug hat sich das Schiessen mit dem Luftgewehr zu einem Hightech-Sport entwickelt. Auf der elektronischen Zielscheibe ist ein Zehner nicht mehr schlicht ein Zehner. Damit Gleichstände selten werden, ist bei Finalrunden das Zentrum in weitere Ringe mit einer Breite von einem halben Millimeter unterteilt. Das Punktemaximum beträgt damit 10,9 Punkte.

Alles begann mit dem Ferienspass

Entdeckt hat das Talent Erich Sutter. Dieser organisierte 2008 in Büren im Ferienspass ein Angebot für Luftgewehrschiessen. Hornung entschied sich im idyllischen Städtchen an der Aare nicht etwa für Kanufahren, sondern für das Schiessen. Und Sutter erkannte beim damals 12-jährigen Mädchen bald: «Sarah hat die grosse Gabe, das, was man ihr erklärt, sofort umsetzen zu können.»

Schiessen auf Spitzenniveau bedingt, die komplexen, feinmotorischen Bewegungsabläufe, die zu einem perfekten Schuss führen, immer wieder exakt gleich auszuführen. Daran arbeitet Hornung seit 8 Jahren, immer und immer wieder – und das mit Erfolg. Im Sommer 2014 gewann sie Gold an den Youth Olympic Games in China und wurde nur Wochen später Weltmeisterin in Spanien. Im Frühjahr 2015 kam dann der Rückschlag: Sie wurde in Holland an der 10-m-EM nach Bestleistung im Vorkampf disqualifiziert, da ihre Schiessjacke bei der Nachkontrolle als zu eng taxiert wurde. Das machte ihr zu schaffen. Doch bereits im Juni 2015, beim ersten Wettkampf mit der Weltelite an den European Games in Baku, holte sie Silber und damit die Olympiaqualifikation.

Polizeilogistik als berufliche Basis

Aber nicht nur Sarah Hornung hatte einen weiten Weg zu gehen, sondern auch Hobby-Schütze Sutter. «Seit sie 12 ist, sind wir ein Doppelpack. Ich war damals noch kein ausgebildeter Trainer und habe das mit Lehrgängen nachgeholt», sagt Sutter. Spannungen zwischen Athletin und Trainer habe es in den vergangenen acht Jahren kaum gegeben. «Natürlich gab es auch Stresssituationen, wir waren nicht immer derselben Meinung, aber wir konnten uns immer in die Augen sehen.» Neben all den Hunderten von Trainingsstunden im Schiessstand absolvierte Sarah Hornung auch die Ausbildung als Logistikerin bei der Kantonspolizei Bern mit Bravour.

Motivationsprobleme seien bei ihr ohnehin nicht auszumachen, erklärt Sutter. «Sobald sie durch die Türe des Schützenstandes kommt, ist sie da.» Und Hornung bekennt: «Ich bin eine Tüpflischeisserin. Alles muss immer genau gleich ablaufen, alles muss immer exakt vorbereitet sein.» Der Vermutung, ihr Zimmer zu Hause gleiche demnach einem Bild aus einem Modekatalog, widerspricht sie aber vehement. «Nein, nicht in allen Punkten in meinen Leben bin ich super ordentlich und immer organisiert», sagt sie und lacht.

Jetzt aber geht es nach Rio. «Ich will Olympiasiegerin werden», sagt die 20-Jährige, und nach einer kurzen Pause fügt sie an, «ohne dieses Ziel müsste ich doch gar nicht nach Rio fahren.» Sie will auch ihren Trainer Erich Sutter mit nach Brasilien nehmen, obwohl er aufgrund der Kontingentierung keine Akkreditierung als Coach erhalten hat und so als «Betreuer im Hintergrund» amten muss. «Ohne ihn wäre ich sicher nicht auf diesem Niveau», betont sie. Beide sind zuversichtlich, dass auch so die Aufgabenteilung in Rio klappen wird, so wie seit acht Jahren. Und zu vermuten ist: Beim nächsten Feldschiessen wird Sarah Hornung zwischen dem Pulverdampf der gestandenen Schützen sicher aufregende Geschichten zu erzählen haben.

Der Bund

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