Der Unterschied eines halben Kilos

20-jährig, Studentin und im ersten Anlauf die Limite für Olympia erfüllt: Die Stadtzürcherin Lisa Mamié ist eine Senkrechtstarterin und im Wasser übersensibel.

Dank der guten Technik den WM-Finals schon sehr nahe gekommen: Brustspezialistin Lisa Mamié. Foto: Patrick B. Krämer (Keystone)

Dank der guten Technik den WM-Finals schon sehr nahe gekommen: Brustspezialistin Lisa Mamié. Foto: Patrick B. Krämer (Keystone)

Es sprudelt, es quirlt, es ist, als wäre es gestern gewesen: Lisa Mamié sitzt im Restaurant Tschingg am Zürcher Stauffacher, bestellt einen Cappuccino und erzählt von ihren ersten Weltmeisterschaften auf der 50-m-Bahn bei der Elite. Diese liegen zwar bald zwei Wochen zurück, aber was sind schon zwei Wochen bei solchen Leistungen? Neunte über 200 m Brust, Elfte über 100 m. Nur Hundertstel­sekunden entschieden gegen sie, als Achte hätte sie sich Finalistin nennen dürfen. Hadern? Nein, sie weiss, sie hat noch viel Zeit. Und sie weiss, sie hat damit im ersten Anlauf die Limite für die Olympischen Spiele in Tokio im nächsten Sommer erfüllt.

Die 20-Jährige spricht mit viel Temperament, ihre Mutter ist Italienerin, der Vater Schweizer und in Uri aufgewachsen, die ­Familie lebt aber seit jeher in ­Zürich. Und ja, «da waren alle Grossen dabei», sagt sie stolz über ihre WM-Gegnerinnen. Mamié hat sich von ihnen nicht einschüchtern lassen, ihre einst ausgeprägte Nervosität hat sie mittlerweile im Griff. In Gwangju in Südkorea ist sie von Rekord zu Rekord geschwommen. Im Gegensatz zu etlichen anderen Schwimmern ist sie bereits am Morgen fähig, schnell zu schwimmen. Das ist für all jene von Vorteil, die ein paar Stunden nach dem Aufstehen bereits eine Bestleistung erbringen müssen, um sich für die Halbfinals vom Abend zu qualifizieren. «Ich war am Morgen schon immer gut», sagt sie. Dass sie dann aber auch Rekorde schwimmen kann, hat sie nicht erwartet.

Nach dem Jugend-Vierkampf nun Zürich, Turin, Toulouse

Es hätte sehr gut sein können, dass Mamié heute mit den Leichtathleten an die Team-EM nach Polen gereist wäre. Lange hat sie die beiden Sportarten parallel betrieben, schwimmen, rennen, werfen, springen. Der mamiésche Jugend-Vierkampf. Als es dann darum ging, mehr Zeit in den Sport zu investieren, um Fortschritte zu machen, musste sie sich festlegen. «Mit zwölf habe ich mich fürs Schwimmen entschieden, es machte mir mehr Spass», sagt sie. Der Aufwand hat sie nicht abgeschreckt, das Monotone, welches das Längenziehen haben kann, auch nicht. Seither schwimmt sie bei den Limmat Sharks in Oerlikon, nicht ganz unerheblich war, dass die ältere Schwester bereits diesem Club angehörte.

Inzwischen ist Mamié zur Reisenden in Sachen Schwimmen geworden. Seit dreieinhalb Jahren trainiert sie regelmässig auch in Turin, bei den Rari Nantes Torino, einem Sportclub mit langer Tradition. «Der Kontakt hat sich an einer Junioren-EM ergeben, sie hatten damals viele gute Brustschwimmerinnen», sagt Mamié, «und ich wollte schauen, ob es neue Inputs gibt.» Dirk Reinicke, ihr Trainer bei den Limmat Sharks, befürwortete den Versuch und später auch die Aufenthalte, seither hat sie «einen Trainer hier, einen da, und beide ergänzen sich». So weilte sie den ganzen Januar und Februar in Italien, arbeitete sehr technikorientiert – und bei besten Bedingungen.

 In Gwangju in Südkorea ist sie von Rekord zu Rekord geschwommen. 

Wo sich in Zürich zehn Schwimmer eine Bahn teilten, sind es in Turin zwei. Als Studentin der Literatur und Linguistik an der Uni Zürich wird sie irgendwann ihr Austauschjahr absolvieren, «das wird in Italien oder Frankreich sein», weiss sie schon jetzt. Denn: Die Reisende hat ein weiteres Standbein – in Toulouse. Dort trainiert sie immer dann, wenn sie ihren Freund besucht.

Wer Mamié begegnet, würde in ihr nicht eine Schwimmerin vermuten. Ihre 1,65 m und 52 kg bezeichnet sie denn auch als Schwäche, zudem baue sie nur schlecht Muskeln auf. Für eine Brustschwimmerin tatsächlich keine Pluspunkte. Mamié macht ihre ungenügende Wasserverdrängung zum Teil mit ihrer guten Technik und ihrer hohen Wasserlage wett. Und, wie sie sagt, mit ihrer Einstellung: «Ich weiss, was ich will.» Zudem hat sie noch eine Stärke, die allerdings auch schnell zu ihrer Schwäche werden kann. «Ich bin übersensibel im Wasser», sagt sie und holt zur Erklärung aus.

Eine falsche Bewegung kann sie ins Grübeln bringen

Macht Mamié auch nur die kleinste Bewegung im Wasser falsch, realisiert sie dies selber. «Es ist schon gut, sensibel zu sein», sagt sie. Doch oft bringe sie das auch in Schwierigkeiten. Sie gerate dann ins Studieren und Grübeln und Andersmachen – und aus dem Rhythmus. Habe sie an Gewicht zugenommen, sei das ähnlich. Wenn die Schweizer Rekordhalterin über 50, 100 und 200 m Brust von Zunehmen spricht, meint sie ein halbes bis höchstens ein Kilo. Doch bereits ein solcher Unterschied verändere ihre Wasserlage merklich, «ich spüre das sofort».

Und so gerne Mamié den trainingsfreien Sonntag hat, so sehr büsst sie am Montag dafür. Das Wassergefühl ist dann nicht das gleiche wie an einem Dienstag oder Mittwoch. Deshalb hat sie sich angewöhnt, in Wochen mit Meisterschaften, auch am Sonntag zuvor leicht zu schwimmen. Sonst ist das Montagstraining ein verlorenes. Nun, nach dem grossen WM-Effort, stehen ebensolche Ferien an. Danach? Die Suche nach dem Wassergefühl.

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