Die Muskeln diktieren den Alltag

Sergey Martynyuk ist Natural-Bodybuilding-Weltmeister. Mit der Begeisterung für diesen Lebensstil ist er nicht alleine.

On-Season an der WM wog Sergey Martynyuk 83 Kilogramm. Zwei Wochen nach Saisonende hatte er 15 Kilogramm zugenommen.

On-Season an der WM wog Sergey Martynyuk 83 Kilogramm. Zwei Wochen nach Saisonende hatte er 15 Kilogramm zugenommen.

(Bild: Adrian Moser)

Sergey Martynyuk ist 18-jährig und Hochbauzeichner im dritten Lehrjahr. Seit November ist er ausserdem dreifacher Amateur-Weltmeister im Natural Bodybuilding. In zwei Nachwuchskategorien und bei den Leicht-Schwergewichten hat der Berner in Atlantic City abgeräumt.

Als 16-Jähriger begann er im Kraftraum seiner Schule mit dem Training. Sein Ziel sei es gewesen, die Mädchen zu beeindrucken, erzählt der gebürtige Russe, der mit 5 Jahren in die Schweiz kam, «ich wollte ein Mann sein». Mit 12 habe er seinen Vater verloren. Um die Vaterrolle einnehmen zu können, wollte er stark sein.

Angeleitet von Youtube-Videos, trieb er den Muskelaufbau voran. «Als ich die Fortschritte bemerkte, wollte ich immer mehr.» Er wechselte zum Trainieren vom kleinen Kraftraum ins Fitness-Studio im Stade de Suisse. Dort ist der Teenager fünf bis sechs Mal in der Woche jeweils zweieinhalb Stunden anzutreffen.

Schwarzenegger-Trend

«Junge Männer wollen wieder grosse, gut sichtbare Muskeln haben. Auch viele junge Frauen trainieren immer intensiver.» Urs Balmer, Geschäftsführer und Teilinhaber von Self-fitness.ch, betreibt sechs Fitnesszentren im Berner Oberland.

Er beobachtet derzeit ein Revival des Arnold-Schwarzenegger-Syndroms, nachdem die klassischen Bodybuilder in der Gegend mehrere Jahre verschwunden gewesen seien. Um dem Trend gerecht zu werden, ruft Balmer ein Studiokonzept unter dem Namen Monster-gym.ch ins Leben, das speziell auf die Bedürfnisse von Bodybuildern, Leistungssportlern und ambitionierten Kraftsportlerinnen und Kraftsportlern zugeschnitten ist.

Das erste Studio soll im März 2016 in Münsingen eröffnet werden. 5–10% der rund 8'000 Kunden von Self-fitness.ch werden die Parallelkette nutzen, schätzt Balmer. Er sagt, wer auf dem Bodybuilding-Trip sei, orientiere sich nicht mehr an normalen Menschen. «Deren Referenz ist ein Bodybuilder, der bei 1,80 Meter auch noch weit über 100 kg wiegt, selbst wenn er für den Wettkampf entwässert ist.»

Sieben Wochen lang hat Sergey Martynyuk vor den Wettkämpfen Diät gemacht. Dabei wurde er von einem Trainer unterstützt. Dreizehn bis vierzehn Trainings pro Woche und fünf kalorienarme Mahlzeiten pro Tag bedeutete das für den Hochbauzeichner neben dem normalen Lehrlingsalltag.

«In dieser Zeit habe ich mich gefreut, wenn ich zum Frühstück einige Haferflocken essen durfte», sagt er. Vor der Schweizer Meisterschaft habe er sich viele Süssigkeiten gekauft, um diese anschliessend verschlingen zu können.

Entgegen den eigenen Erwartungen wurde Martynyuk Schweizer Meister bei den Junioren über 75 kg und qualifizierte sich damit für die Weltmeisterschaft, die eine Woche später in den USA stattfand. Die Süssigkeiten mussten warten.

Muskeln und Medikamente

«Wer unter 4% Körperfett hat, ist nicht mehr leistungsfähig», sagt Urs Balmer. Bei Bodybuildern in Wettkampfform ist das der Fall. «Die sehen stark aus, wären aber als Umzugshelfer nicht zu gebrauchen», erklärt Balmer und führt weiter aus, dass nur bis zu einem gewissen Grad fettfreie Masse ausgebildet werden könne.

«Wo Leistungen gebracht werden müssen, ist auch ein minimaler Fettanteil zu finden», sagt der 50-Jährige und nennt als Beispiel dafür die kräftigen Schwinger. Wenn das Muskelwachstum ausgeschöpft ist und – wie im Bodybuilding – kein Fett angesetzt werden soll, ist die Versuchung gross, auf andere Mittel zurückzugreifen.

Der unsaubere Ruf eilt dem Bodybuilding voraus. «Viele junge Männer haben keine Geduld und wollen immer mehr Muskeln. Deshalb kaufen sie billige Medikamente, bei denen sie nicht wissen, was effektiv drin ist», beschreibt Urs Balmer die Gefahren, die nicht vom Sport selbst ausgehen.

Bodybuilding an sich berge für Nachwuchssportler keine grösseren gesundheitlichen Risiken als jegliches intensives Training, wie es von anderen Leistungssportlern in jungen Jahren betrieben werde.

Seit er mit dem Bodybuilding angefangen hat, wurden Sergey Martynyuk mehrfach illegale Substanzen angeboten. Für ihn kommt Doping nicht infrage. «Ich habe den harten Weg gewählt. Ich will mir nicht in zwei Minuten Muskeln anspritzen», spricht sich der junge Mann für Natural Bodybuilding aus.

Der Bund

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