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In 8,36 Sekunden zur riesigen Erleichterung

Noemi Zbären ist zurück – am LCZ-Hallenmeeting sprintete sie nach langer Zeit wieder über die Hürden. Sehr schnell.

«Ich kann es noch»: Noemi Zbären hat sich auch draussen intensiv auf ihren Start in die Hallensaison vorbereitet.
«Ich kann es noch»: Noemi Zbären hat sich auch draussen intensiv auf ihren Start in die Hallensaison vorbereitet.
Andreas Blatter

Noemi Zbären hat sich aufs Bänkli gesetzt, lehnt entspannt an die kalte Betonwand, die letzten Athletinnen und Athleten verlassen die Sprintbahn im Untergeschoss des Letzigrundstadions. Es ist Abend geworden, das Hallenmeeting des LCZ ist zu Ende, und die 24-Jährige benennt ihre Rückkehr in die Startblöcke gleich mehrfach.

«Der Neuanfang.»

«Ein Meilenstein.»

«Ein Zwischenziel.»

«Der offizielle Startschuss.»

Zbären hat schwierige Jahre hinter sich. Wäre die Hürdensprinterin aus dem Emmental im Sommer zurückgetreten, hätte sich niemand darüber gewundert. 2016 Kreuzbandriss, 2017 Muskelfaserriss, 2018 dasselbe am anderen Oberschenkel. Dysbalancen im Hüftbereich. Ihr letzter Wettkampf liegt eineinhalb Jahre zurück, ihr grösster Erfolg über drei Jahre: herausragende WM-Sechste in Peking.

Aber: Zbären ist jung, und sie sagt, es habe genügend Gründe gegeben, noch einmal einen Anlauf zu nehmen. «Ich mache das schon so lange, und ich mache es leidenschaftlich gerne.» Für diesen Neuanfang habe sie die letzten vier Monate gearbeitet, physisch, mental, für diesen Meilenstein oder offiziellen Startschuss in eine Art zweiten Karriereteil.

Schmerzvolle Trennung

Zbären ist radikal vorgegangen. Als ihr im Sommer klar wurde, dass sie den Neuanfang wollte, war ihr auch klar, dass sie mit ihrer Vergangenheit abschliessen musste. «Sonst hätte ich mit den gleichen Menschen weiterhin über die gleichen Themen diskutiert», sagt sie. Mit «den gleichen Menschen» meint sie in erster Linie ihre Trainer Gabi und Stefan Schwarz sowie Ueli Lehmann zu Hause im SK Langnau.

Zbären wusste: Sie musste ganz von vorn anfangen, Gewohnheiten ablegen, neue Wege suchen. Es wurde eine schmerzvolle Trennung, «denn sie alle haben mich sehr weit gebracht». WM-Silber bei der U-18, WM-Silber bei der U-20, später U-23-Europameisterin. Aber der Abschied wurde unumgänglich, weil Zbären «gewisse Hemmungen» ihr gegenüber spürte. Nicht zu sehr, nicht zu viel, nicht wieder verletzen.

Dann sagt Zbären energisch, dass die Trennung für ihren Kopf gewesen sei. Abschliessen – sie habe viel gelernt dabei.

«Feststellen, dass nichts wehtut.»

«Fühlen, dass ich es noch kann.»

«Froh sein, dass die Trennung nun für alle stimmt.»

Während sie mit ihrem Master in Mikrobiologie und Immunologie weiter an der Uni Bern forscht, trainiert sie mittlerweile an verschiedenen Orten: in Zürich, Stuttgart, aber auch in Bern. Der holländische Sprinttrainer Henk Kraaijenhof schreibt die Pläne und betreut sie mit der LCZ-­Trainerin Maggie Mantingh im Letzigrund; zum deutschen ­Hürdenexperten Sven Rees, der auch die Schweizer Rekordhalterin Lisa Urech einst anleitete, reist sie jedes zweite Wochen­ende. «Und alles, was ich allein machen kann wie beispiels­weise das Ausdauertraining, das mache ich in Bern», sagt sie.

«Ich bin reifer geworden»

Und jetzt ertönt der Startschuss. 60 m Hürden. Sie schiesst aus dem Startblock, sprintet und überquert die Hindernisse, als wäre nie etwas gewesen. Zbären sagt, die Zeit sei zweitrangig. Dass es die 8,36 Sekunden dennoch nicht sind, verraten danach ihre Gesichtszüge, ihre Freude, das Abklatschen mit dem Trainer. Überraschend ist auch Gabi Schwarz zu diesem ersten Rennen im zweiten Karriereteil gekommen. «Das hat mich mega gefreut. Wir reden auch über die Trainingspläne. So stimmt es jetzt für beide Seiten, darüber bin ich sehr froh», sagt sie.

Überhaupt: diese Erleichterung nach zwei verpassten Saisons. Und dann, ganz schnell die entscheidende Erkenntnis: «Ich kann es noch.» Es ist Zbärens schnellster Start in eine Hallensaison, und ihr Rekord liegt nur wenig tiefer, bei 8,11. Das Schwierigste auf dem Weg zurück sei die mentale Beanspruchung gewesen, sagt sie. Aber diese Arbeit sehe ja niemand.

Und fragt man sie, wie sie sich verändert habe, als der Sport nur noch eine Nebenrolle spielte, sagt sie sofort: «Ich bin reifer ­geworden. Mir ist viel weniger wichtig, was andere denken.» Sie habe so viel Zeit mit sich selber verbracht, niemand verstehe wirklich, wie es einem in einer solchen Situation gehe.

Und jetzt ist erstmals wieder das Adrenalin geflossen. Sie sagt: «Sport ist einzigartig. Man kann sich freuen, wie nirgends sonst. Aber man kann auch traurig sein, wie nirgends sonst.»

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