«Es hiess: ‹Du machst das!›, und es gab keine Widerrede»

Die frühere Spitzenturnerin Ariella Kaeslin ist schockiert vom Missbrauchsskandal in den USA. Trotzdem würde sie ihr Kind turnen lassen.

Über 140 Mädchen soll Larry Nassar missbraucht haben. Im Bundesstaat Michigan steht er vor Gericht. Video: Tamedia

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Beklemmend, schmerzhaft, aufwühlend – es ist ein spektakulärer zweiter Prozess im Missbrauchsskandal im US-Turnsport gegen Larry Nassar. Über 100 Opfer des früheren Chefarztes des Turnverbandes USA Gymnastics sagten in der vergangenen Woche vor Gericht im Bundesstaat Michigan aus. An mehr als 140 Mädchen und Frauen soll sich Nassar im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte vergangen haben. Spätestens am Dienstag wird das Urteil erwartet.

Die Turnerinnen geben dem Landesverband eine Mitschuld an den Missbräuchen. «Hätte uns in all den Jahren nur ein einziger Verantwortlicher zugehört, wäre all das nicht passiert», sagte die dreifache Olympiasiegerin Aly Raisman in einem bemerkenswerten Auftritt klar und deutlich: «Larry, du hättest schon vor langer, langer Zeit weg­gesperrt werden sollen.»

Ariella Kaeslin, wie reagierten Sie auf die Nachricht der Missbräuche im derart grossen Stil?

Ich war schockiert. Es passt nicht zu dem, was die amerikanischen Turnerinnen ausstrahlen: Sie wirken überhaupt nicht eingeschüchtert, sind richtige Strahlefrauen. Wenn ich vergleiche mit den chinesischen oder russischen Turnerinnen, ist das ein riesiger Unterschied. Doch offenbar haben die Amerikanerinnen die ganze Zeit ein falsches Bild gegen aussen transportiert.

Haben Sie je von Missständen im US-Turnteam gehört?

Die Amerikanerinnen traten stets gut ­gelaunt auf – wie es dem Klischee entspricht –, doch ich wusste, dass sich dahinter harte Trainingsmethoden verbargen. Aber dass so ­etwas ans Licht kommen würde, hätte ich nie erwartet. Es muss für die Betroffenen eine riesige Erleichterung sein, endlich mit dem Versteckspiel aufzuräumen.

Viele US-Turnerinnen wurden auf der Ranch von Marta Karolyi trainiert, wo sehr harte Trainingsmethoden vorherrschten. So sei es für Nassar ein Leichtes gewesen, mit kleinen Zuwendungen ihr Vertrauen zu gewinnen.

Marta Karolyi war, wie soll ich sagen, als sehr spezielle Persönlichkeit bekannt. Mir war sie nicht sympathisch. Sie trat sehr ­bestimmend auf. Sobald sie die Turnhalle betrat, waren alle eingeschüchtert. Wir machten immer gleich den Boden frei, damit die Amerikanerinnen ihr Einturnen absolvieren konnten.

Wie ging Karolyi mit den eigenen Turnerinnen um?

Dominant. Es hiess: «Du machst das!», und es gab keine Widerrede. Aber ich habe nie gesehen, dass sie herumgeschrien hätte. Es war wohl nach aussen eine heile Welt, doch hinter den Kulissen ging es hart zu und her. Als die Amerikanerinnen einmal bei uns in Magglingen im Trainingslager waren, verboten ihnen die Trainer zu weinen. Wir ­beobachteten, wie sich die Turnerinnen ­abwendeten oder ihr Gesicht mit der Hand bedeckten, wenn sie trotzdem Tränen in den Augen hatten.

Haben Sie bei den chinesischen und russischen Turnerinnen ähnliche Szenen beobachtet?

Ich hatte den Eindruck, in den russischen und chinesischen Teams ist der Umgang mit den Turnerinnen noch härter. Aber dort wird das nicht einmal zu verstecken versucht. Bei den Amerikanerinnen geschah offenbar dasselbe, einfach hintenrum. Ich dachte immer – das war vielleicht naiv –, die Amerikanerinnen würden hart arbeiten, weil sie so grosse Freude am Turnen hätten und den Erfolg um jeden Preis wollten. Aber offenbar wurde auch mit ihnen brutal umgegangen.

«Ich hatte nie den
Eindruck, ich sei
vom Trainer aus
sexuellen Motiven
angefasst worden.»

Trotzdem wagte es keine der Turnerinnen, sich jemandem anzuvertrauen.

Im Kunstturnen wird der Athlet extrem unterdrückt. So kann eine Kultur des Schweigens erst entstehen. Der Turnerin wird eingetrichtert: Du bist jung, hast nichts zu ­sagen, musst dich fügen. Man wächst da rein, und am Ende denkt man, das müsse so sein.

Kann sich eine 16-jährige Turnerin überhaupt gegen einen Trainer wehren?

Kaum. Stellen Sie sich vor, Sie wären eine junge Turnerin und hätten die Chance, für die USA an einer WM oder Olympischen Spielen teilzunehmen. Da fügt man sich, sonst fliegt man aus dem Kader. Man hat als 16-Jährige nicht die Reife, sich zu wehren.

Sind Erfolge im Turnsport ohne Drill überhaupt möglich?

(Überlegt) Turnen ist eine Kindersportart. Auf der einen Seite braucht man als junge Turnerin jemanden, der einen führt. Auf der anderen Seite muss man schon früh extrem selbstständig sein. Und doch ist man nicht in der Lage, Missstände zu durchschauen und sich dagegen zu wehren. Man ist machtlos. Will jemand nicht mehr, heisst es: «Dort ist die Tür. Die nächste Turnerin wird deinen Platz mit Handkuss nehmen.»

Einen harten Konkurrenzkampf gibt es überall an der Spitze.

Das stimmt. Aber verbunden mit der Tat­sache, dass im Turnen die Athletinnen extrem jung sind, führt das zu einem Klima, in dem Missstände wuchern können.

Was braucht es, um an die Öffentlichkeit zu gehen? So wie es nun die Amerikanerinnen taten – oder wie Sie und Ihre Teamkolleginnen 2007, als Sie sich gegen den damaligen Nationaltrainer Eric Demay auflehnten.

Ich möchte das, was ich erlebt habe, nicht mit den Vorfällen im US-Turnen vergleichen. Bei uns ging es um emotionalen Missbrauch, nicht um sexuellen. Aber ich sehe ähnliche Muster: Machtlosigkeit und Abhängigkeit gegenüber Verband und Trainer.

Was braucht es also, um sich zu wehren?

Mut. Und ein Umfeld, das einen stützt. In unserem Fall waren es die Eltern.

Trainer kommen den Athletinnen auch körperlich nahe, etwa wenn sie sie bei schwierigen Figuren stützen.

Ja, und der Übergang ist fliessend. (Überlegt.) Ich hatte glücklicherweise nie den Eindruck, ich sei vom Trainer aus sexuellen ­Motiven angefasst worden. Aber klar, wenn dich der Trainer im Handstand sichert, dann berührt er dich gezwungenermassen am Hintern. Es ist ein Dilemma: Einerseits ist man dem Trainer extrem nahe – körperlich und emotional –, andererseits ist da eine Distanz. Aus Respekt oder manchmal auch Angst. Unser Trainer (Zoltan Jordanov, Anm.) sagte jeweils, wenn wir ihm einen Witz erzählten: «He, ich bin nicht dein Kollege.»

Die US-Turnerinnen spielten der Öffentlichkeit jahrelang etwas vor. Sie kennen dieses Doppelspiel: An der EM 2011 waren Sie entkräftet und ausgelaugt, wenig später traten Sie zurück. Doch Ihre Verzweiflung merkte man Ihnen nicht an.

Wirklich?

Wir dachten, Sie seien vielleicht etwas müde, das war alles.

Ich wusste ja selber nicht genau, was das Problem war. Heute weiss ich, dass viele Sportler ähnlich am Limit sind wie ich damals.

Warum?

Als meine Biografie erschien, in der ich über meine Erschöpfungsdepression schrieb, ­erhielt ich viele Reaktionen. Bekannte Spitzensportler, die heute noch aktiv sind, ­gestanden mir, sie fühlten sich genauso ­erschöpft, sie wüssten nicht mehr weiter.

Womit kämpfen diese Sportler?

Natürlich ist die Belastung durch das Training enorm. Aber ebenso anstrengend sind die Erwartungen: Sponsoren, Medien, Trainer, Familie, Job oder Studium – obwohl man 24 Stunden am Tag rumrennt, kann man nie allem gerecht werden. Die Dimensionen werden immer grösser, finanziell und medial. Und die sozialen Medien sind aufwendiger, als man denkt: Poste ich etwas auf Instagram oder Facebook, überlege ich mir dreimal, ob keine Rechtschreibfehler drin sind.

Der bemerkenswerte Auftritt der dreifachen Olympiasiegerin Aly Raisman vor dem Bezirksgericht in Lansing. Video: Youtube

Wenn man sieht, was Sie posten – Fotos aus den Ferien, auf den Ski oder dem Velo – wirkt das ziemlich entspannt.

Das ist ja das Ziel. (lacht) Natürlich macht es Spass, aber dahinter steckt Arbeit. Bis ich ein gutes Posting mit Foto gemacht habe, dauert das bis zu einer Stunde, bis jeder Sponsor getaggt ist und so weiter. Aber die Kampagne #MeToo zeigt, dass die sozialen Medien auch eine Riesenchance sind.

Sie haben sich zur #MeToo-Debatte aber nicht öffentlich geäussert. Warum nicht?

Ich will das, was ich als Sportlerin erlebt habe, nicht mit der Debatte um sexuelle ­Belästigung oder Missbrauch vermischen. Das ist eine andere Dimension.

Fast jede Frau, egal ob Sportlerin oder nicht, ist schon mit unangemessenen Bemerkungen oder gar Berührungen konfrontiert worden.

Ich eigentlich nicht. Ich glaube, ich wurde in dieser Hinsicht verschont – zum Glück. Wenn ich eine Mail erhalte mit anzüglichem Inhalt, betrachte ich das noch nicht als ­sexuelle Belästigung.

Sie galten lange als «Schätzli der ­Nation», Medien spielten oft auf Ihr Äusseres an. Störte Sie diese Verniedlichung?

Ich spielte das Spiel mit, weil es mir schmeichelte. Und das setzt wieder Druck auf: Man meint, immer hübsch aussehen zu müssen.

Kunstturnen ist eine sehr körperbetonte Sportart, die Turnerinnen tragen knappe Dresses und sind schön frisiert und geschminkt. Ist das noch zeitgemäss?

Man kann ja keine Skihosen anziehen. Aber ja, es hat mich immer gestört. Ich behielt immer gerne kurze Hosen an über dem Turndress. Im Wettkampf ist das aber nicht ­erlaubt. Ich hätte mir oft gewünscht, mehr anziehen zu können. Turnerinnern sind ­extrem entblösst: Am Balken stehen die Kampfrichter nahe, und für manche Figuren spreizt du die Beine Vollgas gegen die Richter. Das ist unangenehm. Eine Zeit lang durften wir in Magglingen auch im Training keine Hosen tragen. Das war eine Vorgabe des Trainers Eric Demay. Keine Ahnung wieso. Ich glaube aber nicht, dass es einen ­sexuellen Hintergrund hatte.

«Wer so lange im
Spitzensport war, bleibt wohl ein bisschen
zurück. Ich habe noch zu viel Seich im Kopf.»

Und solche Anweisungen hinterfragten Sie nicht?

Doch, hinterfragt habe ich das schon. Aber wehren konnten wir uns ja nicht. Die Begründung war, wir sollten uns an Wettkampf­situationen gewöhnen. Wahrscheinlich ging es dem Trainer vor allem darum, jedes Gramm Fett zu sehen.

Regelmässig wird kritisiert, die Berichterstattung im Frauensport richte sich mehr nach dem Aussehen als nach der Leistung. Was ist Ihr Eindruck?

Ich glaube, es hängt von der Sportart ab. Im Beachvolleyball etwa kann man sich dem wohl schlecht entziehen. Aber es gibt auch immer mehr männliche Athleten, die sich über das Äussere definieren. (Überlegt) ­Vielleicht ist der entscheidende Unterschied, dass Frauen nicht wählen können, ob sie nach dem Äusseren beurteilt werden wollen. Vielleicht sollte man ihnen die Möglichkeit geben, mehr anzuziehen, wenn sie das wollen.

Nach Ihrem Rücktritt freuten Sie sich darauf, nicht mehr zu müssen, nur noch zu dürfen. Nun treiben Sie nach wie vor sehr viel Sport: Rudern, Rennen, Langlaufen, bald möchten Sie einen Iron Man bestreiten. Klingt nach Anstrengung.

Ich trainiere ohne Ambitionen. Und ich liebe Ausdauersport im Freien. Nach einer Stunde Langlaufen bin ich glücklich. Wenn ich hingegen eine Stunde in der Turnhalle trainiere, merke ich, wie ich Rückschritte mache.

Bei welcher Übung?

Beim Handstand spüre ich, wie die Handgelenke fast brechen.

Der Spagat geht noch?

Knapp.

Wie oft sind Sie noch in der Turnhalle?

Vielleicht einmal im Jahr. Manchmal packt es mich, dann muss ich zu Hause schnell den Handstand machen. Aber als Zuschauerin bin ich gerne live an Turnwettkämpfen, das letzte Mal beim Swiss Cup im November.

Wann drückt der Wettkampfgeist von früher durch? Können Sie nach einer halben Stunde rennen sagen: Heute fühle ich mich nicht gut, ich höre auf?

Wenn früher die Sportuhr 9,5 Kilometer ­anzeigte, musste ich die 500 Meter noch laufen. Heute ist mir das egal. Ich musste mir das bewusst antrainieren.

Ihr grösster Erfolg: Ariella Kaeslin gewinnt an der WM 2009 in London Silber am Sprung. Video: Youtube

Und Sie können tatsächlich bei 9,9 Kilometern aufhören?

Problemlos. Auch bei 9,9999 Kilometern.

Geht deshalb Ihre Uhr 20 Minuten vor?

Tut sie das? Tatsächlich.

Sind Sie eine notorische Zuspätkommerin, und ist das der Versuch, die Zeit in den Griff zu bekommen?

Zu spät komme ich tatsächlich sehr oft. Aber auf diesen Trick bin ich noch nicht gekommen. Einen Versuch wäre es wert.

Sie sind 30 geworden und schliessen im Sommer den Bachelor in Sportwissenschaft und Psychologie ab. Andere Leute in Ihrem Alter gründen eine Familie. Fühlen Sie sich im Rückstand?

Klar vergleiche ich mich mit denen. Aber ich fühle mich wohl, ich bin überhaupt noch nicht bereit für Kinder. Ich bin selber noch eines. Ich fühle mich wie 23, 24.

Inwiefern?

Wer so lange im Spitzensport war wie ich, bleibt wohl ein bisschen zurück. Wenn ich mit anderen 30-Jährigen spreche, ticken die ganz anders, sie arbeiten schon seit Jahren, wollen Kinder, sind seriös. Ich habe noch zu viel Seich im Kopf. Und ich überlege mir, gleich noch ein Studium anzuhängen, Physio­therapie vielleicht. Klar, dann bin ich 35, wenn ich mit dem zweiten Studium fertig bin. Ich muss wohl gleich im Sommer anfangen. Rumtrödeln liegt definitiv nicht drin.

Können Sie sich vorstellen, danach als Physiotherapeutin zu arbeiten?

Keine Ahnung, was ich arbeiten will. Aber sicher im Bereich Sport.

Sie haben früher junge Mädchen im Kunstturnen trainiert.

Dazu habe ich heute leider keine Zeit mehr. Ich würde es gerne wieder tun – aber nur nebenbei. Das waren ganz Kleine, die Jüngste war drei Jahre alt. Es war alles sehr spielerisch. Mit denen muss man nicht hart sein oder einen Trainingsplan befolgen.

Was würden Sie sagen, wenn Ihre Tochter, Ihr Sohn zu turnen anfangen würde?

Dann würde ich mein Kind unterstützen. Es wäre aber auch in Ordnung, wenn es eine andere Sportart machen würde. Oder ­Musik. Nach meinem Rücktritt sagte ich noch, meine Kinder dürften nie turnen. Es hat fünf Jahre gedauert, bis ich mich mit dem Kunstturnen versöhnt habe (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.01.2018, 20:08 Uhr

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