Zum Hauptinhalt springen

Leicht und doch ein Schwergewicht

Jeannine Gmelin gewinnt als erste Schweizerin in einer olympischen Ruderbootsklasse eine WM-Medaille – und gleich Gold.

MeinungMarco Keller
Geschafft – auch im wichtigsten Rennen der Saison blieb die Ustermerin Jeannine Gmelin unbesiegt.
Geschafft – auch im wichtigsten Rennen der Saison blieb die Ustermerin Jeannine Gmelin unbesiegt.
Erik S. Lesser, Keystone

Schon am Samstag hatte Jeannine Gmelin verlauten lassen, sie sei mit der Saison und der WM in Florida sehr zufrieden. Unabhängig vom Ausgang des Final­tags. Die Erfahrungen und die Zusammenarbeit mit Cheftrainer Robin Dowell, so Gmelin, seien mehr wert als jeder Rang oder jede Medaille.

Tief­stapelei à la Rafael Nadal oder einfach realistische Einschätzung ihrer eigenen Situation? Letzteres. Für Gmelin ist der Weg nach wie vor das Ziel. «Das ­Erfolgsmoment ist so kurz», hatte sie letztes Jahr im «Tages-Anzeiger» gesagt, «ein paar Sekunden, ein paar Minuten, vielleicht ein Tag, maximal zwei Wochen. Verglichen mit all den Trainingsstunden ist das nichts.»

Sie sagte aber auch, sie sei äusserst zuversichtlich für den Skiff-Final. Verständlich, war sie doch in diesem Jahr noch ungeschlagen. Sie gewann sowohl beim Weltcupauftakt in ­Belgrad als auch beim Finale auf dem Rotsee, und in Florida untermauerte sie ihre Favoritenstellung mit der jeweils besten Zeit aller Vorläufe respektive Halbfinals. Und so war es denn nur logisch, dass sie gestern kurz nach 11 Uhr Ortszeit ihren bislang grössten Erfolg bejubeln konnte.

Der Mini-Luxus

Mit ihr darf sich die ganze Schweizer Rudergemeinde freuen und der Schweizer Sport generell. Gmelins Entwicklung ist disziplinenübergreifend beispielhaft, kaum jemand trotzt Widerständen so aktiv wie sie. Von den körperlichen Voraussetzungen her dürfte sie mit 170 Zentimetern Grösse und 69 Kilogramm Gewicht gar nicht in der Hauptklasse rudern. Ihre Konkurrentinnen sind zwischen 10 und 20 Zentimeter grösser und verfügen über ganz andere Hebel.

Seit ihr der damalige Nationaltrainer Simon Cox 2013 eröffnet hatte, sie sei nicht gut genug, ging es nur noch aufwärts. 2014 war sie noch im Bereich von Platz 15 der Weltrangliste, schon 2015 schaffte sie den Sprung in die Weltelite, es folgten fünfte Plätze an der WM 2015 und ein Jahr später an Olympia in Rio. Dies auch dank den nachfolgenden Trainern: Unter dem Australier Tim Dolphin machte sie gewaltige Fortschritte, noch lieber arbeitet sie mit Dowell.

Einige hören nach Olympischen Spielen auf, andere legen ein Zwischenjahr ein, Dritte experimentieren in neuen Bootsklassen. Nicht aber Gmelin, sie nahm direkt Tokio 2020 ins Visier. Verlegte ihren Lebensmittelpunkt wieder nach Sarnen, wo sie allein auf dem Wasser zwischen 22 und 27 Stunden pro Woche trainiert, auf 17 Einheiten verteilt. Immerhin kann sie sich neu dank ihrem Status als Zeitsoldatin bei der Armee und der Schweizer Sporthilfe einen Rückzugsort in Form einer kleinen Wohnung leisten. «Ich bin 27, ich brauche das», sagt die Ustermerin, glücklich über diesen Mini-Luxus in Form von gestiegener Privatsphäre.

Mehr braucht sie nicht. Sie ist Profi durch und durch, immer darauf bedacht, noch ein paar Prozent heraus­zukitzeln. So versorgte sie in den WM-­Tagen die Schweizer Medienschaffenden mit Informationen via Whatsapp-Chat – zuverlässig, informativ und für sie ideal, um sich nicht zu verzetteln.

Starkes Schweizer Team

Mit sieben Booten war die Schweiz nach Sarasota in Florida gereist und mit ehrgeizigen Zielen, durchaus legitim nach 13 Podestplätzen an Weltcups und Europameisterschaften. Die Vorgabe von einer Medaille, einem zweiten A-Final-Platz und zwei weiteren Finalklassierungen wurde übertroffen. Patricia Merz und Michael Schmid verpassten die Medaille als Vierte im leichten Einer knapp, die WM-Neulinge im leichten Doppelvierer um die Zürcher Fiorin Rüedi und Pascal Ryser rechtfertigten mit Platz 5 ihre Nach­nomination hundertprozentig, einzig Nico Stahlberg im Skiff und Roman Röösli/Barnabé Delarze im Doppelzweier blieben unter den Erwartungen.

Im Vierjahreszyklus ist damit die erste Etappe beendet. Und die zweite, mit dem Saisonhöhepunkt der WM 2018 in Bulgarien, wird nicht weniger intensiv. Alle bisherigen Kaderathleten müssen die letzten Schritte bestätigen, dahinter drängen Junge nach wie die Zürcher U-23-WM-Zweite Pascale Walker, und es stellt sich die Frage, ob das Rio-Goldquartett im Leicht­gewichtsvierer noch einmal vom ­Ehrgeiz gepackt wird. Von ihm sprach in dieser Saison niemand. Nichts verdeutlicht die Fortschritte der ­anderen besser.

Zu gut für Spannung

Erwartet hatte Jeannine Gmelin einen ­engen Final, doch den liess sie dann nicht zu. Nach 500 m auf Platz 4 liegend, übernahm die Olympiafünfte von Rio auf dem zweiten Streckenviertel die Führung und zog kontinuierlich davon. Das Ziel erreichte sie 1,92 Sekunden vor Victoria Thornley (GBR), Dritte wurde Magdalena Lobnig (AUT).

Gmelin zog ihren Rennplan auf der Bahn 6 perfekt durch, sie liess sich nicht ablenken, als Lobnig vom Start weg los-powerte. Das war wichtig, weil die Bedingungen mit starkem Seitenwind und extrem unruhigem Wasser sehr schwierig waren. Gmelin sprach von einem ihrer «herausforderndsten Rennen».

2017 ungeschlagen, blickt sie auf eine resultatmässig perfekte, aber nicht problemlose Saison zurück. Wegen einer Rippenverletzung musste sie auf die EM und einen Weltcup verzichten. Verbandsdirektor Christian Stofer attestiert Gmelin aber einen «eisernen Willen». Und er sagt: «Dieser Titel ist für uns unglaublich viel wert, auch von der Symbolik her.» Es ist das fünfte WM-Gold für die Schweizer Ruderer in einer olympischen Disziplin und das 15. insgesamt.

Gmelin gönnt sich nun erst einmal ­Ferien in Kanada, wo sie nicht nur reisen wird, sondern sich auch im Nirgendwo von den Strapazen erholen will. Mitte Oktober bestreitet sie in Boston ein ­Achterrennen, an dem sie mit ihren Konkurrentinnen im gleichen Boot sitzen wird. Danach geht es wieder los mit der Vorbereitung – schliesslich sind die Olympischen Spiele 2020 in Tokio ihr grosses Ziel. (SDA)

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch