Der ewige Retter

In perfekter Zusammenarbeit mit der Latte, ist der Pfosten zum beliebten Tummelfeld der Haderer geworden.

Der beste Freund des Torhüters: Der Pfosten verhindert so manch sicher geglaubten Treffer.

Der beste Freund des Torhüters: Der Pfosten verhindert so manch sicher geglaubten Treffer.

(Bild: Keystone)

Martin Born@mborn

Klar, selber Tore schiessen ist besser. Und vielleicht ist es auch reizvoller, den entscheidenden letzten Pass zu spielen. Doch wem das nicht gegeben ist, der muss sich darauf beschränken, Tore zu verhindern, was gerade im Playoff über allem steht und so viele Fussballspiele langweilig macht. Um das zu schaffen, muss ich sprung­kräftig, beweglich, reflexschnell und fangsicher sein. Oder schnell, hart, kopfballstark, kompromisslos und traumwandlerisch sicher im Stellungsspiel. Dann werde ich, wie es im Jargon heisst, als Goalie oder Verteidiger zum «Retter in höchster Not».

Es braucht viel Talent und noch mehr Training, um diesen Status zu erreichen. Viele träumen davon, nur wenige schaffen es. Dabei wäre es so einfach. Und manchmal, wenn ich auf meine erfolglose Fussball- und Eishockeykarriere zurückblicke, frage ich mich, warum ich nicht den einfacheren Weg gewählt habe, um zum ultimativen Retter zu werden. Warum ich nicht Torpfosten oder eine Torumrandung aus Eisen geworden bin. Da hätte ich nur hinstehen und warten müssen, bis mich jemand mit einem Ball oder einem Puck trifft, um gefeiert zu werden.

Gebe ich bei Google «Pfosten rettet» ein, komme ich auf 139'000 Treffer. Das ist siebenmal mehr, als es für «Benaglio rettet» gibt. Die wie immer schwer durchschaubare Google-Präferenzliste der Geretteten führt der VfL Wolfsburg vor dem VfB Stuttgart an. Es folgen die Handballerinnen aus Bruckhausen, Hertha, Nürnberg, Hannover, Bayern München, der SV Schutterzell, der Hannover-Trainer Mirko Slomka, die Handballer von Haltern, Werder III, der HC Aschersleben, Hollstadt, Dorfen, Köfering, Rot-Weiss Ahlen und die SG Buchbrunn/Mainstockheim. Womit Google wieder einmal Bildungslücken schliesst.

Bis jetzt hatte ich keine Ahnung, dass es Buchbrunn und Mainstockheim gibt. Jetzt weiss ich: Die beiden Gemeinden mit 1120 beziehungsweise 1928 Einwohnern liegen im unterfränkischen Landkreis Kitzingen und sind Mitglied der Verwaltungsgemeinschaft Kitzingen. Der TSV Buchbrunn e. V. 1947 und der 1. FC Mainstockheim 1919 e. V. bilden eine Spielvereinigung, die in der bayrischen Kreisliga, Kreis Würzburg unter anderem gegen den TSV Reichenberg, die ASV Rimpar II, den FC Hopferstadt, Dettelbach und Ortsteile, SpVgg Giebelstadt, FVgg Kitzingen II, SpVgg Gülchsheim und den TSV Grombühl spielt. Für Sie gilt: Auch beim Lesen einer Kolumne können Sie sich weiterbilden.

Mirakulöse Abwehr

«Le Poteau sauve Lausanne».Wer am Samstag genug hatte vom einseitigen siebten Viertelfinal im Hallenstadion und zu den Welschen umschaltete, erlebte wohl die lauteste Rettung eines Pfostens in der Schweizer Sport­geschichte. Die Stimme des Reporters – im Vergleich dazu klingt Kevin Schläpfer bei Spielende so klar wie einst Pavarotti – hatte sich noch nicht ganz vom Tor­jubel nach Lausannes spätem Ausgleich in Bern erholt, als wenige Sekunden vor Schluss der rechte Pfosten mirakulös (auch so ein Lieblingswort) abwehrte und das 2:1 für den SCB verhinderte. In der Verlängerung wollte es der linke Pfosten seinem rechten Kollegen gleich tun. Auch er rettete für den geschlagenen Huet, nur: Der Abpraller wurde zum perfekten Pass für Berns Ersatzausländer Jesse Joensuu, der keine Mühe hatte, um zwischen Held und Trottel (wird ihm wenigstens ein Assist gut­geschrieben?) ins Netz zu treffen.

In perfekter Zusammenarbeit mit der Latte, ist der Pfosten zum beliebten Tummelfeld der Haderer geworden. Früher registrierte man missmutig die Holztreffer, heute bewegen uns die Knaller ans Aluminium, das sich bei all dem Lamento manchmal wohl am liebsten in Luft auflösen würde, hätte es nicht die Aufgabe, alles, was nicht ins 7,32 m breite und 2,44 m hohe Ziel trifft, als Fehlschuss zu bewerten. Es ist wie bei der Schwangerschaft: Ein bisschen Tor gibt es nicht. Dafür gibt es in der Bundesliga eine Statistik. Im letzten Jahr waren die Nürnberger die unbestrittenen Aluminiumkönige. 23-mal retteten Pfosten und Latte für den Gegner, 18-mal durfte sich der Nürnberg-Goalie bei seinem Gehäuse bedanken. Fazit: Abstieg.

Richtig zum Leben erweckt wurde der Pfosten in der langen Geschichte des Fussballs wohl erst einmal. Das Wunder glückte dem Schweizer TV-Reporter der ersten Stunde, Jan Hiermeyer, der vom Studio aus ein italienisches Spiel begleitete. Als der Ball an den Pfosten krachte, verliess er sich auf den italienischen Kollegen, den er im Ohr hatte. «Palo», hatte der geschrien, also gab Hiermeyer die Information weiter: «Pfostenschuss von Palo!» Der spielte zwar nicht mit. Aber Palo heisst Pfosten auf Italienisch.

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