Die böse Erinnerung an die Snowboarder

Der Trendsport Parkour soll zum Turnen werden – und olympisch. Die Szene reagiert mit Vorfreude, aber auch heftigem Widerstand.

Über Gräben hinweg und die Wände hoch – der Actionsport Parkour kommt besonders bei Jugendlichen gut an.

Über Gräben hinweg und die Wände hoch – der Actionsport Parkour kommt besonders bei Jugendlichen gut an. Bild: Julien Blanc

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Zögernd steht er auf der Mauer. Prüft die Distanz zum nächsten Vorsprung. Springt dann doch, blitzschnell greifen seine Hände. Respektvoll nickt der Kollege. Gut 50 Athleten aus aller Welt bestreiten derzeit das Camp der World Parkour Family in Basel. Parkour (oder auch Freerunning) – das ist jener spektakuläre Hindernislauf, bei dem Wände erklettert, Gräben übersprungen oder Zäune überstiegen werden, und die World Parkour Family nimmt in der Schweiz eine Pionierrolle ein. Der Actionsport boomt, vor allem bei den 14- bis 17-Jährigen. Während andere Sportarten in genau dieser Altersgruppe verlieren.

Doch nun ist die Szene in Aufruhr. Grund ist ein unmoralisches Angebot des Internationalen Turnverbandes (FIG): Dieser möchte den Sport als neue Disziplin offiziell aufnehmen und hat mit dem Internationalen Parkour Verband (IPF) schon eine Vereinbarung geschlossen. Das gemeinsame Ziel: 2024 in Paris soll Parkour olympisch sein.

Es ist ein ambitioniertes Vorhaben, und die FIG schlägt ein hohes Tempo an. Seit diesem Jahr führt sie eine Weltcupserie durch, und an den Youth Olympics diesen Herbst in Buenos Aires ist Parkour Demonstrationssportart. Eine erste WM ist für 2020 geplant. Auch Weltranglisten werden schon geführt. Christian Harmat belegt im Speed Run derzeit Rang 3. Er ist der Mitbegründer der Basler World Parkour Family. Harmat sagt: «Ich sehe das Engagement der FIG als Sprungbrett für die Sportart und eine Chance für uns Sportler.» Er selbst findet den Gedanken reizvoll, 2024 als 32-Jähriger noch zum Olympiateilnehmer zu werden. «Ich hätte immer gerne Geld mit dem Sport verdient. Unter einem Dachverband wäre das wohl möglich», sagt er.

«Wir sind keine Turner»

Für seine Haltung wird Harmat von einigen Kollegen angefeindet. Mit der Beteiligung der FIG gingen der wahre Spirit und die Ideologie verloren, die den Sport ausmachten, befürchten Kritiker. Und tatsächlich beging die FIG in einem der ersten Wettkämpfe den Fehler, den Traceuren (Runner) Kleidervorschriften zu verpassen. Der plakative Spruch «Fuck FIG» wurde daraufhin populär oder die Klarstellung: «Wir sind keine Turner.» Eugene Minouge, Präsident von Earth Parkour, sprach von «Übergriff» und ­«widerrechtlicher Aneignung». Earth Parkour ist ein weiterer, einflussreicher Weltverband. Ihm gehören Frankreich, Grossbritannien oder Australien an.

Viele der Kritiker einer Vereinigung erinnern an andere Trendsportarten, die früher mit einem grösseren Verband zusammengingen: an BMX und Mountainbike, an Sportklettern oder Windsurfen. Zwar erhielten diese Randsportarten nach der Übernahme meist mehr Geld, da die Dachverbände in Sachen Sponsoren besser aufgestellt waren. ­Dafür wurden sie fremdbestimmt, was den Modus der Wettkämpfe oder Qualifikationskriterien für Grossanlässe wie die Olympischen Spiele betraf.

Als besonders mahnendes Beispiel dient den traditionsbewussten Traceuren Snowboard. Vom Boom in den Neunzigerjahren wollten auch das IOK und der Internationale Skiverband (FIS) profitieren. Sie traten deshalb in Konkurrenz zur damals führenden International Snowboard Federation (ISF) und nutzten ihre Vormachtstellung aus: Die Qualifikation für die ersten olympischen Snowboardbewerbe 1998 war ausschliesslich über FIS-Anlässe möglich. Die Athleten sahen sich gezwungen, zwischen Ideologie und Professionalismus zu entscheiden. Die meisten wählten die FIS, die ISF ging 2002 in Konkurs. 20 Jahre später stagniert der Sport.

Christian Harmat teilt die Befürchtungen nicht. Noch weniger versteht er die Ablehnung der Turner. «Ohne die ganzen Turngeräte, die überall auf der Welt in Hallen und auch im Freien stehen, gäbe es unzählige Parkour-Moves gar nicht», sagt er. Überhaupt: Körperspannung, Beweglichkeit, Bewegungsdrang, Kraft, Rotationen – Turner und Traceure haben viel mehr gemein als auf den ersten Blick vielleicht ersichtlich. Auch beim SchweizerischenTurnverband (STV) beobachtet man die Entwicklung interessiert. Es hätten intern schon strategische Sitzungen stattgefunden, ob und wie Parkour auch in den STV integriert werden soll, sagt der Mediensprecher, bald stehe der Grundsatzentscheid in dieser Frage an. Der STV ist nicht verpflichtet, alle FIG-Disziplinen anzubieten. So verzichtet er mangels Interesse etwa auf Aerobic­turnen und das in den USA sehr beliebte Akrobatikturnen. Beim Parkour ortet der STV aber gewaltiges Potenzial.

Wegen des Booms fehlen die Trainer

Wie gross der Bewegungsdrang in der Schweiz ist, zeigt sich auch an fast 1000 Anmeldungen für die Schweizer Erstauflage der spektakulären Hindernisshow «Ninja Warrior», die im Herbst auf TV24 ausgestrahlt wird. Auch Harmat nimmt daran teil. «Dort bewirbt man sich nicht aus Klamauk», versichert Sendersprecherin Denise Hildbrand.

Wie der Zürcher Parkour-Lehrer Nicolas Fischer berichtet, fehlt es in der Schweiz nicht an Interessierten, dafür umso dramatischer an Trainern. «Die Sportart wächst so schnell, dass es immer schwieriger wird, etwas zu organisieren», sagt Fischer. Statt der 300 Schüler könnte er 400 aufnehmen – auf einen Schlag, hätte er denn mehr ausgebildetes Personal. Und das wäre nötig: «Mit den ganzen Salti wird es im Freerunning schnell einmal gefährlich.»

Auch Fischer befürwortet die Integration von Parkour in den Turnverband, selbst hat er mit dem STV schon Gespräche geführt. «Die Turnverbände sind riesige Vereinigungen und wären starke Partner in ganz vielen Bereichen», ist er überzeugt. Seine Hoffnung: «Wir könnten zusammen noch viel mehr realisieren.» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 05.08.2018, 14:32 Uhr

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