Der Verbissene lächelt plötzlich

Steve Guerdat galt mit seinen riesigen Ansprüchen als verkrampft, nun hat der Olympiasieger aber so gute Voraussetzungen wie noch nie.

Auf Bianca zu Bronze an den Weltreiterspielen: Steve Guerdat war noch nie so gut beritten.

Auf Bianca zu Bronze an den Weltreiterspielen: Steve Guerdat war noch nie so gut beritten. Bild: Keystone

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Es läuft bei Steve Guerdat. Und das seit Monaten. Im Sommer war er mit zehn fehlerfreien Runden der beste Reiter in den Nationenpreisen. Von den Weltreiterspielen in den USA kehrte er mit Einzel-Bronze zurück. Im Oktober stieg er fulminant in die Weltcup-Saison ein, punktete im Sattel von vier Pferden in allen sechs bisherigen Etappen und führt die Zwischenwertung an.

Damit ist er auch der Favorit an dem mit 2,2 Millionen Franken dotierten 58. CHI Genf vom Wochenende. Bei seinem Lieblingsturnier tritt Guerdat als Nr. 2 der Weltrangliste an. Seine sportliche Konstanz hat sich auch im Ranking niedergeschlagen: Von Position 10 Anfang Jahr kletterte er stetig nach oben und verbrachte die letzten zwei Monate unmittelbar hinter dem führenden Harrie Smolders, zu dem er den Abstand ständig verkleinert.

Erlebt Steve Guerdat momentan die erfolgreichste Zeit seiner Karriere? Der 36-Jährige relativiert: «Es ist ja nicht so, dass ich zweimal mehr gewinne als in den letzten fünf Jahren. Ich hatte schon früher gute Saisons und durfte grosse Erfolge feiern.» Aber der schlaksige Jurassier schlägt auch neue Töne an. Er spricht davon, «gerade eine superschöne Zeit zu erleben». Er habe «richtig Freude und Spass», sein Leben sei im Moment «perfekt», und «ich kann geniessen, wie gut es läuft».

Pferde auf höchstem Niveau

Sein enormer Ehrgeiz, der unbändige Wille, stets noch besser zu werden, die riesigen Ansprüche an sich selber, die ihn zu einem der besten Pferdesportler gemacht haben, sind ungebrochen. Doch Vokabular, Haltung und das gelöste Lächeln, das nun öfters auf seinem Gesicht liegt, verraten auch Aussenstehenden: Steve Guerdat ist lockerer und gelassener geworden. Etwas von seiner früheren Verbissenheit ist weg. Doch worauf gründet diese neue Zuversicht?

Da sind zum einen die Pferde, um die sich sein ganzes Leben dreht. Steve Guerdat war noch nie in seiner Karriere so gut beritten: In seinem Stall stehen mit Bianca, Hannah, Alamo, Ulysse des Forêts, Corbinian, Venard de Cerisy und Flair sieben Pferde, die er auf höchstem Niveau einsetzen kann. «Mit ihnen habe ich bei jedem Start eine Chance auf den Sieg», erklärt Guerdat. Früher sei er oft an Turniere gefahren und wusste schon im Voraus, dass es für ihn nichts als Erfahrung zu gewinnen gibt, zum Beispiel wenn seine Spitzenpferde gerade pausierten. Für den akribischen Planer, der die Starts seiner Pferde sorgfältig managt und ihnen stets genügend Zeit zur Regeneration zugesteht, wird die Einsatzplanung mit einem grösseren Lot an Cracks deutlich ­vereinfacht.

Die sieben Grand-Prix-Pferde sind auf sechs verschiedene Besitzer eingetragen, damit vermeidet der Reiter jegliches «Klumpenrisiko». Während seiner Laufbahn erfuhr er bitter, wie es ist, von einem einzigen Besitzer abhängig zu sein. Sei es als Handelsreiter von Jan Tops, der ihm stets die besten Pferde unter dem Sattel weg verkauft hatte, oder als Söldner des ukrainischen Oligarchen Oleksandr Onyschtschenko, der ihm seine Staatsbürgerschaft hatte aufzwingen wollen.

Partnerin teilt Leidenschaft

Wie gut heute das Einvernehmen mit seinen Besitzern ist, zeigt ein Deal, der letzte Woche bekannt wurde: Als sich Hannah Mytilineou, die griechische Eigentümerin von Bianca, entschloss, das WM-Pferd zu verkaufen, gab sie Guerdat die Möglichkeit, einen neuen Besitzer zu suchen. Diesen fand er unter seinen bisherigen Mäzenen: Das Hofgut Albführen, hinter dem Walter Frey mit seiner Emil-Frey-Gruppe steht, sicherte ihm Bianca mit Blick auf die Olympischen Spiele 2020.

Profitiert hat Steve Guerdat auch vom Schritt in die Selbstständigkeit. Im Februar 2017 zog er mit seinen Pferden nach Elgg bei Winterthur, wo er das Reitsportzentrum der bekannten Reiterfamilie Weier übernehmen konnte. «Wir fühlen uns alle sehr wohl in Elgg, nicht nur ich, sondern auch meine Mitarbeiter und vor allem meine Pferde, was sich positiv auf die Form von uns allen auswirkt», sagt Guerdat, der mit der französischen Amateur-Springreiterin Fanny Skalli eine Partnerin gefunden hat, die seine Leidenschaft für den Pferdesport teilt.

Nun folgt das Lieblingsturnier

Auf seiner eigenen Anlage könne er sich nicht nur alles genau so einrichten, wie er es für richtig halte, sondern habe dort auch einen Ort gefunden, «an dem meine Pferde und ich die Batterien aufladen können, wenn wir von den Turnieren nach Hause kommen».

Diese dürften sich am kommenden Wochenende kaum entleeren. Sondern energetisiert werden durch den Applaus der Zuschauer, die jeden Auftritt Steve Guerdats in den Palexpo-Hallen frenetisch bejubeln und ihn mit Gekreische, Transparenten und Spruchbändern feiern.

In seiner aktuellen Form ist der Olympiasieger von 2012 in Genf nicht nur Publikumsliebling, sondern in allen Prüfungen der Reiter, den es zu schlagen gilt. Zumal er Pferde in Bestform einsetzen kann: Im Top-10-Final der Weltrangliste, den Guerdat zum dritten Mal in Folge bestreitet, wird er auf Alamo setzen. Im Grossen Preis am Sonntag reitet er sein WM-Pferd Bianca. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.12.2018, 12:31 Uhr

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