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Im Spitzenhandball ist Feuern gerade ziemlich in

Erfolg oder Entlassung: Zeit hat ein Trainer auch in dieser Sportart nicht mehr.

Christian Prokop führte die deutsche Handball-Nationalmannschaft an der EM auf Rang 5. Trotzdem musste er gehen.
Christian Prokop führte die deutsche Handball-Nationalmannschaft an der EM auf Rang 5. Trotzdem musste er gehen.
Ole Martin Wold, Keystone

Das Wort «Geduld» hatte hier noch Gewicht. Ein Team im Handball aufzubauen, dafür durfte sich ein Trainer schon einmal Langfristigkeit ausbedingen. Ein Nationaltrainer noch mehr. Da wird gerne im olympischen Vierjahres-Zyklus gerechnet. Wie in der Schweiz, wo Michael Suters Kontrakt noch vor der EM 2020 um vier Jahre verlängert wurde. Wenn am Montag-Abend aber die Playoff-Paarungen ausgelost werden, in denen um die Teilnahme an der WM 2021 in Ägypten gekämpft wird, sind erstaunlich viele neue Coaches interessierte Zuschauer, die noch im Januar nur Zaungäste waren.

Deutschlands Ansprüche an das eigene Team sind dermassen realitätsfremd, dass der fünfte EM-Rang, eigentlich ein gutes Ergebnis war.

Denn gerade diese Europameisterschaft in Schweden, Norwegen und Österreich sorgte für bisher ungewohnten Aktionismus bei den Trainern. Didier Dinart war noch 2018 vom internationalen Handball-Verband als Coach des Jahres ausgezeichnet worden, zwei Jahre später wurde er entlassen. Der 14. EM-Rang war für Frankreich eine Katastrophe. Die Mannschaft, die in den letzten 20 Jahren mit erdrückender Regelmässigkeit um Medaillen gekämpft hatte, musste schon nach drei Partien die Heimreise antreten. Platz 14 an der EM – das ist zwei Ränge, aber keinen Punkt besser als die Schweiz. Am 28. Januar war Dinarts Ende Tatsache. Guillaume Gille, Assistent des ehemaligen Abwehr-Haudegens, wurde sein Nachfolger, ihm zur Seite steht Erick Mathé, der weiterhin Chambéry trainiert und damit Coach des Schweizer Goalies Nikola Portner wird (und schon von Lukas von Deschwanden ist).

Deutschlands Ansprüche an das eigene Team sind dermassen realitätsfremd, dass der fünfte EM-Rang, eigentlich ein gutes Ergebnis für die Qualität dieser Auswahl, Grund für die Absetzung des Bundestrainers Christian Prokop war. Nachdem vorher noch betont worden war, mit diesem Mann weiter zu machen, kam am 6. Februar der Schnitt. Eingeleitet vom Paradiesvogel im Verband, von Vizepräsident Bob Hanning, der vor allem wegen seiner schrillen Outfits auffällt. Die Jugend wurde ersetzt durch Routine, es übernahm der 60-jährige Isländer Alfred Gislason.

Es ging vor allem im Osten mit den gewohnten Reaktionen weiter. Dort heisst es nicht Entlassung, sondern Rücktritt. Sergei Bebeschko trat nach dem 19. EM-Rang der Ukrainer ab, ebenso Eduard Kokscharow in Russland. Platz 22 war das schlechteste Ergebnis seit langem. Nenad Perunicic machte danach auch in Serbien (EM-20.) den Platz frei für einen anderen Mann.

Die neue Bundesliga-Nervosität

Russland muss für die WM 2021 im April in die Vorplayoffs – und profitierte bei der Nachfolgeregelung von der neuen Nervosität in Deutschlands Bundesliga. Dort, wo immer mehr Geld involviert ist und der Erfolg immer schneller in Form von Resultaten sichtbar sein muss, wurde der Februar, kaum hatte die Rückrunde begonnen, zum Monat des Feuerns. Die Berliner Füchse, mit dem früheren Handball-Revoluzzer Stefan Kretzschmar im Sportvorstand, entliessen Velimir Petkovic (63). Der hat nun in Russland einen Vierjahresvertrag unterschrieben.

Es folgten Andy Schmids Rhein-Neckar Löwen. Der Islander Kristjan Andrésson musste im ersten von vorgesehen drei Amtsjahren vorzeitig gehen. Fündig wurden die Löwen wie die Füchse bei früheren «Helden» des deutschen Handballs. In Berlin ist Michael Roth, in Mannheim Martin Schwalb in der Verantwortung. Beide waren sie deutsche Nationalspieler, als die Schweizer dem grossen Nachbarn noch das eine oder andere Bein stellten und die Bundesliga noch weit weg vom heutigen Renommee war.

Selbst den Handball-Trainern geht die Zeit aus.

Drei Wochen reichten

In Melsungen war der frühere Kriens-Trainer Heiko Grimm nicht mehr gut genug. Im Club, in dem der Schweizer Roman Sidorowicz noch bis Saisonende unter Vertrag ist, hilft der isländische Nationaltrainer Gudmundur Gudmundson aus. Einen Rekord, auf den er nicht stolz sein kann, hält ein Bundesligist aus der unteren Tabellenregion. Beim HC Erlangen ist bereits der dritte Trainer am Werk. Der Isländer Adalstein Eyjolfsson, auf den die Schaffhauser Kadetten in den nächsten zwei Jahren setzen, wurde durch den früheren Schweizer Nationaltrainer Rolf Brack ersetzt. Doch der Mann mit dem Doktortitel war nach drei Wochen seinen Aushilfsjob schon wieder los, die Resultate stimmten nicht. Nun ist mit Michael Haass sogar ein Spielertrainer im Amt. Das hat eigentlich reichlich wenig mit einer Profiliga zu tun. Aber steht definitiv für die Tatsache: Selbst den Handball-Trainern geht die Zeit aus.

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