Die Sensation und ihr verrückter Manager

Hinako Shibuno schreibt am British Open Geschichte – aber auch ihr Manager sorgt für Aufsehen.

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Als Hinako Shibuno vor einer Woche die Hafenstadt Okayama verliess und nach England aufbrach, um das erste Mal ein Profigolfturnier ausserhalb Japans zu bestreiten, hatte sie einen ­Vorsatz: Sie wollte Spass haben. Das British Open? Das berühmte Major, bei dem sie teilnehmen durfte? Da wollte sie passabel ­abschneiden, klar. Wenn sie den Cut, die Qualifikation fürs Wochenende, schaffen würde, wäre sie glücklich gewesen. Also flog Shibuno los. Kaum jemand kannte sie in der Branche.

Eine Woche später ist das ­anders.

Als Shibuno am Sonntagabend vor Medienvertretern auf der Anlage des Woburn Golf Club nahe der Stadt Milton Keynes sass und zu ihrem Befinden befragt wurde, sagte sie: «Ich bin hungrig. Und übel ist mir.» Später gab sie zu, sie habe sich fast übergeben. Wann und wie der Erfolg über einen hereinbricht, kann man sich eben nicht immer aussuchen. Das weiss jetzt ­Shibuno, Tochter eines Beamten und seit 2018 Profi.

Ein sensibler Magen

Um das zu werden, musste sie eine Prüfung ablegen damals, und weil jetzt beim British Open jemand fragte, wie die Prüfung aussah, antwortete Shibuno höflich: «Es ist ein Turnier über vier Tage in Japan. Du willst dich am liebsten übergeben, ich will das nie wieder durchmachen.» Dazu lachte sie. Smiling Cinderella, ­lächelndes Aschenputtel, ist ihr Spitzname. Märchenhaft mutet ihre Geschichte tatsächlich an. Trotz des sensiblen Magens.

Shibuno war Anfang des Jahres die Nummer 559 der Weltrangliste. Erst 2017 hatte sie die Schule beendet, wo sie schon Erfolg als Golferin hatte. Sie spielte 2019 bislang nur in Japan, auf der JLPGA. Dort gelangen ihre zwei Siege, was sie auf Platz 46 der Weltrangliste hievte. Ihre Eltern sind auch sportlich, der Vater war Diskuswerfer, die Mutter Speerwerferin. Zwei Schwestern hat Shibuno, und dass die Jüngere sie oft foppt, ist nun bekannt: weil Siegerinnen von Major-Turnieren viel erzählen müssen.

Die Überraschung hatte sich angbahnt

Mit einem Schlag Vorsprung hatte sie vor Lizette Salas (USA) gesiegt, ihr letzter Birdie beim 18. Loch zum Gesamtergebnis von 18 unter Par entschied zu ihren Gunsten. Immerhin war die Öffentlichkeit zu diesem Zeitpunkt nicht mehr völlig überrumpelt von Smiling Cinderella. Es hatte sich angebahnt, dass da womöglich am Sonntag eine der grössten Überraschungen im Frauengolf Realität werden könnte.

Am Donnerstag war Shibuno gleich die zweitbeste Runde gelungen, mit 66 Schlägen. Fünf Fragen bekam sie gestellt, ihre Antworten betrugen auch fünf Zeilen. Als Shibuno am Freitag nicht nur den Cut schaffte, sondern mit 69 Schlägen oben dranblieb, folgten schon 26 Fragen.

Voller (Selbst-)Ironie

Es war nun nicht mehr nur ihr zuverlässiges Golfspiel, das Interesse weckte. Da sass eine fröhliche, staunende Frau, mit Sinn für Ironie, die sich herrlich über sich selbst lustig machte. Sie futtere die ganze Zeit Süsses, tat sie kund. Fischkuchen möge sie, was man auf der Runde sah – bei Schlagpausen naschte sie. Sie sei im Museum gewesen, verriet sie, habe sich Mumien angesehen. Dass es in London so viele Strassenmusiker gebe, habe sie auch nicht gewusst. Inmitten mancher genormt anmutender Profis wirkte sie belebend.

Am Wochenende dann war mit Angriffen der Etablierten ­gerechnet worden, die lauerten. Park Sung-Hyun und Ko Jin-Young, die starken Südkoreanerinnen. Morgan Pressel aus den USA. Aber Shibunos Spiel brach nicht ein. Sie verkrampfte kein bisschen. Selten sah die Golfwelt eine Spielerin, die sich erstens so biegsam um die eigene Achse dreht und zweitens so heiter dem Triumph näher rückt. Richtig skurril machten ihre Geschichte die Auftritte ihres Managers, der, bei allem Respekt, etwas durchgeknallt zu sein scheint.

Ein Berg von einem Hut

Hiroshi Shigematsu tauchte jeden Tag komplett verkleidet auf der Anlage auf. Einmal trug er den Mount Fuji als Hut, dann kam er als Samurai – samt Schwert. Und am Sonntag, als es um den Siegercheck in Höhe einer Winzigkeit von 590'000 Euro ging, war er: ein Clown mit blauer Perücke und Maske.

Er wolle sie «zum Lachen bringen», sagte er Reportern am Ort. Sie aber, Shibuno, fand ihn vielmehr «peinlich», aber, klar: Sie lachte dabei. Und: Sie siegte mit beiläufigen fünf Birdies auf den letzten neun Bahnen, während sie Fans abklatschte, mitten im Showdown. Der Clown und Cinderella, die Bilder der zwei hatten viele angelockt.

Nun ist Shibuno die erste ­japanische Major-Siegerin seit 1977, erst die zweite überhaupt, seit Chako Higuchi an der PGA Championship siegte. Ein Japaner hat gar noch nie eines der wichtigsten Turniere gewonnen. Sie wisse noch nicht, ob sie nun auf die US-Tour, die LPGA, wechsle, gab sie zu. Aber eines wusste Hinako Shibuno: «Vom Preisgeld will ich mir Schleckzeug kaufen, das bis ans Ende meines Lebens reicht.»

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