«Ich werde in Rio die Fitteste sein»

Triathlon-Olympiasiegerin Nicola Spirig ist nach verheiltem Handbruch bereit für das Olympiarennen in vier Wochen. Sie sagt, dass sie eine andere Athletin geworden sei

Die 34-jährige Nicola Spirig läuft bei den Olympischen Spielen in Rio um die Goldmedaille. Foto: Sabina Bobst

Die 34-jährige Nicola Spirig läuft bei den Olympischen Spielen in Rio um die Goldmedaille. Foto: Sabina Bobst

Nicola Spirig, war der Züri-Triathlon Ihr letzter Wettkampf vor den Olympischen Spielen, wo Sie am 20. August starten?
Vielleicht laufe ich noch ein 3000-m-Rennen, und falls ich das Gefühl habe, ich müsste die Wechsel noch einmal üben, gäbe es in St. Moritz bei einem Triathlon über die Sprintdistanz Gelegenheit dazu.

Ist jetzt, vier Wochen vor dem Saisonziel, die Zeit gekommen, in der Sie Trainer Brett Sutton bremsen muss, damit Sie nicht mehr zu viel machen?
Nein. Wir werden in den nächsten zwei, drei Wochen noch viel trainieren, erst in Rio werde ich nicht mehr viel machen. Ich bin nicht wie vor vier Jahren in London lange auf dem Formhöhepunkt, sondern habe jetzt eine ansteigende Form und will an den Spielen dann top-top sein.

Wann reisen Sie nach Brasilien?
Am 17. August.

So knapp?
Ja, das ist drei Tage vor dem Wettkampf.

Haben Sie damit gute Erfahrungen gemacht?
Ja, 2015 war es genau gleich bei den European Games in Baku (wo sie gewann und sich die Olympiateilnahme sicherte, Anm. der Red.). Für mich gab es zwei Möglichkeiten: lange vorher nach Brasilien reisen und noch ein Trainingslager absolvieren oder eben so. Etwas zwischendrin bringt nichts, weil wir im olympischen Dorf nicht trainieren können. Zudem frisst der Aufenthalt im Dorf vor dem Wettkampf sehr viel Energie und ist mit vielen Emotionen verbunden. Das will ich nicht. Lieber reise ich knapp an, es sind fünf Stunden Zeitunterschied, der Wettkampf beginnt um 11 Uhr morgens, das wäre in der Schweiz 16 Uhr nachmittags – also perfekt. Und akklimatisieren muss ich mich bei 21, 22 Grad auch nicht.

Vor der Saison haben Sie sich sicher vorgestellt, wo Sie mit Ihrer Form sein wollen Ende Juli. Haben Sie das erreicht? Mit dem Handbruch Anfang März kam die Planung durcheinander. Die Hand ist nun zwar wieder gut, aber es war ein grosser Einschnitt. Ich habe in dieser Saison ganz andere Wettkämpfe bestritten, als ich sie vorgesehen hatte. Dass ich sehr knapp vor den Spielen erst die Höchstform erreiche, anders als vor London, das war immer so geplant. Und es sieht gut aus. Ich bin immer fitter geworden in den letzten Wochen, und ich hoffe, dass ich dann in Rio auf dem absoluten Höhepunkt sein werde.

Wie fühlt es sich an, diese eigenen Anforderungen erfüllt zu haben? Ich bin stolz auf das, was wir mit dieser Vorgeschichte in den vergangenen Wochen und Monaten geleistet haben. Es war keine einfache Situation, es wäre ohnehin keine einfache Vorbereitung gewesen mit Familie, mit allen Verpflichtungen als Olympiasiegerin. Mit dem Unfall wurde es aber noch schwieriger. Aber ich glaube, wir haben einen super Job gemacht.

Wie haben Sie es psychologisch geschafft, nach dem Unfall Ruhe zu bewahren? Ich habe keine professionelle Hilfe von aussen beansprucht, aber das Umfeld ist natürlich extrem wichtig in einem solchen Moment. Dass alle Ruhe bewahren, nicht nur mein Trainer, auch alle anderen. Und dass sie mir alle vertraut haben, dass ich das Beste daraus mache. Mental war das nicht einfach. Ich musste alles kurzfristig machen, es hätte vieles falsch laufen können, es war eine dreistündige Operation, nach der ich 3 Platten und 23 Schrauben in der Hand hatte. Da war alles gebrochen. Es war schwierig für mich, Schritt für Schritt zu gehen, wenn man in Rio in Topform dastehen will.

Ist die Hand jetzt noch ein Thema? Nein, ich bin jetzt so weit, dass ich nicht mehr daran denke. Auch vom Kopf her habe ich nun das Vertrauen, dass sie hält. Aber das war auch ein weiter Schritt bis hierher.

Sie kennen den Schmerz aus dem Wettkampf und jenen von Verletzungen. Wie lassen sich diese vergleichen? Es sind zwei völlig unterschiedliche Empfindungen. Den Schmerz im Wettkampf kann ich selber steuern, den füge ich mir ja quasi selber zu. Sobald ich ein wenig langsamer fahre oder laufe, ist er weg. Beim Verletzungsschmerz jedoch muss ich sehr gut in meinen Körper hineinhören und abschätzen, wie ich noch trainieren kann, damit ich ihm keinen Schaden zufüge. Wie viel ist noch möglich, oder was kann ich alternativ machen, damit es doch noch heilt. Für eine Athletin ist dies viel schwieriger, weil man nicht direkt auf das Ziel hinarbeiten kann. Beim Wettkampfschmerz hingegen weiss ich genau, woher er kommt und dass er vergeht, wenn ich stillstehe.

Sind Sie die bessere Athletin als vor dem Olympiasieg? (zögert) Ja, Brett Sutton sagt Ja. Ich bin ganz sicher eine andere Athletin geworden, darum war auch die Vorbereitung eine andere.

Wo und wie haben Sie sich verbessert? Ich bin vier Jahre älter, habe mehr Erfahrung, ich habe einen anderen Körper – auch durch die Geburt. Ich bin muskulöser als in London. Ich habe schnellere Trainingszeiten in allen drei Disziplinen. Ob ich das in Rio zeigen kann, ist eine andere Frage, weil es ein ganz anderes Rennen wird als 2012. Wenn es ein Rennen wäre wie hier in Zürich, jeder für sich ohne Windschattenfahren, würde ich besser abschneiden als vor London. Ich glaube, ich würde gewinnen.

Was erwarten Sie in Rio? Es kann viele Rennkonstellationen geben, und ich muss auf viele Situationen gefasst sein. Ich werde viele verschiedene Pläne haben, ich bin in allen drei Disziplinen sehr, sehr fit, ich werde die Fitteste sein im Feld.

Im Laufbereich haben Sie Ihre Bestzeiten von den 3000 m bis zum Marathon stetig verbessert. Haben Sie dort so viel investiert, weil Sie die Entscheidung wieder im Laufen erwarten? Nein, in den vergangenen Wochen habe ich am meisten auf dem Rad gearbeitet (die Radstrecke in Rio ist sehr anspruchsvoll, Anm. der Red.) und im Schwimmen die Fitness für alle drei Disziplinen geholt. Im Laufen habe ich gar nicht so viel gemacht. Aber für die Öffentlichkeit sind meine Fortschritte dort am offensichtlichsten, weil die verbesserten Zeiten bekannt sind. Den Fokus, den ich mit der EM-Teilnahme im Marathon aufs Laufen legte, hatte schon zum Ziel, dass ich mich läuferisch verbessere. Das ist aufgegangen, man hat mich zwar ein bisschen komisch angeschaut, aber letztlich war es richtig. Ich war sehr vielseitig in den letzten Jahren, deshalb glaube ich, konnte ich meinen Körper noch einmal weiterentwickeln.

Sie sind bereits Olympiasiegerin, ist das ein Vorteil, wenn es in Rio darum geht, ob Sie sich an einem gewissen Punkt für die risikoreiche Alles- oder-nichts-Taktik entscheiden müssen? Ja, genau so sehe ich es. Sicher ist es schwieriger, einen Olympiasieg zu verteidigen als erstmals Gold zu gewinnen. Aber ich sehe es als Vorteil. Wenn es dann darum geht, Vierte zu werden oder eine Medaille zu gewinnen, kann ich mir sagen: Gold habe ich schon, ich setze voll auf Risiko. Ich werde das Rennen auch so angehen, ich werde nicht warten, bis mir vielleicht jemand hilft auf dem Rad. Ich werde zufahren. Entweder bin ich genug stark und hole die Medaille, und sonst habe ich zumindest alles versucht.

Kann auch Bronze erfüllend sein? Ja, ich glaube, es wird ein sehr schwieriges Rennen, und unter Umständen bin ich sogar mit einem fünften Rang zufrieden. Ich will einfach alles geben und alles Risiko nehmen, das ich nehmen muss, um möglichst viele Gegnerinnen zu schlagen.

Bald nach Ihrem Olympiasieg sind Sie Mutter geworden. Wie hat das den Trainingsalltag und die Sportkarriere verändert? Den Alltag hat es sehr beeinflusst, fast mehr, als es die Goldmedaille tat. Eine Familie zu haben, ist etwas sehr Spezielles, etwas ganz anderes, etwas Wunderschönes. Ich glaube, auch das hat mich zu einer besseren Athletin gemacht. Weil ich flexibler sein muss, aber vor allem, weil ich gelernt habe, dass es noch ganz anderes und viel Wichtigeres gibt im Leben.

Hat es etwas relativiert? Genau. Es verändert die Prioritäten, die Familie hat erste Priorität. Ich werde nach dem Rennen in Rio ins Hotel gehen, und Yannis (der gut 3-jährige Sohn, Anm. der Red.) kommt es nicht drauf an, ob ich Gold mitbringe oder ob ich 34 geworden bin. Er wird mich dann fragen, ob ich nun endlich Zeit habe, mit ihm zu spielen. (lacht)

Was weiss Yannis über seine Mutter? Er weiss, dass der Sport mein Beruf ist, das musste er aber lernen. Wir haben das Riesenprivileg, dass er mit seinem Vater sehr viel Zeit verbringen kann und mit mir, als 100 Prozent arbeitender Mutter, nochmals viel. Er hat uns beide sehr viel, er musste aber auch lernen, dass ich mindestens dreimal pro Tag weggehe. Da fragt er schon ab und zu, wieso ich nun schon wieder trainieren muss. Er sagt dann: Du bisch ja scho guet, du bisch ja scho di Bescht. Er versteht nicht, was Olympische Spiele sind, das muss er auch nicht. Mir ist nur wichtig, dass er versteht, dass ich wie andere Eltern arbeiten gehen muss. Aber wir haben das Riesenglück, dass wir im Gesamten länger zusammen sein können als andere Familien. Das geniessen wir auch.

Das Zika-Virus prägt das Vorfeld der Spiele, haben Sie Bedenken deswegen? Ja, das war ein grosses Thema, vor allem, weil es auf gewisse Fragen noch keine Antworten gibt. Wir wurden darüber informiert, als es noch nicht offiziell war. Ich hatte durch den Verbandsarzt immer Kontakt mit Experten, weil wir irgendwann noch mehr Kinder möchten. Die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung liegt bei 1:500 000, wir werden alles dafür tun, dass wir uns nicht anstecken. Und wir werden uns nach Rio auch testen lassen.

Rio sind Ihre vierten Spiele, wie sieht Ihre Planung darüber hinaus aus? Wie es nach Rio aussieht, ist noch nicht ganz konkret. Im Sport gibt es für mich noch viele spannende Aspekte, Langdistanz-Triathlon, möglicherweise gibt es eine neue Serie, die beides, Kurz- und Langdistanz, beinhaltet, ich habe noch nicht entschieden, was ich mache. Und wie gesagt, wir möchten auch noch mehr Kinder.

Das tönt danach, dass Sie dem Triathlon treu bleiben und nicht auf Marathon umsteigen? Leichtathletik? Längerfristig nein, es kann gut sein, dass ich wieder einmal einen solchen Fokus lege, aber ich bin im Marathon und auch in den kürzeren Distanzen beschränkt. Ich werde dort nie zu den Besten der Welt gehören, vom Körperbau her und von dem, was ich an Kilometern trainieren kann. Das weiss ich, das ist ein Fakt. Es ist spannend, aber es ist nicht das, worauf ich mich konzentriere – ausser ich sage, dass ich in einer Laufdisziplin an die Spiele will. Aber das ist sehr weit weg. Rio werden jedenfalls meine letzten Olympischen Spiele im Triathlon sein.

Sie sind 34, gibt es Dinge, auf die Sie sich freuen, wenn der Sport einmal eine weniger wichtige Rolle spielt? Ja. Diese Wochen jetzt sind schon sehr fokussiert aufs Training. Aber das heisst eben nicht nur Training, sondern ich brauche auch mehr Erholung, ich habe weniger Zeit für die Familie. Wenn man in Topform sein will, muss man auch sehr viel investieren. Ich freue mich auf jeden Fall, dass der Fahrplan nach Rio einmal nicht mehr so strikt ist. Dass ich den Tag wieder einmal etwas anders planen kann, mehr für die Familie da sein kann. Momentan hat nicht mehr viel Platz neben dem Sport.

DerBund.ch/Newsnet

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