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Der Vorteil der Frühgeborenen

Wer in den ersten sechs Monaten des Jahres zur Welt kommt, hat eine signifikant grössere Chance, im Sport top zu werden.

Anhand des Geburtsdatums sagen, wer Nationalspieler wird? Klingt unseriös. Aber schauen Sie die Grafik an. Sie zeigt, in welchen Monaten die aktuellen Schweizer Nationalspieler im Eishockey und Fussball auf die Welt kamen. Für Frühgeborene im Jahr sind die ­Daten erfreulich, für Spätgeborene betrüblich. Dabei werden weltweit in jedem Quartal ähnlich viele Kinder geboren.

Nehmen wir das Eishockeynationalteam als Beispiel: 48 Prozent des Kaders wurden im ersten Quartal geboren, 19 Prozent im vierten. Ausgeglichener – und damit weit über dem statistischen globalen Spitzensport-Durchschnitt – ist das Nationalteam der Fussballer: 25 Prozent der Equipe wurden zwischen ­Januar und März geboren, 16 Prozent zwischen Oktober und Dezember. Aber: 66 Prozent des Teams stammen aus dem ersten Halbjahr.

Die Zahlen belegen das Glück der Früh- und das Pech der Spätgeborenen und gelten über alle Sportarten hinweg. Sie sind im Teamsport mit seinen vielen Nationalmannschaften aber stärker ausgeprägt als im Individualsport.

Mithilfe der Ehefrau

Den Verbänden geht als Konsequenz eine grosse Zahl an Talenten verloren. Das mag in Nationen mit viele Millionen Bürgern eher zu verschmerzen sein als in kleineren Ländern. Vom Effekt aber sind alle betroffen. Dabei begann sich die Wissenschaft bereits ab Mitte der 1980er-Jahre mit dem Phänomen zu ­befassen. Als der Psychologe Roger Barnsley mit seiner Frau Paula ein Eishockeyspiel der Major Junior League verfolgte, wies sie nach einem Blick auf die Teamlisten auf die ungleiche ­Verteilung über die Monate hin.

Umgehend begann Barnsley Zahlen aus dem nordamerikanischen Eishockey zusammenzutragen und die erste Studie zum Thema zu verfassen. Inzwischen sind Dutzende hinzugekommen, weil das Phänomen weit über den Sport hinausreicht, auch die Schulen beschäftigt.

Kommt ein Kind im Januar zur Welt, ist es einem gleich entwickelten Jahrgänger aus dem Dezember elf Monate voraus. Im Sport, wo Kraft und Grösse oft zentral sind, verfügen Frühgeborene damit über Vorteile. Als Folge werden sie eher für Auswahlteams aufgeboten und gefördert – was den Niveau­unterschied noch verstärkt und sie motiviert, weiter in ihren Sport zu investieren.

Spätgeborene erleben hingegen schon früh, wie frustrierend es sein kann, sich mit Grösseren und Stärkeren messen zu müssen. Diese weisen erst noch mehr Übung auf, sobald sie in ­Nationalkadern gefördert werden. Dieses Ungleichgewicht führt bei vielen Spätgeborenen dazu, sich vom Leistungssport abzuwenden. Schafft es einer aber, sich gegen alle Widerstände durchzusetzen, kann er oft sehr, sehr weit kommen. Mark Streit, im Dezember geboren, ist ein solches Beispiel, Xherdan Shaqiri (Oktober) ein anderes.

Die armen Dezember-Kinder

Selbst wenn Kinder im gleichen Monat geboren werden, können sie unterschiedlich weit entwickelt sein. Man spricht in diesem Zusammenhang vom biologischen Alter. Kinder mit dem gleichen Jahrgang können in ihrer Entwicklung mehrere Jahre auseinanderliegen – und müssen sich doch in derselben ­Altersstufe sportlich betätigen. Die ­bescheidensten statistischen Aussichten, es im Elitesport an die Spitze zu schaffen, weist demnach ein Dezember-Geborener auf, der unterdurchschnittlich entwickelt ist.

Obschon die Schweizer Sportverbände den Effekt kennen, haben sie erst in den letzten Jahren begonnen, ihre Förderung anzupassen. Am weitesten dürfte im Teamsport der Fussball­verband sein, Kraft seiner Möglichkeiten. Trotzdem sagt Laurent Prince, Chef Spitzenfussball beim SFV: «Wir befinden uns erst am Anfang der Entwicklung.»

Denn die Erkenntnis, dass die Talentsichtung und -förderung zu lange zu einseitig verlief, muss erst einmal bis zu ­allen Clubs vordringen. Zahlreiche Aufklärungskurse führte der SFV zuletzt durch und mahnt seine Nachwuchs­trainer: Lasst alle Kinder, egal ob klein oder gross, gleich lange spielen – und vergesst die Resultate. In den Kategorien der Jüngsten strich der SFV darum die Ranglisten.

Trainer und Eltern aufklären

Die Philosophie dahinter: Das Potenzial der Kinder soll höher bewertet werden als ihre aktuelle Leistung, was auch die Eltern begreifen müssen. Manche kritisieren die Coaches noch, wenn diese ­ihren kräftigen Zöglingen kleine Mitspieler gleichsetzen. Markus Graf, der Ausbildungschef von Swiss Ice Hockey, sagt darum: «Die Kommunikation ist entscheidend. Man muss Eltern und Trainern immer wieder erklären, warum wir unseren Ansatz verändert haben.»

Die Fussballer führten vor fünf Jahren gar Quoten ein, die Eishockeyaner auf diese Saison. Einige wenige Spieler, die in ihrer Entwicklung zurückliegen, dürfen in der nächsttieferen Altersklasse antreten. Es bedarf dafür aber eines ärztlichen Attests, man will die Meisterschaft nicht verfälschen. Während die Zahl der Einsätze im Eishockey auf drei pro Saison limitiert ist, gilt die Regelung bei entsprechenden Nachwuchsfussballern unbeschränkt. Da sämtliche Änderungen relativ neu sind, werden sie sich aber erst mit den Jahren auswirken. Noch bleibt der Vorteil der Frühgeborenen.

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