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Die Fitness-Stars aus der Garage

Die Amerikaner Kelli und Daniel Segars haben dank musiklosen Youtube-Filmen ein Millionen-Business entwickelt. Warum sie ihre Videos zu Hause drehen.

«Wir kämpfen eher dagegen an, dass man wegen eines Herz­infarkts stirbt»: Kelli Segars geht es nicht um die Bikini-Figur.

Der Vorturner der Schweiz war Jack Günthard. «Fit mit Jack» hiess die Fernsehsendung mit dem Turn-Olympiasieger von 1952, die Herr und Frau Schweizer in Schwung bringen bzw. halten sollte. Zeitweise lief auf Radio Beromünster von 7 bis 8 Uhr täglich ein «Frühturnen mit Jack». Insofern sind die Amerikaner Kelli und Daniel Segars eine Art Enkel unseres helvetischen Bewegungspioniers: Sie haben dieses Fitten für jedermann und -frau nämlich am erfolgreichsten in die Internetwelt übertragen.

500 Gratis-Filme haben sie mittlerweile aufgenommen und auf ihrem Youtube-Kanal veröffentlicht. Hatten Anfang 2015 noch rund eine Million Menschen den Kanal abonniert, sind es zurzeit schon gut vier Millionen. Die Hälfte von ihnen lebt im Ausland. Der Grossteil der Zuschauer und Mitbeweger sind Frauen zwischen 20 und 30 Jahren.

Ohne grunzende Männchen

Sie haben an den Trainings so viel Freude, dass sich die Segars inzwischen mit den grössten Fitness-Ketten der USA messen könnten, wenn sie wollten. Mit ihren vier Millionen Abonnenten zählen sie zu den Riesen in diesem Milliardenmarkt des Körpertunings und der ­Gesundheit.

Wobei es den Segars, er 36, sie 33, gerade nicht um pralle Bizeps und knackige Pobacken geht. «Bikini-bereit muss bei uns niemand sein. Wir kämpfen eher dagegen an, dass man wegen eines Herz­infarkts stirbt», sagt Kelli Segars. Dieser erdige Ansatz fast ohne Glanz und Gloria scheint die Kunden besonders anzuziehen – und die Aussicht, bequem daheim ohne grunzende und sich selbst bestaunende Alpha-Männchen zu schwitzen.

Darum verzichten die Segars in ihren Videos auch auf Musik. Soll doch jeder seine eigenen Lieblingstitel wählen. Zu Beginn turnte der eine der beiden in den Filmen vor – und erklärte der andere aus dem Off die Übungen. Das Ganze wirkte steril und sperrig, zudem wünschten sich die Kunden durchaus ein bisschen Animation. Darum reden und turnen die Segars nun in einem und schwitzen ­ordentlich dabei. Nie würden sie darum behaupten, das Fitten sei easy oder bereite stets Spass. Sie betonen das grosse Ganze: Wer sich bewegt, lebt gesünder und allenfalls auch länger.

Drei Tage, die alles veränderten

Dass sie ihre Videos in ihrer Garage drehen, ist inzwischen zu einem Gag geworden, hat sich ihr Unternehmen doch in eine Millionenfirma entwickelt. Sie ­leben primär von Werbung und kostenpflichtigen Zusatzprogrammen.

Als sie vor sieben Jahren allerdings ihre ersten Episoden hochluden, bewegten sie sich finanziell am Limit. 2008 hatten sie geheiratet, waren in ein Haus gezogen – und hatten ihre Jobs als Fitness-Instruktoren verloren, alles innert dreier Tage. Während sich die Segars mit Gelegenheitsjobs das Leben verdienten, begannen sie erste Programme zu schreiben und diese in der Garage zu verfilmen, ganz ohne Gadgets und ­Geräte (noch heute kommen in ihren ­Filmen kaum welche vor). Seit fünf Jahren sind sie nun professionelle Vorturner und doch immer wieder überrascht, wie erfolgreich sie geworden sind.

Die findigen Selfmade-Sportler haben dabei zwei entscheidende Facetten begriffen: Sie schafften es in ihren Anfängen relativ rasch, ihre Videos clever zu verschlagworten. Damit tauchten sie bei Google-Suchen in den vordersten Rängen auf. Denn die Segars bewegen sich zwar in einer relativ neuen, aber umkämpften Nische. Also gilt es, möglichst schnell eine kritische Masse zu erreichen. Stimmt sie, werden Medien und andere Öffentlichkeitsmacher auf die ­Inhalte aufmerksam und drehen kräftig an der Bekanntheitsspirale. Selbst das renommierte «Wall Street Journal» berichtete darum jüngst über die Segars und ihren Werdegang.

Simpel und glaubwürdig

Hinzu kommt: Die Segars haben sich klar positioniert, sind glaubwürdig, authentisch – und denken professionell kleinräumig. Sie konzentrieren sich auf ihr Kerngebiet, die Fitness-Programme, dazu kommen mittlerweile Ernährungspläne. Vom Rest – besonders dem Verkauf von Ernährungszusätzen – lassen sie die Finger. Wer fit werden will, muss fitten, lautet ihr simples wie überzeugendes Credo.

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