Die Kurzzeit-Millionäre

Wer es in die NFL schafft, wird unweigerlich reich. Doch oft enden Karrieren abrupt – und viele Footballer gehen kurz darauf pleite.

Im American Football ist die Verletzungsgefahr gross – und die Zeit als Profisportler rasch vorbei. Foto: Bob Leverone (AP, Keystone)

Im American Football ist die Verletzungsgefahr gross – und die Zeit als Profisportler rasch vorbei. Foto: Bob Leverone (AP, Keystone)

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Die Szene drückt einem das Herz zusammen. In einem Nest in ­Mississippi liegt in einem engen Büro ein junger Mann am Boden. Ach was liegt: Er fläzt sich, die Baseballkappe tief im Gesicht, drückt er mit ­seinen ganzen 130 Kilogramm den Unwillen aus, weiterhin irgendetwas für die Schule zu unternehmen.

Derzeit stehen in der National Football League die Conference Finals an, die Saison nähert sich ihrem Höhepunkt, der 51. Superbowl. Am 5. Februar wird ganz Amerika vor dem TV kleben – und sogar der Rest der Welt kurz von American Football Notiz nehmen.

Doch wer wirklich etwas über die Zusammenhänge dieses Sports lernen will, muss nicht die Superbowl sehen. Sondern, wie Brittany Wagner jetzt ihr Gesicht verzieht in einer Mischung aus Schmerz und Mitgefühl. Die Frau hat den härtesten Job des Eastern Mississip­pi ­College: Sie prügelt die Footballer der Provinzschule durch die Prüfungen. Miss Wagner droht, sie schmeichelt, sie seift Lehrer ein. Und manchmal verzweifelt sie. Weil sie weiss: Es ist keine gute Idee, als 19-Jähriger seine Zukunft darauf aufzubauen, dass man es in die NFL schafft.

Geld, um einfach zu leben

Aber Ronald Ollie, der Junge am Boden, hat einen Plan: «In einem Jahr nehme ich am Draft teil.» Das ist die Veranstaltung, an der die 32 NFL-Teams die talentiertesten Nachwuchsspieler unter sich auf­teilen. Wenn er gezogen wird, hat Ollie Geld. Und damit wird er «einfach leben». Es ist ein Schlüsselmoment der starken Netflix-Dokumentation «Last Chance U», in der ein Collegeteam porträtiert wird.

Da sind Jugendliche wie Ollie, die aus Verhältnissen stammen, aus denen sie nur zwei Auswege sehen: das Militär und den Sport. Da ist die Verlockung der NFL. Wer gedraftet wird, wird fast sicher Millionär. Der Minimallohn für einen Neuling beträgt 465 000 Dollar. Und wer gar so begehrt ist, dass er in der ersten Runde gezogen wird, darf einen Kontrakt erwarten, der zwischen 10 und 30 Millionen Dollar wert ist.

Diese Zahlen schaffen schwierige ­Voraussetzungen für Miss Wagner, die Stimme der Vernunft, die auf einen ­Universitätsabschluss pocht – aber allzu oft überhört wird. Nur 253 Spieler werden jedes Jahr gezogen, die NFL bietet total 2016 Spielern Arbeit. Und jedes Jahr stehen über 1000 willige Talente zum Draft bereit.

Nach drei Jahren schon Schluss

Vor allem aber ist ein NFL-Vertrag keine Garantie auf ein sorgloses Leben. Einerseits können Verträge ungeachtet ihrer Laufzeit jederzeit gekündigt werden. Zudem sinkt seit dem Jahr 2000 die Länge einer NFL-Karriere laut «Wall Street Journal» dramatisch. 2014 war ein Footballer im Schnitt nur noch zwei Jahre und acht Monate unter Vertrag (vgl. Grafik).

Über die Gründe dieser Erosion wird gerätselt. Natürlich haben Verletzungen und die Angst vor Langzeitfolgen von Hirnerschütterungen ihren Anteil. Doch es scheint auch, als ob die Teams immer schneller bereit sind, ihre Spieler zu wechseln. 2016 kamen knapp 2000 Spieler zu mindestens einem NFL-Einsatz. Das ist eine Zunahme von 100 Spielern im Vergleich zum Jahr 2007.

Ist die Karriere erst einmal vorbei, kommen häufig finanzielle Probleme. Laut einem Papier des National Bureau of Economic Research melden 16 Prozent aller Ex-NFL-Spieler innerhalb von zwölf Jahren nach ihrem Rücktritt offiziell Konkurs an. Unabhängig davon, wie viele Millionen sie zuvor verdient haben.

Auf eine noch grössere Zahl ist Journalist Pablo Torre schon vor Jahren in «Sports Illustrated» gekommen. Er denkt, dass 78 Prozent der Ex-Footballer in ­finanzielle Probleme geraten, und sieht keine Diskrepanz zu den tieferen Zahlen der Studie: «Man muss nicht auf das Konkursamt gehen, um pleite zu sein.» Torre sieht mehrere Gründe, ­weswegen Ex-Footballer so grosse Mühe haben, ihr Geld zu behalten. Da sind teure Scheidungen. Da ist vor allem aber die Un­fähigkeit, das Geld gut anzulegen.

Furchtbar gute Geschäftsideen

Stattdessen haben «Freunde» tolle ­Geschäftsideen. Da wird investiert in ein Rock-’n’-Roll-Café, in ein Musiklabel, in Filme, in Kosmetik, die Luft in die Haut transportiert, sowie in einen Apparat, der bei Hochwasser ­Möbelstücke schwimmen lässt. Und das sind nur die Fehl­investitionen eines einzigen Ex-Spielers.

Falsche Freunde sind ein Problem. Vor allem aber ist es die fehlende Ausbildung der Footballer, die von Finanz­fragen häufig überfordert werden. Auch darum bietet die Universität von Miami seit 2015 einen Intensiv-Studiengang in der Saisonpause an, der sich an Spieler richtet, die ohne Uniabschluss in die NFL gegangen sind. Der Kurs ist hart, die Tage beginnen um 6.30 Uhr und beinhalten neun Stunden Schule. Einige Spieler geben nach einem Tag auf. Aber immerhin 181 arbeiteten 2016 an ihrem Grundstudium oder waren auf dem Weg zum Master of Business Administration.

Carlos Dunlap ist einer, der auf diesem Weg seinen MBA gemacht hat. Der Linebacker der Cincinnati Bengals löste ein Versprechen ein, das er seiner Mutter gegeben hatte, als er seinen ersten NFL-Vertrag unterschrieb. «Es ist nicht einfach, dich auf so etwas einzulassen», sagte er ESPN, «denn finanziell siehst du als Spieler eigentlich keinen Grund, wieder zur Schule zu gehen.» Er hat sich trotzdem durchgebissen, um zu verstehen, wohin sein Geld fliesst. Und er bewies nebenbei, dass sich Bildung und sportliche Leistung nicht ausschliessen, indem er zwei Jahre in Folge zum All-Star-Game der NFL aufgeboten wurde.

Ob Ronald Ollie diese Geschichte auch kennt? Inzwischen spielt er für die Nicholls State University. Und hoffentlich studiert er dort auch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.01.2017, 23:07 Uhr

Geschundene Stars und ein leidender Filmheld

Gehirnerschütterungen, Kreuzbandrisse – die Zahl der schweren Verletzungen im Football steigt dramatisch an.

Der körperliche Verschleiss im Football ist gross – wie gross, das zeigt sich ausgerechnet jetzt. Ausgerechnet deshalb, weil mit dem Playoff die entscheidende Phase der Meisterschaft läuft, am 5. Februar die Superbowl ansteht. Trotzdem müssen einige der bekanntesten ­Namen zuschauen: Stars wie Rob Gronkowski von New England oder Jordy Nelson von Green Bay fehlen zum Showdown verletzt.

So wiederholt sich, was fast jedes Jahr passiert: Je länger die NFL-Saison dauert, desto umfassender die Liste der ­Verletzten. Bei den Halbfinalisten Pittsburgh und Atlanta haben 10 ihrer einst 53 Kaderspieler die Saison abbrechen müssen, im Steelers-Kader sind 5 weitere fraglich für den Halbfinal am Sonntag gegen New England. Ligaweit beendeten 490 Spieler die Saison vorzeitig.

Das kann die Teams empfindlich treffen, und am schlimmsten waren diesmal die Oakland Raiders dran. Dem Team ­gelang die beste Saison seit mehr als einem Jahrzehnt, doch kurz vor dem Playoff verletzte sich nicht nur der Quarterback Nummer 1, Derek Carr, sondern auch dessen Ersatz. Mit Neuling Connor Cook waren die Raiders aber so harmlos, dass in der ersten Playoffrunde selbst die Houston Texans zu stark waren für sie – obschon denen ebenfalls der Stamm-Spielmacher fehlte. Wobei wenig hilfreich war, dass im Laufe der Partie drei weitere Schlüsselspieler ausfielen.

Die Zahl der schweren Verletzungen steigt von Jahr zu Jahr, nahm gegenüber 2009 um mehr als ein Viertel zu. Der Sport ist schneller geworden, die Spieler kräftiger, vor allem Knieverletzungen häufen sich (plus 27 Prozent) und besonders Kreuzbandrisse (nochmals 10 Prozent). Geradezu dramatisch der Anstieg der Gehirnerschütterungen: In der ­Vorsaison hatte die Zahl laut TV-Sender PBS um 62 Prozent zugenommen, die 199 Fälle bedeuten: fast 0,8 pro Partie.

Lange Suche nach Spezialklinik

Die Zahlen der laufenden Saison werden Ende Januar erwartet, versprechen aber kaum Besserung. Allein beim letztjährigen Finalisten Carolina fielen mit Quarterback Cam Newton und Verteidiger Luke Kuechly die zwei wichtigsten Spieler vorübergehend aus, Kuechly wurde nach einer heftigen Kollision aus Rücksicht auf seine Zukunft gar nicht mehr eingesetzt. Auch Teamkollege Michael Oher, ­bekannt aus dem Blockbuster «The Blind Side», bangte früh in der Saison um seine Karriere – mit lediglich 30 Jahren. Erst nach monatelanger Suche fand sich eine Spezialklinik, in der seine Symptome kuriert werden konnten. (wie)

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