Er trank sich fast zu Tode

John Daly ist der Paradiesvogel der Golfwelt. Der exzentrische Amerikaner hat alle Eskapaden überlebt. Jetzt schlägt er diese Woche erstmals im Wallis ab.

Grenzgänger in auffälligen Hosen: John Daly liebt Extreme.

Grenzgänger in auffälligen Hosen: John Daly liebt Extreme. Bild: Reuters

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Zu behaupten, John Daly kokettiere mit seinem Image als Bad Boy des Golfsports, wäre eine ziemliche Untertreibung. In seiner Autobiografie, in von ihm verfassten Songtexten und in Interviews spricht er immer wieder offen über seine alkoholischen Exzesse und seine Spielsucht. Er brüstet sich beinahe, betrunken seine besten Golfrunden gespielt, bis zu drei Päckchen Zigaretten pro Tag geraucht zu haben und oft nach durchzechten Nächten zum Abschlag gekommen zu sein.

So erzählte er in einem TV-Interview, früher öfter 30 bis 40 Biere täglich getrunken zu haben, bevor er den Tag mit Whiskey abzurunden pflegte. Oder bis zwei Tage am Stück in Casinos durchgezockt und nach eigenen Berechnungen durch seine Spielsucht zwischen 1991 und 2007 über 55 Millionen Dollar verloren zu haben. Einmal sei er mit einem Alkoholpegel von fast vier Promille aufgelesen worden und für neun Sekunden klinisch tot gewesen, aber wieder ins Leben zurückgeholt worden.

«Ich bin immer noch da»

Kein Zweifel: Daly hat sich seinen Übernamen «The Wild Thing» auf die harte Tour verdient. Er ist der Hardrocker seines Sports, der Schrille, der Skandalumrankte. Tatsächlich ist er auch als Musiker aktiv und zumindest seine Stimme hörenswert. In seinem bekanntesten Song «Hit It Hard», der vor vier Jahren in Country-Kreisen einigermassen erfolgreich war, heisst es: «Die meisten hätten aufgegeben, wenn sie erlebt hätten, was ich erlebt habe. Aber ich bin immer noch da.»

«Ich trank locker 35 Bier pro Tag»: John Daly über seinen Alkoholkonsum. Video: YouTube/Graham Bensinger.

Das ist er, unübersehbar, diese Woche auch im Wallis. Als lebensgrosse Pappkartonfigur, mit der man sich in der Einkaufsstrasse von Crans fotografieren lassen kann, aber auch in Fleisch und Blut. Schon optisch tanzt er aus der Reihe, mit seiner strohblonden, an einen Sonntagsschüler erinnernden Frisur mit Seitenscheitel, seinen knallbunten Shorts und seinem – trotz Magenband – massigen Körper, auf den er so stolz zu sein scheint wie auf seine Abschläge, obwohl sein Body-Mass-Index alarmierend sein muss.


Bildstrecke: Daly und seine Hosen


«Mein Körper verträgt das Trinken nicht mehr so gut»

Mit 52 Jahren hat es der 18-fache Sieger von Profiturnieren erstmals überhaupt an den Start des European Masters geschafft. Wer ihn spielen sehen will, tut gut daran, früh anzureisen. Selbst bei den Senioren ist der British-Open-Sieger von 1995 nur mässig erfolgreich (er gewann dort erst ein Turnier), auf der Europatour verpasste er vergangene Woche in Dänemark sogar den Cut, und wegen Schmerzen im Hüftbereich ist er zurzeit etwas eingeschränkt. In der Weltrangliste ist er noch auf Rang 1449 zu finden.

«Als ich jünger war, mochte ich mein Image schon», gibt der Mann aus Arkansas in Crans zu, ehe er sich auf die Proberunde begibt. «Mein Körper verträgt aber heute das Trinken nicht mehr so gut. Und ich zocke auch nicht mehr so oft wie früher. Ich geniesse es, mit Freunden ein paar Biere zu trinken und über Gott und die Welt zu sprechen. Aber ich versuche nicht mehr, mich volllaufen zu lassen. Und wenn ich gamble, dann nicht wegen des Geldes, sondern um Spass zu haben.» Alles viel harmloser, alles viel sozialer.

In Crans tritt Daly morgen Abend auch mitsamt Gitarre auf. Gefragt, ob er im Rückblick auf seine Karriere etwas bedaure, winkt er ab. «Ich bereue nichts. Gott sei Dank hatte ich ein grossartiges Leben. Vielleicht habe ich es teilweise etwas übertrieben, aber das können viele andere Leute auch sagen.» Und überhaupt: «Mit 52 kann ich mich nicht auf Negatives fokussieren, wenn ich es noch mit den starken Jungen aufnehmen will.»

Zahmer und kürzer

Geholfen, sich zu mässigen, hat ihm auch die Musik. Der vierfach geschiedene Vater eines Golftalents besitzt einen Raum voller Gitarren, viele davon sind Geschenke. «Ich hätte mir nie erträumt, einst mit Musik Geld zu verdienen», sagt Daly, «aber es bleibt ein Hobby.» Im Winter will er sein drittes Album aufnehmen, einige Songs habe er schon geschrieben. Obwohl er ein grosses Haus besitzt, wohnt er meistens in seinem riesigen Wohnmobil, mit dem er in den USA auch von Turnier zu Turnier zu reisen pflegt. «Das hat alles, was ich brauche.»

Harmloser geworden sind inzwischen auch seine Abschläge, nicht nur im Vergleich mit der Konkurrenz. Er war jahrelang der grösste Longhitter, seine wilden 300-Meter-Drives berüchtigt. Inzwischen haben andere Weitenjäger aufgeholt, während er an Distanz eingebüsst hat. In seinen besten Zeiten habe er seine Drives mit einer Schlägerkopf­geschwindigkeit von über 220 km/h geschwungen, erklärte er gestern. Nun schaffe er noch etwa 190 km/h, was einen Distanzverlust von etwa dreissig Metern bedeute.

«Long John» ist zweifellos ausgeglichener geworden, gemässigter. «Früher war ich ‹The Wild Thing›, jetzt ‹The Mild Thing›», kalauert er in Crans. Doch er erinnert an einen schlummernden Vulkan, der jederzeit ausbrechen kann. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.09.2018, 18:00 Uhr

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